Fremderleben
Wie fühlt man sich als Fledermaus - oder als Roboter?

Der Philosoph Thomas Nagel fragte einst, wie es ist, eine Fledermaus zu sein. Unser Autor treibt die Frage weiter – vom Tier über die Pflanze zum Roboter.

Eduard Kaeser
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Spätestens seit der Fussball-WM 2010, als einschlägige Medien sich nicht entblödeten, den Kraken Paul als Orakel für den Ausgang des Turniers zu befragen, gilt dieses Meerestier – Octopus vulgaris – als der «Intelligenzler» unter den Wirbellosen. Der Krake zeichnet sich mit seinen 300 bis 500 Millionen Neuronen durch ein untypisch grosses Nervensystem aus – eine Grössenordnung, die ihn zwischen dem Nervensystem der Ratte und der Katze im Reich der Wirbeltiere positioniert. Er erweist sich, so gesehen, als ein höchst interessantes erratisches Evolutionsprodukt. Ein Meister der Tarnung, lernfähig, erfinderisch, trickreich.

Auf einem Video sieht man einen Kraken, der sich aus einem Einmachglas befreit, indem er den Deckel von innen aufschraubt. Es gibt Exemplare, die submarinen Abfall zum Bau ihrer Schlupfwinkel verwenden: Glas- und Ziegelscherben, Hälften von Kokosschalen. Andere erkennen ihre Aquariumshalter und – wie man von Weichtierliebhabern hört – bekunden Zuneigung bzw. Abneigung. Sie besitzen Augen, die nach dem Kamera-Prinzip funktionieren, mit fokussierenden Linsen. Dadurch nehmen sie die Gestalt ihres Habitats detailliert wahr und legen ihr Jagdrevier in ausgeklügelten weiten Schleifen an, die sie zuverlässig zum Schlupfloch zurückführen. Das chemische Sensorium in ihren Saugnäpfen befähigt sie, das, was sie berühren, auch zugleich zu schmecken.

Verwandt und doch einsam

Nun sind das interessante Fakten, die uns die Zoologen über das seltsame Meerestier mitteilen: Fakten in der Aussensicht einer objektiven Wissenschaft. Aber gibt es nicht auch eine Innensicht? – Was könnte das überhaupt bedeuten? Es bedeutet eine Erfahrung, die wahrscheinlich alle von uns schon gemacht haben, wenn wir uns zum Beispiel vor einem Aquarium befinden und die stumme Fauna darin für einige Zeit beobachten. Vielleicht hat uns die Frage wie eine Anmutung gestreift, was denn «dort innen» im Tier eigentlich vorgehe. Seit alters fasziniert dieses Fremde, das uns bei aller Nähe unerreichbar bleibt. Finden wir wirklich keinen Zugang zu ihm? Ist es nicht äusserst merkwürdig, dass wir alle Abkömmlinge einer grossen «Manufaktur der Arten» (Darwin) sind, und trotzdem in der Einsamkeit der eigenen Spezies eingeschlossen bleiben?

Wie fühlt es sich als Fledermaus?

Wie ist es oder fühlt es sich an, ein Krake – überhaupt: ein nichtmenschliches Wesen – zu sein? Die Frage hat in Philosophenkreisen eine fast schon notorische Berühmtheit erlangt, seit sie einer der originellsten Denker unserer Zeit, Thomas Nagel, 1974 in einem Aufsatz stellte: Wie ist es, eine Fledermaus zu sein? Nagel meinte dabei nicht, erst eine Dracula-artige Mutation in ein solches Wesen würde uns eine Antwort auf die Frage geben.

Man kann natürlich über Ausserspezies-Erfahrungen spekulieren, aber die Frage sollte primär auf eine inhärente Unvollständigkeit der naturwissenschaftlichen Sichtweise aufmerksam machen. Nagel wählte dabei die Fledermaus, weil ihr Nervensystem komplex genug ist, um «Erfahrungen» eigener Art nicht auszuschliessen und zugleich fremd genug, um nicht allzu schnell vermenschlicht zu werden. Denn wir Menschen neigen naturgemäss zum Anthropomorphisieren – eine wissenschaftliche Todsünde. Sich in den skelettlosen sackartigen Körper eines Tintenfisches versetzen: Das ist kein wissenschaftliches Vorgehen, bestenfalls «romantisches» Einfühlen.

Hier zeigt sich die Brisanz von Nagels Frage. Sie rührt an eine neuralgische Stelle der modernen Zoologie, deren Entwicklung, genauer besehen, in zwei schlecht verträglichen Traditionen verläuft. Die eine sieht, grob gesagt, im Tier ein Subjekt des arteigenen Lebens, die andere sieht in ihm einen organischen Automaten, über dessen Innenansicht sich nichts sagen lässt. So verkündet ein Lehrbuch in typisch zoologischem Agnostizismus: «Über subjektive Vorgänge beim Tier können wir prinzipiell nichts erforschen. Bewusstsein und Persönlichkeit sind uns bei Tieren absolut unzugängliche Erscheinungen.»

