Künstliche Befruchtung
Wo liegt die Grenze der Fruchtbarkeit?

Die Krankenkasse Intras weigerte sich, einer 44-jährigen Frau eine Fruchtbarkeitsbehandlung zu bezahlen. Sie sei zu alt. Laut Bundesgericht darf das Alter aber kein Hindernis sein. Womöglich entscheiden bald Hormontests über die Finanzierung.

Anna Wanner
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Das Bundesgericht lässt die Alterslimite für künstliche Befruchtung offen. (Symbolbild)

Das Bundesgericht lässt die Alterslimite für künstliche Befruchtung offen. (Symbolbild)

Keystone

Eine 44-jährige Frau wollte sich 2012 hormonell behandeln lassen, um sich ihren Kinderwunsch zu erfüllen. Doch die Frau aus dem Kanton Waadt blitzte bei ihrer Krankenkasse ab. Diese weigerte sich, die 3000 Franken zu bezahlen. Der Grund: Die Unfruchtbarkeit einer über 40-jährigen Frau sei keine Krankheit sondern ein altersbedingtes körperliches Problem. So zumindest argumentierte die verantwortliche Krankenkasse Intras.

Die Frau liess den Entscheid nicht auf sich sitzen und zog den Fall vor Gericht. Die Ausgangslage spricht auf den ersten Blick für sie: Weder das Gesetz noch die Verordnung sieht eine Alterslimite für Fruchtbarkeitsbehandlungen vor. Im Gesetz festgelegt ist nur ganz grundsätzlich, dass die obligatorische Krankenpflegeversicherung alle Kosten für Leistungen übernimmt, «die der Diagnose oder Behandlung einer Krankheit und ihrer Folgen dienen».

Wer hat Recht?

Tatsächlich wird Unfruchtbarkeit als Krankheit behandelt und einzelne Therapien werden auch von der Krankenkasse vergütet – jedoch nicht grenzenlos. Meist entscheidet der Gynäkologe, ob eine Fruchtbarkeitsbehandlung auch sinnvoll ist. Der Krankenkasse steht es zu, die Finanzierung zu verweigern, falls die Behandlung entweder nicht wirtschaftlich, nicht zweckmässig oder nicht wirksam ist.

Intras stellte die Wirksamkeit infrage. Zwar empfahl die Gynäkologin die Behandlung. Die Frau hätte durch eine Stimulation der Eizellen und eine Insemination schwanger werden können. Das Waadtländer Kantonsgericht stützte sich auf diese Angaben und verdonnerte die Krankenkasse dazu, die rund 3000 Franken zu bezahlen.

Gestern kehrte das Bundesgericht den Entscheid um. Der Grund: Das Kantonsgericht habe sich auf veraltete Untersuchungswerte gestützt und Intras zu Unrecht verpflichtet, die Behandlung zu finanzieren.

Einer von vier Versuchen klappt

Der Erfolg der Fruchtbarkeitsbehandlung hängt nicht alleine vom Alter der Frau ab, sondern auch von der Qualität der Ei- und Samenzellen. Weil heute die Zellen eingepflanzt werden müssen, sobald sie befruchtet sind, gleicht der Vorgang einem Blindflug: Nur in 37 Prozent der Fälle kam es 2014 zu einer Schwangerschaft. Und falls die Frau doch schwanger wurde, erlitt sie in einem von vier Fällen eine Fehlgeburt. Deshalb setzten sich die Fortpflanzungsmediziner für die Präimplantationsdiagnostik (PID) ein, über welche die Schweizer Bevölkerung am 5. Juni abstimmen muss. Fünf Tage nach der künstlichen Befruchtung, wenn die Ei- und Samenzelle zu einem Embryo verschmolzen sind, kann ein Arzt testen, ob und welcher Embryo überhaupt überlebensfähig ist. In den Mutterleib übertragen würden dann nur aussichtreiche Kandidaten. Die Gegner der PID befürchten allerdings, dass diese Tests missbraucht werden könnten. (wan)

Verzicht auf eine Altersgrenze

Auf Anfrage sagt die CSS Versicherung, zu welcher Intras gehört, dass die CSS in Fällen einer künstlichen Befruchtung «bereits bisher» keine fixe Altersgrenze angewendet habe. «Vielmehr wurden die entsprechenden Fälle einzeln geprüft. Das galt insbesondere für Frauen, die das 40. Altersjahr überschritten hatten», so die CSS. In der Versicherungsbranche gilt die Faustregel, dass eine Fruchtbarkeitsbehandlung bei über 40-Jährigen kaum mehr Früchte trägt. Die Bundesrichter unterliessen es gestern aber, einen Entscheid über eine feste Altersgrenze zu fällen.

