Kolumne
Zwischen Kisten, Koffern und Kartons

Zu Recht hängt das Herz oft an Gegenständen. Es gibt aber Zeiten, da braucht man Ratschläge von Minimalisten, die mit ganz wenigen Dingen auskommen.

Blanca Imboden
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Kennen Sie Cédric Waldburger? Er wurde im Schweizer Fernsehen porträtiert, weil er nur 64 Dinge besitzt. Er reist als digitaler Nomade mit leichtem Gepäck von Hotel zu Hotel. Auch Dave Bruno findet man im Internet. Er hat seinen Besitz innerhalb eines Jahres auf 100 Dinge reduziert. Ein ganzes Jahr lang hat er nichts mehr gekauft, ausser ein Surfbrett. Eine Konsumfastenkur, so rät man mir im Internet, sei die Lösung.

Herz hängt oft an Gegenständen

Die Lösung für was? Ich liebe es, mich mit Dingen zu umgeben, hänge mein Herz oft an Gegenstände. Beispielsweise an eine Holzfigur von einem Markt im kenianischen Hochland, für die ich viel zu viel bezahlt habe, wie ich hinterher erfahren musste; an eine alte Schreibmaschine, Remington Noiseless 6, ein Familienerbstück, schön wie eine Skulptur; an meine gelben Blumentöpfe mit Grünpflanzen; an die unzähligen Bücher, die ich alle irgendwann einmal lesen möchte…

Eigentlich habe ich diese Minimalisten bisher belächelt.

Ein typisches Wohlstandsproblem: Wir haben zu viele Dinge, sammeln und horten. Aber warum müssen wir deshalb gleich das Gegenteil zelebrieren und Leute bewundern, die nur mit Tisch und Stuhl und Bett zufrieden sind und in ansonsten leeren Wohnungen hausen?

Zwanzig sperrige Zügelkisten

Hier und heute allerdings, da habe ich mich neiderfüllt im Internet mit diesen Minimalisten beschäftigt, ihre Tipps und Tricks zum Entrümpeln und Entsorgen gelesen. Wie lässt man los, wie baut man ab? Ich habe nach Ratschlägen gesucht. Warum? Ich ziehe um.

Vor meinem Schreibtisch versperren zwanzig Zügelkisten die Aussicht auf den Fronalpstock und den Urmiberg. Dann gibt es noch Spezialkisten für hängende Kleider oder Gläser, einige Koffer und Schachteln.

Wie schön wäre es jetzt, ich hätte nur 100 Dinge.

Nicht eine einzige Kiste bräuchte ich für den Umzug! Und sicher keine Umzugsfirma. Natürlich konstruiere ich Vorsätze für die Zukunft: Weniger kaufen, weniger besitzen, weniger sammeln.

Veränderung die einzige Konstante

Mein Leben ist im Umbruch. Ich breche meine Zelte in Ibach ab und ziehe nach Malters. Nach 56 Jahren ist das ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein grosser für mich. Die einzige Konstante im Leben sei die Veränderung, las ich mal irgendwo. So ist es. In den letzten Jahren wurde ich immer wieder zu Veränderungen gezwungen, viele davon waren zu meinem Vorteil.

Diese Kolumne wird die letzte in dieser Zeitung sein. Die Rückmeldungen und der Austausch mit meiner Leserschaft werden mir fehlen. Man hat mit mir gelitten und mitgefühlt, als es mir schlecht ging, hat meine Gedanken zu allen möglichen Themen kommentiert und kritisiert. Neulich meinte eine Leserin, die mir am Stanserhorn begegnete:

«Sie müssen wissen, dass uns Ihre Texte wichtig sind.»

Das tat gut. Aber jetzt ist meine Zeit als Kolumnistin hier Geschichte. Keiner weiss, was diese Veränderung mir bringen wird. Sollten Ihnen meine Texte fehlen: Ich schreibe auch Bücher…

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