Rückblick

Was mein Leben reicher macht: 19 Menschen erzählen von kleinen Momenten des Glücks

Für viele von uns war 2020 ein verrücktes Jahr. Voller Tiefen, aber auch voller Magie. Hier erzählen Menschen vom Zauber des Alltags inmitten der Krise.

Mein weises Kind

Kind Nummer Zwei hat mir eine Nachtsperre für mein Handy eingerichtet (erzwungen). Zwischen 22 Uhr und 6.30 Uhr ist für mich nun «handyfreie» Zeit. Sie meinte, es zerre mehr an meinen Nerven, mit Menschen online zu streiten, als dass es wirklich etwas bringen würde. Ich lese und schlafe nun mehr und bin froh um so weise, bestimmende Kinder. Ewa

Der erste Haufen Gras

Samstagnachmittag, 15.30 Uhr im September, ich wische mir mit der Hand den Schweiss von der Stirn und betrachte den riesigen Haufen Gras, den ich zusammengerecht habe. Mit der Sägesse habe ich zuvor den steilen Grashang oben im Garten bezwungen. Mein Vater hat mir gezeigt, wie ich sie richtig halte und schwinge. Danach habe ich mit der Sichel die Rasenränder geradezu bünzlig bearbeitet. Ich habe als Gärtner sicher noch Luft nach oben, aber fürs erste Mal war das gar nicht so schlecht. Roman

Schwarze Olive, entsteint

Das Aufwecken durch meinen Liebsten mit einem Kaffee in der Hand, der atemberaubende Blick auf Zürich von der Polyterrasse aus, die Begegnung mit dem Eichhörnchen im Wald beim Joggen, der blaue Himmel ohne Kondensstreifen, unsere Küchendiscoabende, der Republik-Newsletter, die vielen, brennenden und farbigen Kerzen, die Video-Call-Aperos mit unseren Liebsten in Südafrika, das leise Schnarchen unseres Katers, das Mitsingen meiner Tochter zu ihrer Neuentdeckung Bligg, schwarze Oliven entsteint mit Salt and Vinegar Chips. Sybille

Und sie ging doch nicht

Meine Mutter, Jg. 1932, im Pflegeheim, völlig immobil und schwach, wurde im Frühsommer positiv auf Covid-19 getestet. Wir konnten sie natürlich in der Zeit nicht besuchen. Für mich war klar, dass ich sie nie mehr wiedersehen würde. Nun, sie hat die Sache praktisch ohne Symptome überstanden. Sars-Cov-2 macht, was es will, nicht, was man plant. Aber in meinem Fall war das sogar ganz gut. Daniel

Plötzliche Teenie-Nähe

Die wieder grössere Nähe zu unseren Teenagern, das unmittelbare Miterleben ihres Erwachsenwerdens, die starke Verbundenheit und das Glück innerhalb der Familie – und das in einem Alter, in dem sie uns Eltern eigentlich nicht mehr so nahe wären. Das ist ein grosses, unverhofftes Geschenk. Anne

© Keystone

Unterricht mit Spass

Ich habe nach elf Jahren das erste Mal wieder unterrichtet und bin überrascht, wie viel Spass mir das wieder macht. Ines

Ins leere Schwimmbad

Bargeldlos zahlen, ohne doof angeschaut zu werden. Vorstellungsgespräch ohne Bahnfahrt über Video. Schwimmbad- und Kinobesuche ohne Überfüllung. Grossraumbüronutzung ohne Lärmpegel. Jan

© Manuela Jans-Koch

Nüsse für die Prinzessin

«Drei Nüsse für Aschenbrödel» wartet wieder auf uns, ganz egal, welche Coronamassnahmen der Bundesrat gerade wieder verkündet. Paul

Im Auto laut mitsingen

Wenn das Auto am Morgen anspringt, brummt es, als wäre es ein Airbus auf dem Rollfeld. Im Führersitz fühlt man sich geborgen wie ein Ungeborenes im Mutterleib. Den Song «Whatever» von Oasis laut abspielen und dazu mitsingen. Die Landschaft fliegt vorbei, hinter dem Uetliberg reisst die Sonne den Nebel auf. Zur Belohnung geht es noch vor Arbeitsbeginn in die Waschstrasse. Über der Einfahrt steht: «Die Frischzellenkur für Ihr Auto.» Und für den Lenker. Francesco

Geburt und Tod hautnah

Im Gemeindeblatt im Dezember die Geburts- und Todesanzeigen studiert, es sind viele, auf beiden Seiten. Dann erstaunt zweimal den gleichen Vor- und Nachnamen entdeckt, den gleichen Bürgerort. Es zuerst für einen Druckfehler gehalten und dann realisiert, dass in dieser Familie in der gleichen Woche jemand für immer ging und jemand ankam. Der Kreislauf des Lebens und Sterbens auf vier Zeilen reduziert und mir plumpst eine Träne in den Morgenkaffee. Andrea

Kleine Füsse in der Aare

Anstatt Ski zu fahren, steckten wir an Ostern zum ersten Mal die Füsse in die kalte Aare. 13 Grad. Der Fluss blieb das ganze Jahr eine Oase, ein Sehnsuchtsort. Okay, im Sommer mussten wir die Aare mit all den Westschweizern teilen, die Bern besuchten. Doch jetzt haben wir sie wieder für uns. Mit dem Schwimmen habe ich nie mehr aufgehört. Es ist meine Marotte geworden, um Corona ein paar Züge lang zu vergessen. Ganz selbstbestimmt im Fluss, kein Abstandhalten, keine Maske und trotzdem mit behördlichem Segen. Die Aare wird «bebadbar» sein, frohlockte Daniel Koch schon im Frühling. Sie ist es immer noch. Auch bei 7 Grad. Doris