Biologische Uhr tickt trotzdem

Der Entscheid des Bundesgerichts sei richtig, sagt Fortpflanzungsspezialist Christian de Geyter vom Universitätsspital Basel. «Die Fruchtbarkeit endet nicht bei einer festen Altersgrenze. Auch Frauen über 40 können noch über intakte Eierstockreserven verfügen.» Die Grenze sei also nicht nach chronologischem sondern biologischem Alter festzulegen. Dazu dient ein Hormontest, der die Fertilität einer Frau bestimmen kann. Oder in de Geyters Worten: wie gross die Reserve an Eizellen ist. Am höchsten sei der Wert mit 27. Dann nimmt er rapide ab und ist spätestens ab der Menopause nicht mehr messbar. Das entscheidende Hormon entwickelt sich bei jeder Frau unterschiedlich. Ob die Karriere im Weg steht oder sich die Partnerwahl verzögert – der allgemeine gesellschaftliche Trend ist klar: Paare entscheiden sich immer später im Leben, Kinder zu kriegen. In den Siebzigerjahren lag das durchschnittliche Alter der Mütter bei der Geburt unter 28 Jahren, heute liegt es über 31. Tendenz steigend.

Getty Images/iStockphoto

Vor Therapie zum Hormontest

Auch wenn es vorerst kein festes Alter für Fruchtbarkeitsbehandlungen gibt, kommen Frauen trotzdem an eine biologische Grenze, wie Christian de Geyter sagt. «Ich habe noch keine Frau erlebt, die mit 45 nach einer hormonellen Stimulation schwanger wurde.» Aufgrund des Bundesgerichtsentscheids geht er davon aus, dass die Versicherer sich in Zukunft einen neuen Massstab schaffen, um zu entscheiden, ob sie einer Frau die Fruchtbarkeitsbehandlung finanzieren: Frauen müssen den erwähnten Hormontest machen, bevor sie sich einer kassenpflichtigen Behandlung unterziehen. Die CSS konnte gestern aber noch nicht beurteilen, wie sie auf den Entscheid des Bundesgerichts reagieren wird.

Altersgrenze nicht vom Tisch?

Das Thema ist freilich auch deshalb delikat, weil die obligatorische Krankenversicherung auf dem Solidaritätsprinzip beruht. Es stellt sich also die Frage, ob die Allgemeinheit auch jenen Frauen Fruchtbarkeitsbehandlungen finanzieren muss, bei denen eine Schwangerschaft von Beginn weg aussichtslos ist? Anders als der Fortpflanzungsmediziner ist Thomas Gächter, Professor für Sozialversicherungsrecht an der Universität Zürich, der Meinung, dass der Bundesrat in der Verordnung eine Alterslimite festlegen soll.

Glossar

Die vielen Ursachen der Unfruchtbarkeit verlange verschiedene Behandlungen:

Hormonelle Stimulation Nach Beginn des Zyklus werden der Frau täglich Fruchtbarkeitshormone gespritzt. Wenn die Follikel gross genug sind, wird der Eisprung ausgelöst und die Eizelle über Geschlechtsverkehr oder Insemination befruchtet. Bezahlt Krankenkasse.

Insemination Wenn der Mann nur wenige Samenzellen hat, diese unbeweglich oder verformt sind, kann durch Insemination der Erfolg einer Befruchtung erhöht werden. Beim Eisprung werden die Spermien in die Gebärmutter geleitet. Die Krankenkasse zahlt üblicherweise drei Behandlungszyklen.

In-vitro-Fertilisation (IVF) Wenn die ersten beiden Methoden nicht zur Schwangerschaft führen, gibt es die Möglichkeit einer In-vitro-Fertilisation: Dazu werden Ei- und Samenzellen entnommen und in einer Glasschale zusammengebracht. Die befruchtete Eizelle wird dann in die Gebärmutter übertragen. Die Krankenkasse trägt die Kosten dieser Therapie nicht (5000 bis 10000 Franken).

Einfrieren von Eizellen Nach der Hormonbehandlung lassen sich drei bis zehn Eizellen gewinnen. Pro Zyklus dürfen aber nur drei befruchtete Eizellen in die Gebärmutter übertragen werden. Wenn die Spermien in mehr als drei Eizellen eingedrungen sind, dürfen die überzähligen eingefroren werden. Die Eizellen können in späteren Zyklen aufgetaut und in die Gebärmutter übertragen werden. Die Kosten für die sogenannte Kryokonservierung müssen ebenfalls von den Betroffenen bezahlt werden (500 bis 1000 Franken).
Quelle: www.kinderwunsch.ch

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