Selbstbedienung
Wie wir immer mehr für andere arbeiten – gratis und freiwillig

Neben unserer eigentlichen Arbeit erledigen wir immer öfters auch die Jobs von anderen. Der Kunde ist Kassierer, Postbeamter, Lieferant und mehr. Und das, ohne es zu bemerken. Ein fiktiver Tagesablauf.

Silvana Schreier
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06.15 Eva wird von ihrem Wecker aus dem Schlaf gerissen. Eine lange To-do-Liste wartet auf sie. Kurze Dusche, eine halbe Tasse Kaffee und los geht’s: Am Bahnhof angekommen muss sie das Paket zum 24-Stunden-Paketautomaten der Post bringen, bevor der Zug ohne sie abfährt.

Der gelbe Kasten besteht aus zahlreichen Schliessfächern und einer Bankomat-ähnlichen Maschine. Bevor das Paket in einer Schublade verstaut werden kann, muss es etikettiert und eingescannt werden. Zu jeder Tages- und Nachtzeit können an diesen Paketautomaten Sendungen empfangen oder verschickt werden, ohne dass ein Postangestellter vor Ort sein muss. Die Bedienung der Maschine nimmt jedoch mehr Zeit in Anspruch als gedacht. Eva braucht acht Minuten und 23 Sekunden, um den Job des Pöstlers zu erledigen.

07.45 Eva hat den Zug gerade noch erwischt. Nach der halbstündigen Zugfahrt will sie den nächsten Punkt auf ihrer To-do-Liste erledigen: Das Notenfach ihres Portemonnaies braucht Nachschub und der neue Kontoauszug muss überprüft werden.

Sechs Personen erledigen ihre Geldgeschäfte vor ihr. Endlich kommt sie an die Reihe: Bankkarte rein, Pin eingeben, zwei weitere Tipps auf den Bildschirm, die Maschine rattert und liefert Geld und Auszug nach kurzer Zeit. Eva braucht zwei Minuten und 44 Sekunden, um den Job des Bankers zu erledigen.

09.23 Kaffeepause: Diese verbringt Eva nicht draussen an der frischen Luft, sondern am Schreibtisch vor ihrem Computer. Schliesslich stehen die nächsten Ferien vor der Tür und das passende Angebot ist immer noch nicht gefunden.

Eine Beratung im altmodischen Reisebüro kommt für Eva nicht infrage, denn neben der Arbeit und dem täglichen Hin- und Herpendeln mit dem Zug fehlt ihr schlicht die Zeit. Deshalb durchsucht sie seit zwei Wochen in ihrer allmorgendlichen Kaffeepause die Weiten des Internets nach den schönsten Sandstränden und den komfortabelsten Hotelzimmern zum besten Preis. Eva braucht 14 Minuten und zwölf Sekunden, um den Job des Angestellten des Reisebüros zu erledigen. Noch hat sie sich allerdings nicht entschieden, sondern lediglich die Auswahl der Ferienziele eingegrenzt.

12.00 Endlich, Mittagspause! Da die Stunde meist schneller vergeht als gewollt, isst sie mit ihren Arbeitskollegen in einem nahegelegenen Selbstbedienungsrestaurant. Zwar haben viele andere Hungrige dieselbe Idee, wollen sie doch alle ihre Mittagszeit nicht damit verbringen müssen, am Tisch eines gewöhnlichen Restaurants auf das bestellte Essen zu warten.

Wenn sie sich den Salat selbst gleich an der Theke schöpft und direkt an der Kasse bezahlt, kann sie schneller ihre Mittagspause an der Sonne geniessen, denkt Eva. Sie braucht sechs Minuten und vier Sekunden, um den Job des Servicepersonals zu erledigen.

12.52 Dank dem raschen Mittagessen sitzt sie acht Minuten zu früh wieder an ihrem Schreibtisch. Die restliche Zeit der Pause nutzt sie für einen ungewöhnlichen Hobby: Eva nimmt an verschiedenen Wettbewerben teil. Dabei handelt es sich nicht um die klassische Sorte mit Preisen wie Konzerttickets für eine Rockband oder eine Reise in die Stadt der Liebe. Stattdessen geht es um Firmen, die Mithilfe aus ihrem Kundennetzwerk anfordern.

Für McDonalds designt Eva einen ausgefallenen Burger. Bereits vor Wochen hat sie ein neues Logo für Starbucks entworfen. Der Lohn des Gewinners ist die Umsetzung seines Vorschlags und die Nennung seines Namens. Für die Unternehmen ist die Mitarbeit ihrer Kunden Gold wert. Eva investiert sieben Minuten und 42 Sekunden in den Job der Marketingmitarbeiterin.

