Klaffental, 13. Februar 1943, 19.40 Uhr: Der Grenzwächter hält zwei Männer an. Er befragt sie und «fordert sie dann auf, wieder nach Deutschland zu gehen». Da beide sich weigern, drohen, Selbstmord zu begehen, führt er sie zur Einvernahme auf den Zollposten ab. Sie kommen aus Berlin, haben vor zwei Tagen den Schnellzug 18.52 Uhr nach Tuttlingen genommen. Von dort fuhren sie über Oberlauchringen nach Griessen. Über Jestetten und Altenburg- Rheinau haben sie es bis an die Grenze geschafft. Für den Postenchef in Neuhausen ist der Fall klar: «Es handelt sich um einen organisierten Grenzübertritt.» In letzter Zeit sind wiederholt «Israeliten» an dieser Stelle «aufgegriffen» worden. Er überstellt die zwei Flüchtlinge an das Polizeikommando in Schaffhausen, wo sie einer dritten Einvernahme unterzogen werden. Der Kommandant meldet den Verdacht der «Emigrantenschlepperei» an die Oberzolldirektion und die Polizeiabteilung in Bern.

Ein anderer Ort, der 1943 wiederholt für Grenzübertritte benutzt wird, ist Stein am Rhein. Die Geschichte einer 33-jährigen Sprachlehrerin lässt erahnen, dass das kein Zufall war. Sie überquert die Grenze von Oehningen her und wird «von einem Herrn, in Begleitung einer Dame», angehalten. Der Spaziergänger ist ein Beamter vom Zoll in Schaffhausen. Er bringt die Frau aus Berlin auf den nächstliegenden Posten. Sie berichtet, dass ihr 1942 die Bewilligung, Juden zu unterrichten, entzogen wurde. Immer wieder kam die Gestapo, um sie und ihre schwerkranke Mutter «wegzuholen». Als die Mutter «kurze Zeit vor ihrem Tode weggebracht werden sollte, ist dies verhindert worden, weil sie noch Gift eingenommen hat, um eine Deportation nicht mehr erleben zu müssen», protokolliert der Postenchef, bemüht, dem Schrecken eine distanziert amtsdeutsche Gestalt zu geben.

Er vermerkt weiter, dass die evangelisch getaufte Jüdin sich zunächst bei einer Freundin versteckte. Diese gab ihr ihren Personal- und Blockwalter-Ausweis und tauschte die Fotos aus. Damit übersteht sie die zahlreichen Kontrollen der Gestapo an den Bahnhöfen. Sie reist über Stuttgart nach Radolfzell, wo sie im Hotel Schiff unterkommt. Dann wohnt sie bei privaten Leuten in Kattenhorn, Oehningen. Ein Bekannter dieser Leute zeigt ihr, wo sie die Grenze überqueren kann, und kündigt ihren Grenzübertritt indirekt beim Polizeipräsidium in Schaffhausen an. Die Kommunikation von Deutschland in die Schweiz läuft über einen Fabrikarbeiter, der täglich nach Singen fährt, und einen Arzt, der in Stein am Rhein wohnt.

Am Zoll, bei der Einvernahme, erkundigen sich die Beamten eingehend nach der Nahrungsmittelsituation in Berlin und protokollieren minutiös, was sie zu hören bekommen: «Seit dem Krieg bekamen die Juden keine Milch, kein Fleisch, keine Hülsenfrüchte, keinen Reis, kein Obst; das Essen bestand zur Hauptsache aus Weisskohl, Rüben, Schwarzbrot und einer Portion Fett». Danach schicken sie die Geflüchtete mit einem Vermerk in Sachen «Emigrantenschlepperei» zum Polizeikommando in Schaffhausen. Sie verzeichnen in diesen Wochen etliche Grenzübertritte auch in Ramsen und Buch – Schweizer Dörfern, die auf der deutschen Seite des Rheins liegen – das Ergebnis einer gut organisierten Fluchtlinie aus Berlin, wie sich noch zeigen sollte.