Schaut man indes etwas genauer auf die Geschichte der Zoologie, entdeckt man schnell, dass Nagels Frage schon früh von bedeutenden Forschern gestellt wurde; von Jakob Uexküll, dem Pionier der Ökologie, der unumwunden von «Tiersubjekt als dem neuen Naturfaktor» sprach; von Adolf Portmann, der den Begriff der «Innerlichkeit» des Tiers einführte; von Konrad Lorenz, der 1969 gleich im Titel eines Aufsatzes fragte «Haben Tiere ein subjektives Erleben?» Wer also sagt, die Frage sei unwissenschaftlich, sollte sich viel eher einmal über sein eigenes, borniertes Verständnis von Wissenschaft beugen.

Das Rüebli spürt wie du den Schmerz

Wie steht es mit Pflanzen? Mit ihrem «Innenleben»? Sind sie «vegetierendes» Gewächs und Gemüse oder kann man auch hier die Frage stellen «Wie ist es, ein Baum zu sein», ohne nun gleich in den Kreis von esoterischen Baum-Liebkosern zu geraten? Höchst aufschlussreich ist jedenfalls, dass der Sachbuchmarkt über hörende, kommunizierende, fühlende, wissende, sich erinnernde Pflanzen buchstäblich ins Kraut schiesst. Vor nicht allzulanger Zeit war in einem Boulevardmedium zu lesen: «Pflanzen hören, wenn sie gegessen werden. Achtung, das Grünzeug schlägt zurück! Nicht nur Tiere empfinden Schmerz, auch Rüebli & Co. reagieren empfindlich, wenn man ihnen an den Kragen will.» Gibt es neben dem Salatherz jetzt noch eine Salatseele? Es ist leicht und billig, sich über solche Aussagen lustig zu machen, aber im seriösen Kern kann man durchaus ein Unbehagen über eine vorherrschende Sicht erkennen, die Tier und Pflanze zu blossem «Rohstoff» degradiert.

Dümmer als mein Smartphone

Wir wissen viel, wenn wir wissen, woraus etwas gebaut ist und wie es funktioniert. Aber wir wissen dadurch noch nicht, wie es ist, dieses Etwas zu sein. Wozu denn überhaupt die Frage? Denken wir an uns Menschen. Es gibt eine Wissenschaft vom Menschen, aufgefächert in zahlreiche Disziplinen, von der Biochemie bis zur Neurokybernetik, die einen stets wachsenden objektiven Wissensfundus zusammentragen. Wissen wir dadurch, wie es ist, ein Mensch zu sein? Wer hier behauptet, man brauche dieses Wissen im Grunde nicht, macht sich als gefühlloser Soziopath verdächtig.

Die Frage, wie es ist, ein Mensch zu sein, gilt unter unseresgleichen – vorderhand noch – als selbstverständlich. Warum aber sollten wir nicht auch Kraken und andere Tiere, warum nicht Bäume und Pflanzen in diesen Kreis von «unseresgleichen» einbeziehen? Und weshalb dann beim Biologischen Halt machen und diesen Kreis nicht auch ins Artifizielle ausweiten? Die Entwicklung der Artificial Intelligence schreitet rasant voran und für nicht wenige Herolde der Branche ist es bloss eine Sache von ein paar Dekaden, bis die Frage «Wie ist es, ein Smartphone zu sein?» nicht mehr absonderlich erscheint, weil das Gerät unsere Intelligenzstufe erreicht haben wird.

Der Roboter im Spiegel

Warum ist die Frage wichtig? Aus zweierlei Gründen. Bei Lebewesen ist sie wichtig, weil sie uns als Memento dienen kann, dass «da draussen» in der Natur nicht bloss seelenlose organische Maschinen existieren, die uns zu Diensten stehen; sondern artspezifische Subjekte, die ein Leben führen, von dem wir womöglich nur den Zipfel einer Ahnung haben. Zum andern ist die Frage wichtig in einem Zeitalter, das wie gebannt steht vor den Hervorbringungen einer Technologie des künstlichen Lebens und Geistes. Schon heute betrachten einige Robotiker ihre Kreaturen als Wesen mit einem Innenleben.

Die Frage «Wie ist es, ein Roboter zu sein?» fungiert ebenfalls hier als Memento: Wir Menschen sollten uns angesichts der Szenarien postevolutionärer Superintelligenz auf unsere eigene evolutionäre Mitgift besinnen. Könnte es sein, dass wir diese noch gar nicht entdeckt oder ausgeschöpft haben? In diesem Sinne kann uns der Roboter einen Spiegel vorhalten: In ihm starren uns unsere eigenen roboterhaften Züge entgegen. Machen wir uns dies einmal klar, werden wir vor der künstlichen Intelligenz weder in Angst erstarren noch in Verzückungen delirieren – wir werden ganz einfach unsere eigene Intelligenz gebrauchen.

Eduard Kaeser Artfremde Subjekte. Subjektives Erleben bei Tieren, Pflanzen und Maschinen? Schwabe reflexe 43.

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