Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich in einem Ferienort, in welchem Sie zuletzt vor einigen Jahren waren. Eben wurden Sie Opfer eines Raubüberfalls, zwar mit geringem Verlust, doch Sie wurden mit einem Messer bedroht.

Nun sind Sie aufgewühlt und müssen entscheiden, in welchem Restaurant Sie das Nachtessen einnehmen werden. Werden Sie einfach mal drauflosschlendern in der Annahme, dass sich bestimmt was Gutes finden lassen wird? Werden Sie online gehen und Ratings der Lokale auf Tripadvisor vergleichen? Oder werden Sie das einzige Restaurant aufsuchen, das Sie bereits kennen, weil Sie gestern da waren?

Wahrscheinlich Letzteres. Denn wie Psychologen herausfanden: Eine existenzielle Bedrohung kann bereits existierende Gefühle der Ungewissheit unangenehmer machen und Menschen dazu bringen, schneller klare Urteile zu fällen und Entscheidungen zu treffen.

«Bedürfnis nach kognitiver Abgeschlossenheit» nennt die Psychologie unsere Nachfrage nach bestimmten, klaren Antworten in ungewissen Situationen. Besonders wichtig: Die Antwort wird in erster Linie akzeptiert, weil sie verfügbar ist und damit eine Alternative zum Aushalten von Ungewissheit und Zweifeln darstellt.

Terroristen wollen klare Antworten

Wären andere Lokale nicht mindestens so gut wie die bekannte Pizzeria ums Eck? Ob Sie es in der erwähnten Situation herausfinden wollen oder nicht, hängt jedenfalls von ihrem Bedürfnis nach kognitiver Abgeschlossenheit ab.

Vor dem Hintergrund der immer schnelleren technologischen Entwicklung, der globalen Vernetzung und daher auch ungewisser Zukunftsvorhersagen ist unser Umgang mit Ungewissheit jüngst in den Fokus gerückt.

Die britische Ökonomin Noreena Hertz bezeichnete den Umgang mit Unordnung als eine der gegenwärtig fundamentalsten Herausforderungen. Und der italienische Soziologe Diego Gambetta, welcher die Korrelation von Terror und Berufswahl erforschte, nannte kürzlich in einem Interview mit der «NZZ am Sonntag» ein besonders starkes Bedürfnis nach kognitiver Abgeschlossenheit als eine zentrale Charaktereigenschaft von Terroristen.

Selbstverständlich benötigen Menschen einen Denkmechanismus, der ihnen hilft, Entscheidungen zu fällen. Ohne Bedürfnis nach kognitiver Abgeschlossenheit würden wir gar nichts tun. Zudem sind die Konsequenzen der meisten Entscheidungen, die wir fällen, auch selten dramatisch oder der Zeitdruck nicht besonders hoch. Sollen wir dieses oder jenes Auto kaufen? Sollen wir die Ersparnisse bereits dieses Jahr in eine Hypothek investieren?

Meist nicht besonders einschneidende Entscheidungen. Und doch: Vor etwa dreissig Jahren begann der Psychologe Arie Kruglanski zu untersuchen, wie Menschen unter nur wenig mehr Druck entscheiden und wie sich dabei unser individuelles Bedürfnis nach kognitiver Abgeschlossenheit verändert. Er fand bemerkenswerte Denkmuster.

In einer der ersten Studien Kruglanskis wurden Versuchspersonen in die Rollen von Jury-Mitgliedern in einem Fall ohne klare Beweislage versetzt. Dann wurden sie aufgefordert, ein Urteil zu fällen. Danach mussten sie mit einem anderen Juror, der dank mehr Beweisen eine klarere Meinung vertrat, verhandeln.

Diese Verhandlung wurde entweder in einem ruhigen Sitzungszimmer oder einem Raum, in de ein Drucker störenden Lärm erzeugte, durchgeführt. Wer in einem ruhigen Zimmer verhandelte, brauchte länger, um sich zu einigen. Juroren im Zimmer mit dem lärmenden Drucker legten sich schneller fest und waren eher bereit, auf die Meinung des klarer argumentierenden Kollegen umzuschwenken.

Nach Kruglanskis Studie wurden diese Denkmuster immer detaillierter erforscht und man fand heraus: In Stresssituationen tendieren wir dazu, Leuten aus unserem sozialen Umfeld eher zu vertrauen. Wenn wir müde oder in Eile sind, neigen wir zu voreiligen Schlüssen oder geben uns mit Stereotypen zufrieden.

