Körpersprache
Warum der verweigerte Handschlag ein Affront ist

Nach dem Fall von Therwil (BL), wo zwei syrische Schüler einer Lehrerin den Handschlag verweigerten, beschäftigt sich die Schweiz mit dem Grundwortschatz ihrer nonverbalen Kommunikation.

Susanne Huber
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Sie die Hände zu schütteln, bedeutet für uns, sich gegenseitig zu anerkennen.Getty Images

Sie die Hände zu schütteln, bedeutet für uns, sich gegenseitig zu anerkennen.Getty Images

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Zwei treffen sich. Ein kurzer Blick in die Augen, ein Schritt aufeinander zu. Sie streckt die Hand aus, die er ergreift. Er greift fest zu, die beiden Hände schütteln sich ein bis zwei Mal. Vielleicht kommt es gar zu einer leichten Berührung an der Schulter mit der anderen Hand.

Oder er macht den toten Fisch, diesen Händedruck, der seinen Namen nicht verdient. In dem Fall hat sie das Gefühl, ein lebloses Etwas in ihrer Hand zu halten, und weiss nicht recht, soll sie es jetzt drücken oder doch besser gleich fallen lassen.

Das sind zwei Varianten des Händeschüttelns. Händeschütteln geht meistens ganz einfach. Kennen wir. Machen wir ständig. Fällt uns gar nicht gross auf. Bis es ausbleibt. Dann allerdings fällt das recht unangenehm auf.

Der ausgebliebene Handschlag ist ein Affront. Wer die ihm zur Begrüssung hingestreckt Hand nicht nimmt, der setzt ein starkes Signal. Er weist die Einladung, miteinander in Kontakt zu treten, zurück. Zusammen mit dem Handschlag verweigert er dem Gegenüber die Anerkennung. Er macht ihm unmissverständlich klar, dass es da einen Graben gibt, zwischen ihm und dem anderen, über den man sich nicht einmal die Hand reichen kann.

Auch die Araber tun es

So ist das bei uns. Deshalb haben die beiden Therwiler Sek-Schüler, als sie ihrer Lehrerin nicht mehr die Hand geben wollten, ein deutliches Signal gesetzt. Aber das ist nicht der Grund, warum das Land jetzt aufschreit.

Der Aufschrei gilt der Art des Grabens, den die Schüler aufgerissen haben. Sie wollen ihrer Lehrerin die Hand nicht geben, weil sie eine Frau ist. Sie behaupten, ihre Religion, der Islam, verbiete es ihnen, eine Frau zu berühren.

Der Aufschrei gilt auch der Schule, die diese Begründung akzeptierte und die Schüler vom Händeschütteln dispensierte. Der ausbleibende Handschlag deckt so einiges auf. Nicht nur, dass an Schweizer Schulen offenbar eine Händeschüttelpflicht besteht, von der Schüler gegebenenfalls entbunden werden können. Auch, dass sich die Regeln des höflichen Umgangs miteinander nicht einfach jemandem aufzwingen lassen.

Wir reichen uns die Hand. Angeblich seit eh und je. Die Griechen haben den Handschlag in Stein gemeisselt. Es wird behauptet, dass schon der Höhlenmensch seinem Höhlenmitmenschen die Hand gereicht hat. Zum Zeichen, dass er ihm in friedlicher Absicht begegnet, zeigt er ihm die eigene, waffenlose Hand. Und packt damit gleich die ebenfalls leere Hand des anderen. Vielleicht um zu verhindern, dass dieser ihm an die Gurgel greift, wer weiss.

Nicht nur wir reichen uns die Hand, die Araber tun das ebenfalls. Wie man hört, kommt es auch zum Handschlag zwischen Arabern beiderlei Geschlechts, die weder verheiratet noch verschwägert sind. Ihr muslimischer Glaube hält sie nicht davon ab, einander höflich zu begegnen. In den arabischen Ländern leben traditionell und modern geprägte Menschen zusammen. Der Handschlag zwischen Mann und Frau kann ausleiben. Das wird dann nicht unbedingt als Beleidigung empfunden. Zur Begrüssung wird einfach eine alternative Geste ausgeführt.

Die Politikwissenschafterin und gebürtige Ägypterin Elham Manea betont aber, dass selbst in traditionellen Gesellschaften wie im Jemen Händeschütteln zu den Begrüssungsformen gehört. Innerhalb von Familien küssen sich die Menschen dort sogar die Hände. Wenn Manea in arabischen Ländern unterwegs ist, geht sie davon aus, dass ihr die Hand zur Begrüssung gereicht wird. Sie stellt fest, dass Männer das vermehrt nicht tun. Das sei ein Zeichen der zunehmenden Re-Islamisierung, im Zuge derer Frauen in der Gesellschaft separiert werden.