Psychologie

Wie die Geburt des ersten Kindes die Persönlichkeit der Eltern verändert – oder eben nicht

Bislang gingen Psychologen davon aus, dass grosse Umbrüche, wie die Geburt eines Kindes, die Menschen prägen.

Bislang gingen Psychologen davon aus, dass grosse Umbrüche, wie die Geburt eines Kindes, die Menschen prägen.

Zwei Psychologinnen haben untersucht ob der erste Job oder das erste Kind Menschen mehr verändert. Das Resultat überrascht.

«Nichts hat mich so verändert wie die Geburt meiner Kinder», hört man Väter oder Mütter häufig sagen. Aber stimmt das auch wirklich? Werden Menschen, wenn sie Eltern werden auch reifer und erwachsener? Das wollten die Psychologinnen Jule Specht und Eva Asselmannn von der Humboldt-Universität zu Berlin genauer wissen. Das Ergebnis war für sie selbst überraschend.

«Wir wissen, dass sich die Persönlichkeit über das ganze Leben hinweg verändert», sagt Eva Asselmann. «Dass aber die Geburt eines Kindes grundsätzlich zu einer Reifung der Eltern führt, konnten wir nicht bestätigen.» Die Persönlichkeit der Eltern verändere sich in den ersten Jahren mit Baby weit weniger als man gemeinhin vermuten würde, schreiben die Psychologinnen, deren Studie kürzlich im European Journal of Personality erschienen ist. Anders gesagt: Mütter und Väter sind nicht grundsätzlich reifer als Nicht-Eltern.

Daten aus einer Langzeitstudie mit 7000 Eltern

Für ihre Untersuchung nutzten die Wissenschaftlerinnen die Daten des sozioökonomischen Panels (SOEP), einer bundesweiten Langzeitstudie. Dafür wurden fast 7000 Menschen in Deutschland befragt, die zum ersten Mal Eltern geworden waren. Die Berliner Forscherinnen untersuchten fünf Persönlichkeitsmerkmale: Offenheit, Extraversion (Geselligkeit und Optimismus), Gewissenhaftigkeit, Verträglichkeit (Neigung zur Kooperation) und emotionale Stabilität in den Jahren vor und nach der Geburt des ersten Kindes. Die Mütter und Väter waren zwischen 17 und 50 Jahre alt.

Es zeigte sich, dass Eltern nach der Geburt ihres ersten Kindes etwas weniger offen waren und die Geselligkeit abnahm. «Das ist plausibel, denn wenn ein Baby da ist, hat man nicht mehr so viel Zeit und Energie für Freunde», sagt Eva Asselmann. Die Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit und emotionale Stabilität, änderten sich im Durchschnitt jedoch kaum. Wer vorher emotional stabil oder verträglich war, zeigte diese Eigenschaften auch weiterhin.

Junge Eltern werden gewissenhafter

Einige Veränderungen zeigten sich erst, als die Forscherinnen verschiedene Altersgruppen unter die Lupe nahmen. So waren vor allem sehr junge Eltern zwischen 17 und 23 Jahren nach der Geburt eines Kindes doch deutlich gewissenhafter als in den Jahren davor und danach. «Gerade sehr junge Eltern müssen quasi ad hoc Verantwortung übernehmen und erwachsen werden» , sagt Asselmann dazu. Der Effekt hielt aber nur kurzfristig im ersten Jahr an.

Ausserdem fanden die Psychologinnen Unterschiede zwischen den Geschlechtern: Frauen waren nach der Geburt des ersten Kindes kooperativer, während Männer in dieser Phase gewissenhafter waren. «Da Frauen immer noch häufiger beim Kind zu Hause bleiben und beruflich zurücktreten, verspüren Männer hier womöglich eine erhöhte Verantwortung für den Lebensunterhalt der Familie zu sorgen und sich zuverlässiger zu verhalten» deutet Eva Asselmann die Ergebnisse.

Neugierige Menschen gründen weniger eine Familie

Die Studie offenbarte auch, welche Menschen eher Kinder bekommen. Es zeigte sich, dass neugierige Charaktere, die sehr offen sind, das heisst gerne und häufig neue Erfahrungen aufsuchen, weniger dazu neigten, eine Familie zu gründen. Die Teilnehmer der Befragungen dagegen, die sich lieber an Bewährtes und Bekanntes hielten, wurden im Laufe der Studie häufiger Eltern.

Im Kern entsprechen die Ergebnisse der Studie nicht dem «Prinzip der sozialen Investition», das auf die US-amerikanischen Psychologen Brent Roberts und Dustin Wood zurückgeht. Es besagt, dass sich Menschen immer dann verändern, wenn es grosse Umbrüche und einschneidende Erfahrungen in ihrem Leben gebe. Müssen sie neue soziale Rollen einnehmen, führe das zu einer Persönlichkeitsreifung. Das nahm man bisher auch ganz allgemein für das Elternwerden an. Die neue Untersuchung bestätigt diese These nicht.

Der Einstieg in den Job ist einschneidend

Ein ganz anderes Ereignis beeinflusst die Persönlichkeit weit mehr, fanden die beiden Forscherinnen heraus: Der Einstieg in den Beruf. Um die neue Rolle im Job bewältigen zu können, müssen wir unsere Persönlichkeit offenbar stärker anpassen, als wenn wir Eltern werden. In der Arbeitswelt werden wir gewissenhafter, also zum Beispiel pünktlicher, strukturierter oder zielgerichteter.

Das könnte daran liegen, dass es im Job recht klare Anforderungen gibt, wie man sich zu verhalten hat. Entspricht man ihnen nicht, indem man zum Beispiel Deadlines nicht einhält oder unpünktlich zu Besprechungen erscheint, bekommt man dies recht direkt gespiegelt. Man erkennt, welches Verhalten als angemessen erwartet wird und passt sich dem an. In der neuen Elternrolle wird man dagegen nicht ständig von Vorgesetzten beobachtet und beurteilt.

Frauen werden im Job verträglicher und nachsichtiger, Männer gewissenhafter

Gerade untersuchen die Wissenschafterinnen zudem, ob es rund um den Berufseinstieg einen Unterschied in der Entwicklung zwischen Männern und Frauen gibt. Verändern sich Frauen in der Arbeitswelt anders als Männer? Erste Ergebnisse weisen daraufhin, dass der Anstieg der Gewissenhaftigkeit bei Männern stärker ausgeprägt ist.

Frauen werden dagegen im Job eher verträglicher, nachsichtiger, rücksichtsvoller im Umgang mit anderen. Eigenschaften, die vor allem gute Teamplayer auszeichnen. Interessant wäre es, auf Grundlage dieser Ergebnisse darüber zu diskutieren, was das für die derzeitigen unterschiedlichen Karrierechancen von Männern und Frauen bedeutet.

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