Ausnahmezustand
Weisse Gefahr in den Bergen: Teilweise mehr als doppelt so viel Schnee wie üblich

Der viele Neuschnee führte in den Alpen grossflächig zur höchsten Lawinengefahrenstufe, zu vielen geschlossenen Strassen und zu einem Todesfall.

Sabine Kuster, Niklaus Salzmann
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Die Strasse nach Disentis war gestern wegen Lawinengefahr gesperrt.

Die Strasse nach Disentis war gestern wegen Lawinengefahr gesperrt.

Keystone/Gian Ehrenzeller

Drei Tage lang hat es in den Bergen geschneit. Praktisch im ganzen Alpenraum herrscht grosse Lawinengefahr. Im Wallis ist gestern im Gebiet Les Crosets ein 24-jähriger Pisten-Patrouilleur, der für Schneesprengungen unterwegs war, von einer Lawine erfasst worden und gestorben.

Bis zum Montagabend hatte am Alpennordhang die höchste Gefahrenstufe gegolten, die Katastrophensituation, die laut dem Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) nur sehr selten prognostiziert wird. Vor einem Jahr gab es eine ähnliche Lage, davor hatte zuletzt vor zwanzig Jahren grossflächig eine derartige Gefahr geherrscht. In Teilen der Nordostalpen liegt mehr als doppelt so viel Schnee wie zu dieser Zeit üblich.

Disentis im Bündner Oberland war gestern vorübergehend von der Aussenwelt abgeschnitten: Kantonsstrasse und Bahnlinie waren bis zum frühen Abend gesperrt. Stark betroffen ist auch der Kanton Uri. In Andermatt wurde die Schule geschlossen, die Ortschaft war nur noch per Bahn erreichbar; Hospental und Realp waren vollkommen abgeschnitten.

Auch Elm im Glarnerland war nicht mehr erreichbar. Auf der Schwägalp bei der Talstation der Säntisbahn, wo am Donnerstag eine grosse Lawine niedergegangen war, mussten die Räumarbeiten gestern aus Sicherheitsgründen unterbrochen werden. In Gebieten mit der höchsten Lawinengefahr wurden teilweise Leute angewiesen, in den Häusern zu bleiben.

Sechs Lawinen an einem Hang

Wie berechtigt die Warnungen sind, zeigte sich auf der Belalp im Wallis: Dort gingen an einem grossen Lawinenhang am Sonntagnachmittag ganze sechs Lawinen spontan ab. «Das war aussergewöhnlich», sagt Peter Schwitter, Sicherheitschef der Region Aletsch.

Bilder der Schneemassen in Österreich, Deutschland und der Schweiz:

In der Region des Plan du Fou oberhalb von Haute-Nendaz hat eine Lawine ein Todesopfer gefordert.
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Im Skigebiet Flumserberg, im Bereich Crappawald, waren am Mittwochmittag drei Skifahrer abseits der Piste unterwegs, als sich eine Lawine löste.
Die Rhätische Bahn verkehrt nicht auf allen Strecken. (Archiv)
Die Strasse zwischen Wassen und Göschenen war wegen Lawinengefahr geschlossen.
Schneeräumung in Wassen im Kanton Uri.
Nach einem Lawinenabgang war Disentis im Bündner Oberland von der Aussenwelt abgeschnitten.
Blick ins Dorf Disentis am Montag kurz nach 11.30 Uhr.
Der Bahnverkehr zwischen Wengen und der Kleinen Scheidegg ist wegen der aktuellen Lawinengefahr unterbrochen.
Ein Mann befreit ein Hausdach in Wengen im Berner Oberland von den Schneemassen.
In Andermatt stehen gewisse Züge still.
Schneeräumung in Hospental.
Eine Touristin aus Südkorea fotografiert die Schneepracht in Grindelwald.
Die Schneeräumung läuft auf Hochtouren.
Im Horben (TG) haben wir beim Skifahren einen Schneehasen endeckt.
Teilweise liegt auf den Bergen und Hügeln im Hintergrund aktuell mehr Schnee, als zum selben Zeitpunkt im Hochwasserjahr 1999.
Lawinengefahr am Säntis wurde nicht unterschätzt, sagen die Verantwortlichen. Themenbild: Lawine Flumserberg.
Vorsicht vor Glätte auf Schweizer Strassen - so wie hier in Deutschland.
Wie im Jahr 2013 werden die Silvesterchläuse heuer am Alten Silvester durch den Schnee stapfen müssen.
Die Wucht der Lawine krümmt die Tanne.
Fotos aus dem verschütteten Hotel Säntis.
Helfer suchen nach Verschütteten.
Helfer suchen nach Verschütteten.
Fotos aus dem verschütteten Hotel Säntis.
Fotos aus dem verschütteten Hotel Säntis.
Fotos aus dem verschütteten Hotel Säntis.
Fotos aus dem verschütteten Hotel Säntis.
Fotos aus dem verschütteten Hotel Säntis.
Fotos aus dem verschütteten Hotel Säntis.
Fotos aus dem verschütteten Hotel Säntis.
Die Aufräumarbeiten gehen weiter
Die Vertreter der Säntis Schwebebahnen an der Medienkonferenz.
Bilder der Schwägalp.
Bilder der Schwägalp.
Bilder der Schwägalp.
Bilder der Schwägalp.
Bilder der Schwägalp.
Lawine auf der Schwägalp.
Das Hotel Säntis auf der Schwägalp ist offenbar auch von der Lawine betroffen.
Lawine auf der Schwägalp.
Lawine auf der Schwägalp.
Lawine auf der Schwägalp.
Mehrere Verletzte nach Lawine auf der Schwägalp 17.15 Uhr: Die Webcam macht eine klarere Aufnahme. Deutlich zu sehen: die von der Lawine geknickten Bäume. Zwei Bäume sind ganz verschwunden.
Wintereinbruch Aargau Impressionen vom ersten Schnee auf der Baldegg in Baden. Fotografiert am 10. Januar 2019.
Wintereinbruch Aargau Impressionen vom ersten Schnee auf der Baldegg in Baden. Fotografiert am 10. Januar 2019.
Wintereinbruch Aargau Impressionen vom ersten Schnee auf der Baldegg in Baden. Fotografiert am 10. Januar 2019.
Wintereinbruch Aargau Impressionen vom ersten Schnee auf der Baldegg in Baden. Fotografiert am 10. Januar 2019.
Spektakuläre Aktion in den französischen Alpen - Chamonix.
Heftiges Schneetreiben auf der Gstühl-Kreuzung am Donnerstagnachmittag.
Verschneite Vespa-Parade in Zürich.
Auch die Zwingli-Stadt hat eine dünne Schneeschicht erhalten.
Spaziergang im Zürcher Schneetreiben.
Ein Bus krachte in St.Gallen in einen Lieferwagen.
Tragischer Unfall in Mariazell (Österreich): Ein Lehrer stürzt beim Skifahren unglücklich, bleibt kopfüber im Schnee stecken und erstickt.
undefined Idylle unter dem Hochnebel im Baselbiet.
undefined Idylle unter dem Hochnebel im Baselbiet.
undefined Winternacht in Solothurn.
undefined Leise rieselt der Schnee.
undefined Winterimpressionen auf der Staffelegg
undefined Rotkehlchen im Schnee
undefined Winterimpressionen auf der Staffelegg
undefined Auch bei uns ist der Winter angekommen.
undefined Es schneielet, es beielet...
undefined Woher kommt wohl diese weisse Pracht?
undefined Winterimpressionen auf der Staffelegg
München in weiss: In Bayern und in Teilen Österreichs hat es in den vergangenen Tagen stark geschneit.
Schnee liegt am Bahnhof Berchtesgaden auf einem Zug.
Ein umgestürzter LKW liegt auf der Autobahn 8 in der Nähe von Bernau (Bayern).
Man hilft sich gegenseitig beim Schaufeln, hier im österreichischen Untertauern.
Katze im Schnee in Ramsau am Dachstein.
Es folgen weitere Bilder aus dem Süden Deutschlands und Österreich.
Bayern, Schongau
Bayern, Berchtesgaden
Bayern, Kaufbeuren
Bayern, Kaufbeuren
Bayern, Garching
Bayern, Miesbach
Österreich, Vordernberg
Österreich, Untertauern
Österreich, Untertauern
Österreich, Flachau
Österreich, Niedertauern
Österreich, Saalbach
Österreich, Steiermark

In der Region des Plan du Fou oberhalb von Haute-Nendaz hat eine Lawine ein Todesopfer gefordert.

