Die Wohnung war ziemlich heruntergekommen, die Lage auch nicht die beste. Aber in dieser kleinen Wohnung in Zürich direkt neben der Hardbrücke kreierten Markus und Daniel Freitag im Jahr 1993 etwas Grosses, Zukunftsträchtiges: eine Tasche aus Lastwagenplanen.

Die sperrigen Ungetüme, welche die Brüder bei einer Speditionsfirma in Schlieren entdeckten, wären im Abfall gelandet, so aber erhielten sie, zweckentfremdet, die Chance auf ein zweites Leben. Und was für eines. Die bunten Taschen wurden daraufhin jahrelang gehypt, nicht nur in der Schweiz.

Silberring aus einer Gabel der englischen Upcycle-Künstlerin Megan Woolford.

Silberring aus einer Gabel der englischen Upcycle-Künstlerin Megan Woolford.

Sie und zig weitere Produktversionen wie Kreditkartenwallets, Rucksäcke, Handy- oder Laptoptaschen gibt es heute in 460 Geschäften rund um den Erdball zu kaufen.
Die Erfolgsstory der Gebrüder Freitag markierte den Beginn einer Gegenbewegung, dem sich Auflehnen gegen die Wegwerfgesellschaft. Upcycling heisst der Trend, aus Müll, aus alten Dingen etwas Neues zu machen – ganz im Sinne der Nachhaltigkeit!

Der Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt, wie die 89 Einsendungen des aktuellen Reparatur- und Upcyclingwettbewerbs der Plattform reparaturführer.ch zeigen. Aus gebrauchten Nespresso-Kapseln wurden ein Spiegel, Teelichter und gar eine Halskette kreiert.

Aus einem alten Schirm wird eine Einkaufstasche, einem ausgedienten Wasserhahn als Lampe neues Leben eingehaucht, aus alten Pneus eine Polstergruppe gebaut. «Wir wollen die Leute fürs Reparieren und Weiterverwerten sensibilisieren», sagt Martina Tschan, Geschäftsführerin des Vereins Reparaturführer.ch. Die Organisation gibt es seit 1996 und sie wird inzwischen von 20 Kantonen unterstützt – im Mittelland fehlt nur der Kanton Aargau.

Eine verrostete Gemüseraffel wurde von Nela Bildstein bemalt, zum schicken Schmuckständer umfunktioniert.

Eine verrostete Gemüseraffel wurde von Nela Bildstein bemalt, zum schicken Schmuckständer umfunktioniert.

In der Freizeit die Leidenschaft

«Upcycling ist in», sagt Tschan, «in die schweizweit 90 Repair-Cafés kommen auch viele Junge.» Noch lieber als repariert wird also etwas Neues geschaffen. Und wie bei den Brüdern Freitag ist es bei manchen längst nicht mehr nur ein Hobby, sondern ein Geschäftsmodell.

Dennoch können die meisten Künstler nicht davon leben. Auch der 39-jährige Basler Upcycling-Designer Andreas Neuland nicht. Er arbeitet Vollzeit als Kameramann und verwendet die Freizeit für seine Leidenschaft. Mit einer Lampe aus Kinderüberraschungseiern hat er am «Repcontest» von reparaturführer.ch teilgenommen.

Velorad-Uhr des Design- Studios TDS aus Kenia. Auf dem afrikanischen Kontinent ist Upcycling seit Jahren nicht nur cool, sondern wirtschaftlich.

Velorad-Uhr des Design- Studios TDS aus Kenia. Auf dem afrikanischen Kontinent ist Upcycling seit Jahren nicht nur cool, sondern wirtschaftlich.

Die 500 Plastikkapseln entdeckte er zufällig auf Ebay und verschraubte diese zur Design-Lampe im Honigwaben-Look. Auf Ebay fand er auch alte Briefmarkensammlungen, mit denen er Lampenschirme dekoriert. Oder er fertigt aus ausgehöhlten Büchern Schatzkästchen an. «Die Produkte haben für mich viel mehr Wert, als wenn ich sie kaufen würde», sagt Andreas Neuland. So erklärt sich der Boom des Upcycling: Die Macher erleben es als sehr erfüllend, etwas mit den eigenen Händen zu schaffen in einem Alltag, in dem sonst mehr konsumiert als produziert wird.

Diese Lampe von Urs Zimmermann war mal ein Wasserhahn.

Diese Lampe von Urs Zimmermann war mal ein Wasserhahn.

Ausserdem erheitern die upgecycelten Produkte mit ihrer neuen Identität: Die Fischerrute, die jetzt eine Ständerlampe ist, der Krämerladen, der mal ein Wickeltisch war. Und eben: die Schirm-Handtasche oder die Wasserhahnlampe. Objekte mit Geschichte.

Upcycling ist mittlerweile so populär, dass die grossen Konzerne es als Marketinginstrument entdeckt haben und mit «Green PR» versuchen, für positive Presse zu sorgen. So produzierte der Sportriese Adidas eine Kleider- und Schuhlinie aus Ozeanplastik. Das kam nur bedingt gut an.

Aus hunderten Kinderüberraschungseiern gefertigt: Die Lampe Honey Galore des Baslers Andreas Neuland.

Aus hunderten Kinderüberraschungseiern gefertigt: Die Lampe Honey Galore des Baslers Andreas Neuland.

Gerade Umweltschützer fragten sich, warum Adidas nicht durchweg so produziert. Erst dann sei der Effekt gross und die Produktion richtig nachhaltig. Und genau das ist ja das grosse Ziel des Upcycling.