Prosecco in Rimini

Venedig zwei Mal besucht und jedes Mal geheult, wenn ich ankam und dann eigentlich bei jeder Gelegenheit mal wieder, weil es so unglaublich schön ist ohne Menschenmassen. Diese tiefe «Dass ich das erleben darf»-Dankbarkeit. In Rimini am Strand Prosecco getrunken und geheult, weil ich ohne Corona nie in Rimini gelandet wäre, im Bikini, am Strand und weil es mich auf süsseste Art an meine Jugend erinnert hat, obwohl ich damals gar nie in Rimini oder sonst wo in Italien am Strand gewesen bin. Simone

Kopfüber in den Schnee

Die Tage mit Schnee werden zwar immer seltener, aber letzte Woche waren wir dreimal auf dem Schlittelweg am Hausberg. Auf dem Schlitten ist alles leicht. Es gibt keinen Stilwettbewerb wie auf den Skis, aber ein stetes Wettrennen in der Gruppe, ein Mordsspass. Der Kopf ist frei, ich bin nur ich. Nicht mal Mutter. Das Gefälle zwischen den Kindern ist weg oder kehrt sich. Zum Beispiel, als der Grössere kopfüber in die Schneemade sauste, verdattert da sass und sagte: «Das hätten wir nicht tun sollen, gäll.» Mein Schuldgefühl dauerte bis zur nächsten Kurve und dem nächsten Jauchzer. Sabine

Fünf Minuten nur für mich

Heute Morgen, 7 Uhr, es ist noch ganz dunkel und ich möchte gar nicht recht aufstehen, überwinde mich dann doch, mache mir eine Tasse Kaffee und stelle mich dann vors Fenster und sehe, wie hinten am Horizont die Berge leuchten, der Nebel lichtet sich. Was für eine Aussicht, mitten in der Stadt. Und ich habe fünf Minuten ganz für mich allein. Anna

© Dominik Wunderli

Endlich Haare schneiden

Babyhaut küssen. Hafermilch-Cappuccino statt Frühstücken. Schlittschuhfahren in der Herbstsonne. Blumen in Mutters Rosengarten schneiden und zu einem wunderschönen Strauss binden. Schnecken beobachten. Zum Friseur gehen und endlich einen Pony schneiden. Die letzten Wochen mit dem alten Hund erleben, jeden Spaziergang sie umarmen und danken für die vielen Jahre zusammen. Mir jeden Tag Orangensaft leisten, manchmal sogar frisch gepresst. Ein neues Büro beziehen und Pläne schmieden. Auf einem Glitzerpferd Geburtstag feiern. Nadine

Zeit für meine Lieben

Wenn alles weniger wird, fühlt sich alles, was noch möglich ist, plötzlich grösser an. An einem Samstag ein Glas Prosecco zu trinken, fühlt sich entspannter an als jeder Tag, den ich in den letzten Jahren im Urlaub am Meer verbracht habe. Ich bin plötzlich dankbar für ein Raclette unter freiem Himmel mit Freunden und Familie. Die zehn Menschen, die da sitzen, werden mir plötzlich so wertvoll. Die Ruhe im Advent, die Zeit für meine Kinder, weil ich sonst den ganzen Dezember von Anlass zu Anlass rannte und von Schulvorstellung zu Endjahresversammlungen. Befreiend. Marah

Kreischende Kinder

Früher habe ich einen grossen Bogen um spielende Kinder gemacht. Das Gekreische liess mich zusammenzucken. Dann kam der Lockdown und mit ihm die Leere. Stille. Bis eines Nachmittags, ich sass auf dem Balkon, die Sonne schien, es roch nach Frühling. Da tobten sie wieder auf dem Platz vor unserem Haus herum: die Kinder. Rufe und Lachen schallten zu mir empor. Doch es war kein Lärm, den ich wahrnahm – ich hörte Freude, Ausgelassenheit, Leben! Sandra

Musik über Whatsapp

Gemeinsam musizieren darf man nicht, dafür erklingen auf dem Familien- und Verwandtschafts-Chat auf Whatsapp auf einmal Klavier- und Trompetenmelodien. Die Hemmschwelle bei den Kindern scheint tiefer zu liegen, als wenn die Zuhörer physisch anwesend sind. Patrik

Schachmatt

Ich kann nicht Schach spielen, wollte es gar nie lernen. Doch jetzt in diesem zweiten fast Lockdown haben meine beiden Söhne nicht mehr lockergelassen. Sie, gerade mal sieben und neun Jahre alt, haben sich also mit mir auf den Boden gehockt und mir die Regeln und Züge erklärt. Geduldig, immer und immer wieder. Haben dabei die Augen verdreht und mich ausgelacht und theatralisch ausgerufen. Aber sie haben mich nicht aufgegeben. Als ich den 7-Jährigen zum ersten Mal Schachmatt setze, schaut er mich sehr zufrieden an und sagt: «Geht doch, du darfst nur nicht gleich aufgeben.» Meine Worte aus seinem Mund. Und ich hab mich nicht zum ersten Mal gefragt, wer hier wen, was fürs Leben lehrt. Katja

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