Oder eben: Wenn wir etwa durch eine Gewalttat an unsere Sterblichkeit erinnert werden, fällen wir schneller Entscheidungen. «Ungewissheiten beschleunigen unseren Drang nach Gewissheit», schreibt der amerikanische Journalist Jamie Holmes, der letztes Jahr das Buch «Nonsense: The Power of Not Knowing» veröffentlichte.

Er vergleicht das Bedürfnis nach kognitiver Abgeschlossenheit mit Fenstern in unsere offenen Köpfe, welche geschlossen werden. «Je grösser der Druck, desto eher werden die Fenster nicht nur geschlossen, sondern zugeschlagen und verriegelt.» Ein unbekanntes Restaurant kommt dann nicht mehr infrage. Ist aber natürlich auch nicht besonders relevant.

Mehr Extremismus

Gewichtiger wird dieses Bedürfnis, wenn wir uns mit politischer Meinungsbildung auseinandersetzen. Dass vor der gegenwärtig ungewissen Weltlage mehr Menschen zu extremen politischen Positionen neigen, ist gemäss dem Entscheidungsforscher Daniel Hausmann durchaus nachvollziehbar. Hausmann erforscht an der Universität Zürich besonders konkrete Entscheidungsstrategien.

Er hat dazu beispielsweise das Vorgehen von Ärzten untersucht. Der Forscher wollte wissen, wie viel Information Ärzte sammeln, bevor sie sich entscheiden. Mithilfe eines Verhaltenstests hat er festgestellt, dass junge Ärzte deutlich mehr Information vor der Entscheidungsfindung suchen, als eine vergleichbare Gruppe junger Männer. Die Entscheidungserfahrung von Ärzten unter Druck führt wohl zu einer gewissen Gelassenheit in ungewissen Situationen.

«Ärzte haben einen besonders hohen Anspruch an Urteilssicherheit», sagt Hausmann. Entscheidungsprofis wie Ärzte scheinen also grundsätzlich geduldiger zu agieren und verfügbare Information auch zu nutzen, um sich ein möglichst genaues Urteil bilden zu können. Sie sind eher bereit, gemachte Meinungen zu ändern, sollte es die Faktenlage rechtfertigen. In unserem Beispiel würden Sie also wohl eher Online-Bewertungen der Restaurants vergleichen.

Ohne Ungewissheit keine Freiheit

Doch sind die Bewertungen im Netz zuverlässig oder wecken sie bloss Illusionen? Die immer zahlreicher online verfügbaren Informationen könnten uns darauf schliessen lassen, dass wir daran sind, Ungewissheit erfolgreich zu minimieren.

Wählen wir fürs Abendessen in der fremden Stadt tatsächlich das Restaurant mit den meisten positiven Bewertungen? Und garantiert uns dies auch wirklich ein feines Mahl? Womöglich nicht. Und ist es denn nicht immer noch viel schöner, angenehm überrascht zu werden, als bestenfalls bloss eine Annahme bestätigt zu erhalten?

Der verstorbene deutsche Intellektuelle Frank Schirrmacher meinte in seinem Buch «Payback» bereits vor sieben Jahren: «Keine Information beseitigt Ungewissheiten. Ungewissheiten sind die Voraussetzung unserer Freiheit».

Dass wir lernen, Ungewissheiten auszuhalten oder gar produktiv zu nutzen, fordert US-Autor Jamie Holmes. Die Illusion zu wissen sei häufig schädlicher, als etwas nicht zu wissen. Er zeigt Beispiele von erfolgreichen Lehrpersonen, welche Schülern gezielt Aufgaben geben, an denen sie scheitern, um ihnen die Furcht vor der Ungewissheit zu nehmen.

Für Holmes ist denn auch klar: «Wenn wir unsere Ungewissheiten besitzen, werden wir kreativer, gütiger und lebendiger.» Nehmen wir also an, Sie würden an diesem Ferienabend trotz des mulmigen Gefühls das Fenster in ihren Kopf offenhalten und einfach drauflosgehen.

Gut möglich, dass Sie in einer schmalen Gasse des Ferienorts ein kleines Lokal entdecken, das sie nicht kannten, das keine Website hat und deren Kellner Sie herzlich mit hervorragendem Essen bewirtet. Gut möglich, nicht?