Reportage
Wieso in den Himalaja, wenn das einsame Val Medel gleich um die Ecke ist?

Im Val Medel wurde aus einem Altersheim ein Hotel und Kulturort. Von dort aus zeigt sich das Tal jeden Tag von einer anderen Seite. Meist wandert man einsam.

Martina Bortolani
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Der Rein da Plattas entspringt dem Medelsergletscher und liegt am Hüttenweg.

Der Rein da Plattas entspringt dem Medelsergletscher und liegt am Hüttenweg.

Bild: Nicole Matschoss

Nur gerade 40 Minuten Geduld braucht man, um nach den bekanntlich eher menschenreichen Ferienorten Flims und Laax in eine wahre Slow-Tourismus-Destination im Bündnerland zu gelangen. An Disentis vorbei und direkt nach Curaglia in das Val Medel.

Bild: Nicole Matschoss

Der Gemeindepräsident höchstpersönlich empfängt uns. Rico Tuor, in Disentis geboren, studierter Geograf – und Hotel-Mitbetreiber. Tuor hat die Umnutzung eines leerstehende Altersheims im Auftrag der Gemeinde geplant, heute ist es ein schmuckes Berghotel mit 15 Zimmern: das Medelina.

Der 42-Jährige hat den Umbau zusammen mit Livia Werder, 33, ursprünglich Sozialpädagogin aus Zürich, die einige Sommer lang in der SAC-Hütte Cavardiras oberhalb Disentis gearbeitet hat, und dem Medelser Architekten Conrad Pally realisiert. Das Medelina, wo auch Konzerte, Ausstellungen und Lesungen stattfinden, ist ein alternatives, ökologisches Hotel, aber auf eine sehr moderne Art mit der Ausstrahlung von klarem Bergseewasser wie jenem im Lago Retico auf 2372 Meter über Meer.

Von hier aus gelangt man in vier Stunden über ein Seitental des Val Medel, das Val Plattas, hinauf zur Medelserhütte.

Bild: zvg

Wer einen Feldstecher um den Hals trägt, tut gut daran, öfters nach Steinböcken Ausschau zu halten. Wer es ruhiger mag, dem sei der Wanderweg der Sinne – romanisch «Senda dils senns» – zu empfehlen. Mit (fitten) Kindern gibt es hier allerhand aus der Natur zu sehen, zu hören, zu riechen und zu fühlen. Distanz: 4,9 Kilometer, Dauer: 2½ Stunden.

Das Tal ist ideal zum Wandern in der Nebensaison

Das wilde Medelser Tal zwischen dem Bündnerland und dem Kanton Tessin ist aber für viele Touren in der Herbst- und Nebensaison ein besonderer Wandertipp (siehe Box).

Wandertipps im Val Medel

Tour 1
Für Genusswanderer mit Musse


Route: Curaglia–Pardatsch–Alp Soliva–Soliva–Curaglia
Wanderzeit: 4h
Distanz: 10½ Kilometer, 765 Höhenmeter

Von Curaglia an der Dorfkirche vorbei Richtung Hotel Medelina. In der zweiten Kurve nach der Sägerei rechts in den Wald und bis zu den Maiensässhütten Gliarauns. Von da links taleinwärts, am Maiensäss Plaun Tschaler vorbei zurück zur Kiesstrasse. Brückenüberquerung der «Rein da Plattas» Richtung Pardatsch und weiter nach Val Mulina. Auf der Route Richtung Alp Soliva bleiben. Durch Waldschneisen und bewaldeten Kamm durch das Tobel des Val Caschatscha und weiter auf der Krete von Masauna. Rechts den Wald hinauf zum Maiensäss «Masauna Su», von dort links hoch zur Alp Soliva. Der Abstieg erfolgt via Fontauna Rodunda und zweigt bei den Mises del Plaun rechts ab durch den Wald. Vorbei am Weiler Soliva zurück nach Curaglia.

Tipp: In den Rumantsch-Blog von Gabriel Venzin-Marty reinlesen inkl. Deutsch-Übersetzung.

Tour 2 (mittel)
Für flinke Wanderer mit Ausdauer


Route: Curaglia–Pali–Platta–Peinzas–Crap Stagias–Curaglia
Wanderzeit: 4h
Distanz: 10 Kilometer, 775 Höhenmeter

Entlang der Wanderschilder von Curaglia über Pali nach Platta. Hier beginnt der sportliche Aufstieg über die Passstrasse bis Peinzas Dado und weiter über steinigeres Gelände nach Crap Stagias (2½h). Der Rückweg führt via Gliarauns zurück ins Dorf Curaglia.

