Der 3. Januar 2006 war der Tag, an dem Bertrand Meyer unter die Lebenden zurückkehrte. Am Heiligen Abend des Vorjahres soll er gestorben sein, so stand es ab dem 28.12.2005 in seinem Wikipedia-Eintrag. Es stimmte aber nicht. Als der Fehler fünf Tage später gefunden und behoben wurde, war klar: Ein paar Studenten der ETH Zürich hatten sich einen üblen Scherz mit ihrem Informatikprofessor erlaubt, indem sie seinen Eintrag im Online-Nachschlagewerk manipulierten.

In Wikipedia-Artikeln tauchen immer wieder Fehler auf. Normale Fehler, wie sie jedem von uns passieren. Solche, die bewusst eingebaut aber doch eher harmlos sind. Und auch solche Manipulationen, wie sie die Zürcher Kantonalbank (ZKB) im vergangenen Sommer versuchte: Angestellte der Bank löschten unliebsame Passagen über die Rolle der ZKB bei der Übernahme des Industriekonzerns Sulzer durch den russischen Milliardär Viktor Vekselberg.

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Selbstheilungsprinzip

Fälle wie jener der ZKB werden oft binnen kurzer Zeit korrigiert. Dafür zuständig ist die Wikipedia-Community, also alle, die aktiv an der Plattform mitarbeiten. Für Micha L. Rieser ein Prinzip, das funktioniert. Er selbst ist seit über zehn Jahren bei Wikipedia aktiv. Als einer von aktuell 227 Administratoren im deutschsprachigen Bereich – eine gute Handvoll davon kommt aus der Schweiz – kann er Konten temporär oder dauerhaft sperren, wenn ein Nutzer es mit fehlerhaften Posts oder ungerechtfertigten Löschungen übertreibt.

Der Grundsatz von Wikipedia heisst Neutralität. «Die meist plumpen Versuche Einzelner, sich über diese Richtlinie hinwegzusetzen, werden rasch aufgedeckt und korrigiert», sagt Rieser. Notfalls werde eine IP-Adresse für ein paar Stunden gesperrt, wenn sich die Fälle häufen, auch für einen längeren Zeitraum. Das widerfuhr auch schon der Bundesverwaltung.

Alle Internetanschlüsse der Verwaltung haben dieselbe IP-Adresse und hinterlassen damit den gleichen Fussabdruck. Wenn von einem solchen Anschluss ein Wikipedia-Eintrag geändert wird, lässt sich dies der Bundesverwaltung zuordnen, nicht aber dem jeweiligen Anschluss. Recherchen der «Nordwestschweiz» (siehe Ausgabe von gestern) haben gezeigt, dass von Anschlüssen der Bundesverwaltung aus denn auch fleissig Wikipedia-Artikel geändert werden.

Rieser, selbst Angestellter beim Bundesarchiv, weiss das. Aber: «Für mich und die Community ist das kein Problem», sagt er. Bei den Anschlüssen der Bundesverwaltung liesse sich auch gar nicht feststellen, wer denn nun eine bestimmte Änderung vorgenommen hat. «Vom Geheimdienst-Agenten bis zum Lehrling, der in der Pause kurz eine Änderung anbringen will, kann das jeder sein.» Für Rieser ist auch nicht wichtig, wer bearbeitet. Entscheidend sei, «dass der Grundsatz der Neutralität eingehalten wird.» Auch die Anzahl der Eingriffe hält er für unproblematisch: «Verglichen mit der Anzahl der dahinterstehenden Anschlüsse der rund 37 000 Bundesangestellten, bewegen sich die Änderungen im Promillebreich.»

Wikipedia steht jedem offen

Dass sich Angestellte der Bundesverwaltung auf den Wikipedia-Seiten auffällig verhalten, will Rieser nicht gelten lassen. Bundesangestellten stehe Wikipedia genau so offen wie allen anderen auch. Ausserdem lasse sich häufig feststellen, «dass Unternehmen ihre Wikipedia-Einträge selbst erstellen», sagt er. Diese würden allerdings laufend kontrolliert. Es gebe immer die Möglichkeit, in der Rubrik «Kritik» Problematisches anzusprechen. Die Eingriffe lasse man zu, «weil der Nutzen der Offenheit unserer Plattform höher ist als der Schaden, den professionelle Schreiber anrichten können».

Dennoch, gibt Rieser zu bedenken, sollten die Autoren auf Dauer unabhängig schreiben. Momentan habe Wikipedia «die Sache im Griff».

Dass die Plattform jedoch mehr und mehr von professionellen Schreibern, etwa PR-Agenturen, beackert wird, sehen andere durchaus als Problem: «PR (Public Relations) und Manipulation sind in Wikipedia allgegenwärtig», schreibt etwa der Journalist Marvin Oppong in einer Studie für die deutsche Otto Brenner Stiftung. Unternehmen, Parteien und Einzelpersonen versuchten «auf die verschiedensten Arten und Wege, ihr Bild in der Öffentlichkeit durch Eingreifen in die Artikel der Online-Enzyklopädie zu schönen».

Hinsichtlich der Selbstreinigungskräfte der Community ist Oppong skeptisch: «Die Fälle, in denen PR, die in Wikipedia eingebaut wurde, ans Tageslicht kam, sind womöglich nur die Spitze des Eisberges; die Dunkelziffer lässt sich nicht ermitteln.» Die Wikipedianer vermochten es nicht, diesem Problem selbst Herr zu werden, schreibt Oppong. Unternehmen und Parteiapparate seien «personell zu gut bestückt und finanziell zu gut aufgestellt, als dass die Wikipedia-Community mit ihren Freiwilligen gegen die zahlreichen Manipulationsversuche ankommen könnte».

Nicht für bare Münze nehmen

Dass Fehler wie jener im Eintrag des Zürcher Informatikers Meyer schnell korrigiert werden, sei erfreulich. Das Problem der Wikipedia löse dies allerdings nicht. Davon ist Falk Laue von der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder überzeugt. Die Uni betreibt die Plattform Wiki-Watch, die ein Auge auf Wikipedia hat. Kritisch sieht Laue besonders «die grosse Subjektivität vieler Einträge». Dies äussere sich etwa darin, «dass bei Personen, die gesellschaftlich geachtet sind, Kritik nahezu ausbleibt, während andere regelrecht an den Pranger gestellt werden». Zudem würden alternative Sichtweisen auf bestimmte Themen oft nicht ausreichend dargestellt.

Laues Fazit klingt daher so ernüchternd wie wichtig: Für eine erste Orientierung zu einem Thema oder einem Begriff sei Wikipedia nicht schlecht. «Die Leser sollten sich aber davor hüten, alles für bare Münze zu nehmen.»

Zum Thema gibt es eine humorvolle Glosse des Tages-Anzeiger hier zum Nachlesen.