Familie

Wenn aus Geschwisterliebe Hass wird – so wie bei den Trumps

Brüder und Schwestern gehören zusammen wie Pech und Schwefel und mögen sich von Geburt an – doch das kann sich im Jugendalter verändern und viel später zu Streit führen.

Maryanne Trump Barry konnte sich nicht mehr zurückhalten. Die 83-jährige Schwester des US-Präsidenten bezeichnete diesen als prinzipienlosen und lügenden Politiker. Die pensionierte Bundesrichterin verurteilt das «verdammte Twittern und Lügen» ihres 74-jährigen Bruders, der zudem nichts lese. Dicke Post, die Trumps Nichte Mary der «Washington Post» als Tonaufnahme zugestellt hat.

Sollte bei den Trumps einst Geschwisterliebe geherrscht haben, ist davon nicht mehr viel übrig. Dass aus Zuneigung sogar Hass wird, ist allerdings nichts Einmaliges. Schon in der Bibel schlägt Kain seinem Bruder Abel den Kopf ein, und bei Schillers «Die Räuber» fühlt sich der zweitgeborene Sohn zeitlebens ungeliebt und intrigiert gegenüber dem Erstgeborenen. Das Drama endet mit Suizid und Gefängnis der Brüder.

Tiefe Frustration im Erwachsenenalter

Die emotionale oder auch materielle Bevorzugung eines Kindes durch die Eltern, wenn vielleicht auch nur vermeintlich, kann gemäss dem St.Galler Psychiater und Psychotherapeuten Gunter Grein eine tiefe Frustration bei den anderen Geschwistern auslösen. Der Psychiater sagt:

Gunter Grein, Psychiater und Psychotherapeut in Goldach.

Gunter Grein, Psychiater und Psychotherapeut in Goldach.

Von Geburt an hält ein unsichtbares Gummiseil Brüder und Schwestern zusammen. Sie sind in der Regel ehrlicher zueinander, als zu Fremden, und können sich aufeinander verlassen. Ältere Geschwister sind das Gedächtnis der Jüngeren und können später erzählen, wie der kleine Bruder die ersten Schritte gemacht hat. «Aus psychiatrisch-psychotherapeutischer Sicht haben Geschwister in der Regel im traditionellen Familienverband eine natürliche Zuneigung. Neugeborene erkennen ihre Geschwister schon an der Stimme, weil sie diese im Mutterleib bereits gehört haben. Die älteren Geschwister sind ihnen vertraut», sagt Grein.

Oftmals harmonieren Geschwister auch im späteren Leben. Das kann sich aber schon im Kindes- und Jugendalter verändern. Geschwister streiten sich in der Pubertät, was sich im Erwachsenenleben fortsetzt. Umgekehrt geht auch: Geschwister, die als Kinder oft streiten, leben als Erwachsene in bester Harmonie. «Die Gründe für solche Entwicklungen sind vielfältig», sagt Grein.

Die Situation in der Familie spielt eine Rolle, und dabei ist die Erziehung massgeblich. «Es ist wichtig, dass die Kinder individuell die Erfahrung machen, dass sie von den Eltern emotional geliebt werden. Die Eltern sollten versuchen, die Kinder von der emotionalen Zuwendung, aber auch materiell, gleich zu behandeln. Das ist sicher nicht immer leicht», sagt der erfahrene Psychotherapeut.

Einseitige Bevorteilung

«Aufgrund der einseitigen Bevorzugung von Donald Trump innerhalb seiner Ursprungsfamilie, vor allem durch seinen Vater, wurde wahrscheinlich bereits in der Jugend die Tür aufgestossen, das Familientabu des Zusammenhalts irgendwann zu brechen», sagt Grein. Auszuschliessen ist nicht, dass Trumps Schwester zu Beginn von Donalds Präsidentschaft auch gewisse gesellschaftliche Vorteile hatte, die sie schweigen liessen.

Mit den aktuellen Krisen und den sinkenden Zustimmungswerten des Präsidenten sei die Hemmschwelle für die Schwester gesunken. Wenn er nicht mehr gewählt wird, könnte die Schwester zudem unter Umständen ihren Selbstwert verbessern, weil sie noch rechtzeitig die Schwachpunkte des Bruders aufgezeigt hat. Die illoyale Reaktion sei auch durch die Abwertungen von Präsident Trump gegenüber seiner Schwester begünstigt worden.

Partner verschieben die Prioritäten

Nicht nur die Ungleichbehandlung durch die Eltern kann zu Streit führen. «In vielen therapeutischen Fällen ist auch zu erkennen, dass neu eingeheiratete Personen die Familiensituation massgeblich beeinflussen», sagt der Ostschweizer Psychiater. Die Loyalität zur Ursprungsfamilie nimmt mit dem neuen Partner oder der Gründung einer eigenen Familie oft ab. Die Geschwister fühlen sich dem neuen Ehepartner viel mehr verpflichtet. Gunter Grein sagt:

Dann kann vielleicht der Psychotherapeut helfen. «Oft zeige ich in der Therapie den Leuten die Möglichkeit auf, nicht juristisch gegen Ungerechtigkeiten familiärer Art vorzugehen, weil es einen langen psychischen Leidensweg bedeuten kann», sagt Gunter Grein. Viele Millionen Dollar oder Franken können dann aber doch zu einer anderen Entscheidung führen, trotz der mentalen Belastung durch den Familienstreit.

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