An der Grenze humaner als Bern

Insgesamt verzeichnete die Polizeiabteilung 1942 und 1943 im Gebiet des Kantons Schaffhausen 294 Grenzübertritte von zivilen Flüchtlingen, 218 Männern und 76 Frauen. 273 wurden aufgenommen, 21 weggewiesen. 65 Personen waren jüdischer Herkunft. Sie wurden mit einer Ausnahme alle aufgenommen. Der Historiker Franco Battel ist aufgrund seiner Recherchen zum Schluss gekommen, dass die Behörden in Schaffhausen 1942 und 1943 eine humanere Praxis gegenüber jüdischen Flüchtlingen verfolgten, als es die Vorgaben aus Bern verlangt hätten. In den ersten Jahren des Nationalsozialismus hatten sie noch eine repressive Politik verfolgt, insbesondere gegenüber kommunistischen Flüchtlingen.

Auch auf deutscher Seite waren immer wieder einzelne Menschen bereit, zu helfen – unter ihnen Josef Höfler. Er wohnt mit seiner Familie in Gottmadingen an der Grenze. Kollegen bei den Aluminium-Werken in Singen helfen ihm, Verfolgte bis an die Grenze zu bringen. Sie verläuft bei Schaffhausen unregelmässig. Detaillierte Anweisungen ermöglichen es, die Grenzposten und Patrouillen zu umgehen. Als Orientierung dienen die Lichter der Häuser im Kanton Schaffhausen, denn diese werden in der Schweiz im Gegensatz zu Deutschland nicht verdunkelt. Josef Höfler und seine Kollegen riskieren viel: Als im Mai 1944 zwei Jüdinnen der Gestapo in die Hände fallen, fliegt die Gruppe auf. Unter ihnen auch Luise Meier, welche die Fluchtroute von Berlin nach Schaffhausen organisiert hat. Die Fluchthelfer werden verhaftet und der «Feindbegünstigung» beschuldigt; sie werden erst im Frühjahr 1945, als die Alliierten Deutschland von der Nazi-Herrschaft befreien, aus der Haft entlassen.

5000 Untergetauchte überlebten

Die Gedenkstätte Stille Helden in Berlin hat recherchiert, dass Louise Meier und ihre Kollegen rund 30 jüdische Frauen und Männer in die Schweiz retteten. Die Gedenkstätte thematisiert den Widerstand gegen die Judenverfolgung im NS-Regime. Dem Völkermord fielen rund sechs Millionen Menschen zum Opfer. Darunter waren mehr als 160 000 deutsche Jüdinnen und Juden. Sie wurden vor allem in den Vernichtungslagern in den deutsch besetzten Gebieten Polens und der Sowjetunion umgebracht.

Die Gedenkstätte geht davon aus, dass in den Kriegsjahren über 10 000 deutsche Jüdinnen und Juden versuchten, sich zu retten. Dies war enorm schwierig: Da das NS-Regime nach Beginn des Krieges die Auswanderung verbot und Nachbarländer ihre Grenzen schlossen, blieb den Verfolgten nur die Flucht in den Untergrund. Dort versteckt, bestand ständig die Gefahr, verraten oder entdeckt zu werden. In Berlin versuchten besonders viele, sich der Deportation zu entziehen. Die Gedenkstätte schätzt, dass in Deutschland etwa 5000 «Untergetauchte» überlebten, davon rund 2000 in Berlin.

Untertauchen gelingt nur, wenn Menschen bereit sind, den Verfolgten zu helfen. Die «stillen Helden» beschaffen ein Versteck und Lebensmittel, organisieren falsche Papiere oder leisten Fluchthilfe. Viele handeln spontan, aus Mitgefühl, andere aus konfessionellen, weltanschaulichen oder auch politischen Motiven. Die Gedenkstätte schätzt, dass die Unterstützung eines Verfolgten ein Netz von 10 Personen erforderte. Sie setzten sich mit ihrer Hilfe grossen Gefahren aus. Insgesamt haben mehrere zehntausend Menschen jüdischen Verfolgten in Deutschland geholfen. Sie bilden einen entscheidenden Teil des Widerstands gegen die nationalsozialistische Diktatur. Deutschland verdankt ihnen die Erinnerung an eine Solidarität, welche die neue, pluralistische Demokratie nach dem Krieg möglich gemacht hat.

Die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem ehrte Luise Meier und Josef Höfler 2001 als «Gerechte unter den Völkern».