15.30 Früher als gewöhnlich begibt sich Eva an diesem Tag in den Feierabend. Dank den angesammelten Überstunden darf sie sich das erlauben. Sie widmet den halben Nachmittag dem nächsten Punkt ihrer To-do-Liste: dem Kauf eines Bücherregals. Vor fünf Monaten hat sie ihre neue Wohnung bezogen. Ein ausreichend grosses Regal fehlt aber noch. Das will Eva jetzt ändern: Im umfangreichen und teilweise unübersichtlichen Online-Katalog von Ikea hat sie sich das passende Modell herausgesucht, die Artikelnummer ist notiert, der schwedische Name des Möbels ebenfalls. Im Geschäft angekommen, marschiert sie direkt in die Lagerhalle. Angestellte sind keine zu sehen, also macht sich Eva selbst auf die Suche. Nach einem achtminütigen Irrlauf durch die hohen Gestelle voller verpackter Bettgestelle, Sessel und Gartenmöbel wird sie endlich fündig und ladet das Bücherregal-Paket auf den Einkaufswagen auf.

An der Kasse angekommen, schüttelt Eva ungläubig den Kopf: Warum stellen sich nur immer alle bei den bedienten Kassen an? Die Selbstbedienungskassen sind doch viel schneller, auch wenn sich dort ebenfalls eine Warteschlange gebildet hat. Eva jedenfalls scannt ihr Bücherregal lieber selbst und macht sich dann mit dem Möbel im Gepäck auf den Heimweg. Sie braucht eine Stunde, 23 Minuten und 13 Sekunden, um die Jobs der Verkaufsberaterin, des Lagermitarbeiters, der Kassiererin und des Lieferanten zu erledigen.

18.14 Nachdem sie das Bücherregal zu Hause deponiert hat, eilt sie zur Migros. Der Laden ist voller Menschen wie ihr, die vor Ladenschluss rasch noch ein paar Dinge einkaufen wollen. Eva graut es bereits vor der langen Wartezeit an den Kassen. Zum Glück gibt es die Selbstbedienungskassen, an denen der Kunde die Barcodes der Produkte gleich selbst einscannt. Damit spart sie sich wertvolle Minuten beim Bezahlen. Eva braucht fünf Minuten und 34 Sekunden, um den Job der Kassiererin zu erledigen.

20.30 Nach einem schnellen Abendessen ist Eva bereits wieder in Eile: Zwei Freunde kommen um 21 Uhr am Flughafen an und haben sie gebeten, sie abzuholen. Sie erzählen ihr von ihrem Flug: Eingecheckt haben sie an einem von vielen Automaten mit Touchscreen und Pass-Lesegerät am Flughafen einer englischen Stadt. Dann werden sie zur nächsten Maschine gelotst. Das Gepäckaufgabe-Gerät gleicht einem Miniatur-Raumschiff: Den Koffer platziert man auf einem Förderband, akzeptiert die Maschine das Flugticket, schliesst sich das Gerät und der Koffer verschwindet in der Wand.

Auch die Passkontrolle verläuft automatisch: Ein hochmoderner Scanner überprüft den biometrischen Pass. Eine Station weiter werden die Passagiere dann fotografiert. Nur wenn das Foto mit dem Bild auf dem Pass übereinstimmt, öffnet sich die Tür zu den Gates. Angestellte sind während des ganzen Prozesses keine zu sehen.

Eva ist überrascht, dass andernorts die Abfertigung am Flughafen viel speditiver voranzugehen scheint als in der Schweiz. Ihre Freunde haben innerhalb von 17 Minuten und 33 Sekunden die Jobs der Check-in-Mitarbeiterin und des Grenzwächters erledigt.

22.01 Da der Zeiger der Tankanzeige bereits bedrohlich weit nach links zeigte, muss Eva einen kurzen Zwischenstopp bei einer Tankstelle einlegen. Nachdem sie den Tank des Autos vollgetankt hat, bezahlt sie mit ihrer Kreditkarte gleich an der Zapfsäule.

Ein Angestellter scheint überflüssig zu sein, da die Arbeit auch gut vom Kunden selbst erledigt werden kann. Eva braucht vier Minuten und drei Sekunden, um die Arbeit des Tankwarts zu erledigen.

22.44 Als Eva endlich wieder zu Hause ist, sieht sie das neu gekaufte Bücherregal noch verpackt in der Ecke stehen. Müde und erschöpft, wie sie ist, verschiebt sie das Aufbauen des Möbels auf den nächsten Tag.

Da schiesst ihr eine Frage durch den Kopf: «Warum muss eigentlich ich die ganze Arbeit erledigen?» Insgesamt hat Eva an diesem Tag nämlich zwei Stunden, elf Minuten und 55 Sekunden lang für andere gearbeitet. Und das gratis und freiwillig.

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