Vater, Mutter und Kind. Das ist die klassische Familie. Die traditionelle. Das steht fest. Oder? Ein Gedankenspiel: Schliessen Sie die Augen und denken Sie an eine Familie. Jede Wette, Sie sehen: einen Mann, eine Frau, ein Kind (oder zwei Kinder).

So gut wie alle haben dieses feste Bild im Kopf. Doch es trifft immer weniger auf die gelebte Wirklichkeit zu, weil es immer mehr alternative Lebensweisen gibt. Mehr gleichgeschlechtliche Paare, unkonventionelle Familienformen wie Eltern ohne Trauschein, Single-Erzieher oder Patchwork-Haushalte. Verfechter dieser alternativen Lebensweisen kämpfen um Anerkennung und vor allem für rechtliche Absicherungen.

Norm versus Realität

Auf diesen gesellschaftlichen Wandel will jetzt auch die Politik reagieren und die Gesetze den gelebten Realitäten anpassen. «Wenn die gesetzlichen Bestimmungen nicht mit den Lebensrealitäten übereinstimmen, dann gibt es Verlierer», sagte Justizministerin Simonetta Sommaruga unlängst bei der Präsentation des Berichts «Modernisierung des Familienrechts». Und schon seit Monaten findet die Debatte zur Liberalisierung der Ehe statt. Die CVP sorgte mit dem Vorschlag der Definition des Ehebegriffs als Bezeichnung zwischen Mann und Frau für einen grossen Aufreger. Dann kamen – vielleicht gerade deswegen – die Grünliberalen mit ihrer parlamentarischen Initiative «Ehe für alle» und erzielten in der nationalrätlichen Rechtskommission einen ersten Erfolg. Wir sind mittendrin, die Diskussion um Familie und Ehe ist in vollem Gange.

Es drängt sich die Frage auf: Ist die Kleinfamilie wirklich noch Standard? «Ja und nein», sagt Yv E. Nay, Soziologin und Geschlechterforscherin an der Universität Basel. «Man muss zwei Ebenen unterscheiden: Es gibt einerseits das normative Modell, das Idealbild einer Familie also, und andererseits die vielfältig gelebten Formen von Familien.» Die heteronormative Kleinfamilie gelte in hiesigen Gesellschaften immer noch als die herrschende Norm. Trotzdem gibt es laut Nay viele, die in unterschiedlichen Familienzusammensetzungen leben. Und es werden immer mehr. Dass Ideal und Realität oft auseinanderklaffen, zeigt auch die aktuellste Erhebung des Bundesamts für Statistik zum Thema Familie und Generation. In der grossangelegten Umfrage wird klar, dass der Kinderwunsch bei Frauen und Männern zwischen 20 und 29 Jahren von der Zwei-Kind-Norm geprägt ist. 63 Prozent wünschen sich zwei Kinder, drei Prozent ein Kind und sechs Prozent möchten gar keins. Realität der 50- bis 59-jährigen Frauen? Nur 42 Prozent haben zwei Kinder, 16 Prozent haben ein Kind und 20 Prozent haben keine.

Viele Wege führen zum Kind

Alternative Lebensweisen erhalten medial und rechtlich immer mehr Aufmerksamkeit. Wie etwa die Regenbogenfamilien – Familien, in welchen sich mindestens ein Elternteil als lesbisch, schwul, bisexuell oder transsexuell versteht –, die für eine rechtliche Integration kämpfen. Der Soziologe Klaus Preisner von der Universität Zürich ist sich sicher, dass es in Zukunft eine noch grössere Diversität an Familienmodellen geben wird: «Ein höherer Anteil als heute wird andere Familienmodelle leben – teilweise als Folge eines vorher «gescheiterten» oder beendeten klassischen Familienmodells oder teilweise auch, weil es von vornherein die gewünschte Form war».

Dass alternative Familienmodelle derzeit viel Aufwind haben, hat auch mit neuen technischen Möglichkeiten der Reproduzierbarkeit zu tun. Gemeinsamer Sex ist keine Voraussetzung mehr, um Kinder zu zeugen. Es gibt Samen- und Eizellenspenden, In-vitro-Fertilisation, Social Egg Freezing und Leihmütter. Entwickelt wurden solche Verfahren für Ehepaare, die keine Kinder kriegen können. Doch längst erheben auch Unverheiratete, gleichgeschlechtliche Paare und Singles Anspruch auf «nicht natürlich gezeugte» Kinder. Das stellt die Gesellschaft vor moralische Probleme.

