Wahrnehmung
Wenn Zahlen süss und Wochentage farbig sind: Mit dieser Veranlagung leben Synästhetiker

Für manche Menschen ist das Abstrakte überhaupt nicht abstrakt. Für Molly Holst aus Norddeutschland etwa, haben Wochentage, Zahlen und Monate Farben, Formen, Geschmäcker und sogar Charaktereigenschaften.

Stephanie Schnydrig
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Die Synästhetikerin Molly Holst nimmt ihre Familienmitglieder auch als Farben und Zahlen wahr.

Die Synästhetikerin Molly Holst nimmt ihre Familienmitglieder auch als Farben und Zahlen wahr.

HO

Der Monat Mai ist weich und hell. An seinem linken Rand befindet sich ein schwarzer Balken. Ausserdem ist er voller Energie. Ganz anders die orangefarbenen Juni und Juli: Sie fühlen sich bedrückend und einengend an. «Nie und nimmer würde ich in den Sommermonaten etwas Grosses planen», sagt Molly Holst, «zum Beispiel umziehen oder den Job wechseln.»

Was für viele verrückt klingen mag, ist für die 53-Jährige aus Norddeutschland normal: Wochentage, Zahlen und eben Monate haben Farben, Formen, Geschmäcker und sogar Charaktereigenschaften. Menschen mit einer solchen ausgefallenen Sinnesverknüpfung nennt man Synästhetiker.

Bei Synästhetikern vermischen sich die fünf Sinne – Hören, Sehen, Schmecken, Fühlen und Riechen – komplex miteinander: Buchstaben sind farbig, Zahlen schmecken süss oder bitter, Töne pieksen auf der Haut.

Ein wahres Farborchester

Wie häufig Synästhesie auftritt, ist nicht vollständig geklärt. Wissenschafter schätzen, dass 0,1 bis 5 Prozent der Bevölkerung betroffen sind. Sicher ist aber, dass Synästhesie vererbbar ist, denn sie tritt gehäuft innerhalb von Familien auf. Diese Menschen erleben solche Sinneseindrücke häufig bereits im Kindesalter. Dagegen wehren kann man sich nicht.

Auch die Erziehungspädagogin Molly Holst machte ihre ersten Erfahrungen als Kind: «Daran erinnere ich mich noch genau», sagt sie. «Meine Mutter sang ein Lied – und vor mir tat sich ein wahres Farborchester auf.» Damals war Holst vier Jahre alt – und dachte, dass alle die Welt so wahrnehmen würden wie sie. «Erst mit zwölf Jahren eröffnete mir meine damals beste Freundin, dass Uhrzeiten gar nicht farbig sind», sagt Holst. «Ich war geschockt.»

So geht es Betroffenen häufig. Doch viele reden gar nicht erst über ihre Erlebnisse. «Oft fürchten sich Synästhetiker davor, als krank abgestempelt zu werden», sagt der Psychiater Markus Zedler, Oberarzt an der Medizinischen Hochschule Hannover. Er ist einer der weltweit führenden Synästhesieforscher und hat während seiner Arbeit bereits über tausend Betroffene kennen gelernt.

Die meisten seien sehr erleichtert, von einem Arzt zu hören, dass sie nicht psychisch krank seien, sondern eine völlig bedenkenlose Veranlagung besitzen würden, sagt Zedler. Auch Holst empfand es als Befreiung, als sie erfuhr, dass ihre Erlebnisse einen Namen besitzen: «Endlich wusste ich, wieso ich die Welt anders empfinde als mein Umfeld.»

Dass sich Menschen wie Molly Holst ihre Wahrnehmungen tatsächlich nicht nur einbilden, zeigen Hirnscans. So weisen bildgebende Verfahren wie die Magnetresonanztomographie bei Synästhetikern auf spezielle und besonders viele Verknüpfungen zwischen Hirnarealen hin. In diesen liegt der Grund für die vermischte Wahrnehmung. Wenn etwa Nervenfasern zwischen dem Buchstaben- und Farbareal verbunden sind, können vermeintlich unabhängige Sinneseindrücke zusammen aktiviert werden.

Die Kopplung zwischen Buchstaben und Farben ist unter Synästhetikern sehr häufig, in der Fachsprache wird diese Form auch graphemische Synästhesie genannt. Ebenfalls häufig tritt die Kalender-Synästhesie auf, bei welcher Wochentage farbig oder dreidimensional im Raum wahrgenommen werden.

Die vielfältigen Sinneseindrücke können Betroffene belasten und es ihnen schwierig machen, sich zu konzentrieren. Doch die meisten kommen gut zurecht. «Viele von ihnen haben ein ausserordentlich gutes Gedächtnis und sind häufiger in kreativen Berufen zu finden als andere Menschen», sagt Markus Zedler. Auch besonders erfolgreiche Synästhetiker sind bekannt: Etwa der Physik-Nobelpreisträger Richard Feynman oder der Maler Wassily Kandinsky.

Die Meinungen, ob tatsächlich die Synästhesie für deren ausserordentliche Leistungen verantwortlich ist, driften auseinander. Doch: «Im Alltag hilft Synästhesie unbestritten als Gedächtnisstütze», sagt Zedler. Denn die gekoppelten Sinneseindrücke sind eine Art eingebaute Eselsbrücken. Das funktioniert zum Beispiel so: Trifft ein Synästhetiker auf eine entfernte Bekannte, sieht er Gelb – die Farbe des Buchstaben S. Dann hangelt er sich von Sabina, Simona, Susanna zum richtigen Namen – Sandra!

Mit Training zum Synästhetiker

Wer selbst gerne einmal Synästhesien erleben möchte, darf sich freuen: Eine kürzlich erschienene Studie des kognitiven Neurowissenschafters Nicolas Rothen der Universität Bern zeigt, dass gewisse synästhetische Erscheinungen erlernbar sind. Für die Studie entwickelte Rothen ein fünfwöchiges Training, an dem über zwanzig nicht-synästhetische Erwachsene teilnahmen.

Das Training bestand unter anderem darin, mit einer speziellen Software eine Schrift zu lesen, bei der jeder Buchstabe eine andere Farbe hatte. Der Buchstabe A war zum Beispiel immer rot, B immer blau. Zusätzlich lernten die Teilnehmenden die Buchstaben-Farb-Kombinationen bewusst auswendig. Und tatsächlich: Nach Abschluss des Trainings berichteten die Probanden auch dann von farbigen Buchstaben, wenn sie in Realität schwarze Buchstaben auf weissem Untergrund sahen. Allerdings waren diese Effekte nur vorübergehend – sie hielten etwa drei Monate.

Dagegen sind die vielfältigen Sinneserlebnisse bei Molly Holst allgegenwärtig. Um sich mit ihnen auseinanderzusetzen, zieht sie sich regelmässig in ihr Malzimmer zurück. In Bildern hält sie fest, wie sie ihre Umwelt tagtäglich wahrnimmt. Etwa im Bild namens «Familie»: Darin stehen drei Figuren nebeneinander – blau, grün und gelb – mit Zahlen und Kreisen auf ihren Körpern.