KEYSTONE/KANTONSPOLIZEI WALLIS

Registriert hat die Lawinen eine neue Radaranlage, welche im November installiert wurde. Diese sichert die weiter unten verlaufende Strasse. Der Lawinenhang muss im Winter immer wieder mit Sprengungen künstlich entladen werden, damit die Lawinen nie so gross werden, dass sie die Strasse erreichen. Trotz der sechs spontanen Lawinen waren laut Peter Schwitter noch acht Sprengungen nötig. Am fünf Kilometer breiten Hang sind 14 Zündrohre permanent installiert.

Auf der gegenüberliegenden Talseite, am Bortelsee oberhalb von Brig, hat eine Messstation 111 Zentimeter Neuschnee innert 24 Stunden verzeichnet. Das liegt schon nahe am Neuschneerekord von 130 Zentimetern, der im März 2018 auf dem Grimsel Hospiz im Berner Oberland sowie im April 1999 auf dem Berninapass in Graubünden gemessen wurde. Allerdings könnte laut SLF bei der aktuellen Situation eine Lawine oder eine Vereisung durch Wind einzelne Messwerte verfälschen.

CH Media

Die grösste Gesamtschneehöhe vermeldet das SLF vom Weissfluhjoch bei Davos: Dort wurden gestern 249 Zentimeter Schnee gemessen, Rekord für einen 14. Januar. Vergleichbare Schneehöhen kommen gemäss SLF ungefähr alle drei bis fünf Jahre vor. Der Landesrekord ist aber noch ein gutes Stück höher: Im April vor zwanzig Jahren lagen auf dem Säntis 8,16 Meter Schnee.

Für heute Dienstag ist laut Meteo Schweiz mit einer Wetterberuhigung zu rechnen. Das SLF hat entsprechend die Lawinengefahr für den gesamten Alpenraum zurückgestuft. Aktuell gilt grossflächig Stufe 4 (siehe Karte oben). Das bedeutet noch immer eine «sehr kritische Lawinensituation». Skisportler brauchen noch etwas Geduld: Erst in zwei bis drei Tagen sinkt die Lawinengefahr voraussichtlich auf Stufe 3, bei der einige Skitouren wieder möglich sind.

Um nicht so lange warten zu müssen, nutzen sehr erfahrene Skitourengänger und Freerider manchmal ein delikates Zeitfenster: Noch während der Schnee fällt oder je nach Temperatur und Wetter auch mehrere Stunden danach haben sich die frischen Schneekristalle noch nicht miteinander verbunden. Das heisst, es können noch keine Lawinen entstehen. Eine Abfahrt in solchem ungebundenen Pulver ist für diese Insider das höchste der Gefühle – aber ein riskantes Unterfangen.

Schnee ist mal leicht, mal schwer, mal laut – und oft gefährlich:

Gefährlicher Pulverschnee Vergangene Woche starben in Österreich zwei Skifahrer unabhängig voneinander neben der Piste im Tiefschnee: Sie stürzten einen Abhang hinunter, blieben kopfüber im Schnee stecken und erstickten. Freerider unterschätzen die Gefahr von federleichtem Neuschnee oft. Die Kristalle gelangen schnell in die Atemwege und führen zum Ersticken. Versucht sich ein Gestürzter auszugraben, rieselt zudem ständig neuer Schnee nach. Ohne Hilfe von Kameraden schafft man es oft nicht, sich zu befreien. Andreas Jud, Bergführer und Freerider, sagt: «Ich selbst habe das schon erlebt und konnte für einen kurzen Moment keine Luft mehr bekommen. Durch die Hilfe meiner Kollegen wurde ich jedoch schnell befreit, sodass ich rasch wieder normal atmen konnte.» Er rät, Abfahrten im tiefen Pulverschnee nie alleine zu unternehmen.
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Zuerst federleicht, dann tonnenschwer Wintersportler kennen es aus eigener Erfahrung: Pulverschnee stiebt luftig-leicht davon, alter Nassschnee klebt dagegen bleischwer an den Ski. Und der Eindruck täuscht nicht, tatsächlich variiert das spezifische Gewicht von Schnee sehr stark. Schon bei Neuschnee gibt es grosse Unterschiede, ein Kubikmeter wiegt mal 50, mal 100 Kilogramm. Sinkt er in sich zusammen, kann das Gewicht auf über 400 Kilogramm pro Kubikmeter ansteigen. Das entspricht der Dichte von trockenem Fichtenholz. Eine Schneeschicht drückt dann also so stark auf den Untergrund wie ein Fichtenholzblock von derselben Dicke.
Wintereinbruch Aargau Impressionen vom ersten Schnee auf der Baldegg in Baden. Fotografiert am 10. Januar 2019.
Wir verlernen Autofahren auf Schnee Weil immer weniger Schnee im Flachland liegt, kommen ungeübte Autofahrer in den Bergen nicht selten ins Schleudern. Wer auf Schnee fährt, sollte einen möglichst hohen Gang einlegen. Dadurch wird die Drehzahl kleiner und die Kraftübertragung auf die Räder ist sanfter. So ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Rad durchdreht, kleiner. Dies gilt auch fürs Anfahren – der zweite Gang ist im Schnee die richtige Wahl. Das Fahrzeug sollte ausserdem nur mit der Fussbremse verlangsamt werden und nicht, indem runtergeschaltet wird. Sonst besteht die Gefahr, dass sich das Fahrzeug querstellt. Wer trotzdem ins Schleudern gerät: sofort die Fussbremse betätigen. Mit dem Lenkrad korrigieren wollen ist heikel, denn sobald die Räder wieder Grip haben, macht das Fahrzeug einen Satz in die eingeschlagene Richtung.
Schnee ist ein heisses Material Formen wir Schneeballen oder Schneemänner, sind die Hände rasch klamm. In unserer Wahrnehmung ist Schnee nur eines: kalt. Doch aus physikalischer Sicht gilt er als «heisses Material». Darunter verstehen Physiker Material, dessen Temperatur nah bei seinem jeweiligen Schmelzpunkt liegt. Dieser beträgt für Schnee 0 Grad Celsius. Auf der Erde ist der Schnee somit nie weit von seinem Schmelzpunkt entfernt. Deshalb ist er stets im Wandel. Etwa, wenn die Eiskristalle an ihren Berührungspunkten zusammenwachsen und aus pulvrigem Neuschnee ein stabiler Altschnee wird. Um solche Veränderungen zu untersuchen, nutzen Schneeforscher eine Technologie aus der Medizin: die Mikro-Computertomografie. Damit lässt sich die Metamorphose des Schnees analysieren, ohne dessen Struktur zu zerstören.

Gefährlicher Pulverschnee Vergangene Woche starben in Österreich zwei Skifahrer unabhängig voneinander neben der Piste im Tiefschnee: Sie stürzten einen Abhang hinunter, blieben kopfüber im Schnee stecken und erstickten. Freerider unterschätzen die Gefahr von federleichtem Neuschnee oft. Die Kristalle gelangen schnell in die Atemwege und führen zum Ersticken. Versucht sich ein Gestürzter auszugraben, rieselt zudem ständig neuer Schnee nach. Ohne Hilfe von Kameraden schafft man es oft nicht, sich zu befreien. Andreas Jud, Bergführer und Freerider, sagt: «Ich selbst habe das schon erlebt und konnte für einen kurzen Moment keine Luft mehr bekommen. Durch die Hilfe meiner Kollegen wurde ich jedoch schnell befreit, sodass ich rasch wieder normal atmen konnte.» Er rät, Abfahrten im tiefen Pulverschnee nie alleine zu unternehmen.

KEYSTONE/URS FLUEELER

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