Tour 3 (schwierig)
Für trainierte Berggänger mit Übernachtung


Route: Curaglia–Alp Sura–Camona da Medel (ca. 3½ h).
Am nächsten Tag: Lai Encarden–Alp Sura–Fuorcla dalla Buora–Alp Puzzetta–Platta–Curaglia (ca. 5h)
Wanderzeit: 3½h + 5h
Distanz: 20 Kilometer, 1500 Höhenmeter

Von Curaglia via die Val Plattas auf die Alp Sura, ab dort Aufstieg ca. 1½ Stunden bis zur Medelserhütte «Camona da Medel» (Übernachtung bis 17 Uhr des Vorabends online reservieren: www.medelserhuette.ch). Am nächsten Morgen früh los Richtung Lai Encarden und zurück zur Medelserhütte, von dort Abstieg zurück zur Alp Sura. Links Aufstieg zum Pass Fuorcla dalla Buora auf 2292 m ü. M. Dann steiler, steiniger Abstieg bis zur Ziegenalp Alp Puzzetta (während der Saison kann man hier tolle Produkte kaufen). Rechts Richtung Platta bis zurück nach Curaglia.

Schlafen:
www.medelina.ch,
www.vallatscha.ch

Erleben:
www.valmedel.info,
www.surselva.info

Wissen:
www.mobiliar.ch/wandern,
www.wandern.ch

Die Wege führen durch unterschiedliches Terrain rund um die historischen Verkehrswege über den Lukmanierpass. Wer Glück hat, sieht Kristallschleifer, Schreiner und Bauern bei traditioneller Arbeit in Dörfern und auf Maiensässen. Der Charme der Dörfer im Talboden, der idyllischen Weiler und Maiensässe an den Gebirgsflanken ist einzigartig. Und überall, wo man vorbei wandert oder einkehrt, hört man es immer wieder: das Medelin. Dieser klangvolle Dialekt des rätoromanischen Sursilvans spiegelt das Leben und den Alltag in diesen Bergdörfern wider – urchig und authentisch.

Je nach Level und Wandertour geht der Abend öfter im Hotel Medelina in Curaglia zu Ende, wo man nach hausgemachtem Hackbraten mit Polenta Rossa aus dem Tessin glücklich ins Bett fällt.

Das Hotel Medelina in Curaglia, früher ein Altersheim, ist nun modern und öko.

Das Hotel Medelina in Curaglia, früher ein Altersheim, ist nun modern und öko.

Bild: Ralphe Feiner

Der nächste Tag startet mit selbst gemachtem Brot, aromatischen Konfitüren und Berg- und Alpkäse aus der Region. Danach setzt man sich am besten noch eine Stunde mit einem guten Buch (oder einer Sonntagszeitung…) in die Bibliothek mit Aussicht auf die malerisch-mystische Landschaft.

Wer vor der Abreise ins Unterland noch eine Ladung Himalaja-Feeling möchte, dem seien zwei Holzhängebrücken in der Region empfohlen. Je nach Mut- und Höhenangst-Level: die eine misst hundert Meter, die andere ist halb so lang und ganz neu.

Bild: Nicole Matschoss

Die Mobiliar-Genossenschaft und Schweizer Wanderwege haben dieses Jahr einen Finanzierungsfonds für nachhaltige Brückenprojekte im Schweizer Wandergebiet gegründet, dazu gehört auch die 47 Meter lange «Punt dal Mulins» vier ­Minuten vom Hotel Medelina entfernt.

Eine neue Hängebrücke als Holzkonstruktion

Der gebürtige Medelser und seit vier Jahrzehnten Revierförster Corsin Flepp und sein Team bauten diesen Sommer erneut, was er 2011 bei Mutschnengia, 20 Fussminuten von Curaglia, errichtet hat: Die Hängebrücke Mutschnengia ist quasi der grosse Bruder der Hängebrücke Mulins.

Hängebrücken in dieser Art, freischwebend über Fluss- und Gebirgsschluchten, sind hierzulande meist Stahlkonstruktionen. Diese nicht: Das Holz, zugeschnitten in der Gemeindesägerei, ist einheimisches Lärchenholz und die simple, aber sichere Konstruktion ist den Einwohnern aus Nepal oder dem Tibet abgeschaut.

Um sich wie auf einer richtigen Himalaja-Trekkingtour zu fühlen, muss man also nicht mehr ins asiatische Hochgebirge fliegen, sondern einfach nach der Ausfahrt Flims-Laax-Falera noch 40 Minuten geduldig sein.