Ein schwules Paar beispielsweise könnte mithilfe einer Eizellenspende und einer Leihmutter zu einem Kind kommen. In der Schweiz geht das rechtlich nicht, technisch wäre es jedoch kein Problem. Es würde so ein Kind entstehen mit einem biologischen Vater, einer biologischen Mutter (die Eizellenspenderin) sowie einer weiteren Mutter, die es austrägt (die Leihmutter). Aufgezogen würde das Kind dann von zwei Vätern – wovon einer der biologische Vater sein kann, aber nicht sein muss.

Die Retraditionalisierung

Es wird derzeit also nicht nur neu verhandelt, wer eine Familie sein kann, sondern auch, was unter «Mutter» und was unter «Vater» zu verstehen ist. Wenn sich gesellschaftliche Strukturen aufweichen, klammern sich viele umso mehr an feste Werte. Während der eine Teil der Gesellschaft sich offen zeigt für neue Liebes- und Lebensformen, besinnt sich der andere – insbesondere christlich und oder konservative Denkende – auf das Ideal der Kleinfamilie zurück. Die Soziologin Yv E. Nay beobachtet dann auch eine «Retraditionalisierung» der Familie.

Die klassische Klein-Familie wird noch lange Zeit stark verbreitet sein, ist auch Klaus Preisner überzeugt. «Es ist davon auszugehen, dass es weiterhin einen grossen Anteil an Familien mit Vater, Mutter, Kind im gleichen Haushalt geben wird. Bis 2030 wird die Familienlandschaft von der Kleinfamilie geprägt sein», sagt der Soziologe.

Diese Rückbesinnung auf traditionelle Werte zeigt sich auch darin, dass viele junge Paare wieder vermehrt heiraten und ihre Kinder «Paul» oder «Emma» taufen. Sie wollen ihren Söhnen und Töchtern eine traditionelle Familie mit Mama und Papa unter einem Dach bieten – oft, weil sie diese als Scheidungskinder selber nicht gehabt haben. Sie wollen zeigen, dass sie nicht an der traditionellen Familie scheitern. Andere hingegen sehen die traditionelle Familie als gescheitert an und entscheiden sich deshalb bewusst für alternative Lebensmodelle.

Toleranz statt Norm

Heute sind die Eltern von europäischen und amerikanischen Kindern ebenso oft unverheiratet oder geschieden wie verheiratet. «Bei einem verheirateten Paar aufzuwachsen, ist nicht mehr die Norm. Kein Wunder, dass immer mehr junge Leute andere Möglichkeiten ausprobieren – Polyamorie, offene Beziehungen, grössere Kreise aus Angehörigen und Sexualpartnern», schreibt die junge Feministin Laurie Penny in ihrem neuen Buch «Unsagbare Dinge».

Diese Bestrebungen mögen an die Liebesexperimente der 68er-Generation erinnern. Sie unterscheiden sich aber dahingehend, dass sie nicht aus einer politischen und revolutionären Haltung heraus gelebt werden. Die Unkonventionell-Liebenden von heute wollen mit ihrem Verhalten nicht die Gesellschaft aufrütteln und ändern, sondern bloss sich selber verwirklichen. Es ist ein durch und durch individualistisches Bestreben.

Die heutigen Verfechter alternativer Lebensarrangements teilen aber mit den 68ern die Überzeugung, dass die Kleinfamilie keine gegebene Norm ist, sondern bloss eine derzeit oft gewählte Familienform. Dass sie immer die vorherrschende sein wird, muss nicht sein. Die Familienforschung zeigt, dass die normative Idee Mutter-Vater-Kind in Europa erst nach dem Zweiten Weltkrieg stark wurde. Vorher dominierten Grossfamilien, in denen acht Kindern keine Seltenheit waren und mehrere Generationen unter einem Dach vereint lebten.

Die Grossfamilie wurde von der Kleinfamilie konkurrenziert und letztlich verdrängt. Nun wird diese selber infrage gestellt von einer Vielzahl neuer Familienformen, die sich alle Geltung verschaffen wollen. Am Ende dürfte daraus kein neues Standardmodell mehr resultieren, sondern eine Vielfalt von parallel bestehenden Lebensweisen mit Kindern. Vielleicht verliert die Gesellschaft dabei zwar eine gemeinsame Norm. Es könnte aber auch mehr Toleranz erwachen. Denn wenn es keinen Standard mehr gibt, kann auch niemand dafür kritisiert werden, dass er von der Norm abweicht.

Wie stellen wir uns also die Familie Ende des Jahrhunderts vor? Noch immer Vater, Mutter und Kind?