Essay
Warten ist die Antithese zum Kapitalismus – warum wir es dringend wieder lernen sollten

Wir können das Ende der Krise kaum erwarten. Auch, weil uns die heutige Zeit die Geduld abtrainiert hat. Dabei ist Warten können eine Kompetenz, die wir fürs Leben brauchen.

Anna Miller
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Warten ist für Viele eine Qual - dabei hilft Geduld durch die Krise.

Warten ist für Viele eine Qual - dabei hilft Geduld durch die Krise.

Mia Takahara/Plainpicture

Einfach mal stehen bleiben. Die Zeit überbrücken, die keinen Sinn zu haben scheint. Diese Momente an einem Dienstag an einer Bushaltestelle, an einem Donnerstag im Wartezimmer einer Praxis. Dieser Zwischenraum zwischen dem einen Ende und dem nächsten Anfang.

Im Grunde warten wir ständig. Wir warten auf den Zug, wir warten auf eine Antwort auf eine Mail, wir warten auf die grosse Liebe und irgendwann auch auf den gnädigen Tod. Wir warten darauf, schwanger zu werden oder auf die Kündigung, manchmal haben wir Angst dabei, manchmal sind wir voller Hoffnung.

Warten ist in vielen Bereichen des Lebens nötig

Doch was wir da ständig müssen, das hassen wir auch. Corona macht dieses ewige Warten nur schlimmer. Seit Monaten nun fliesst die unsichtbare Gefahr zäh durch unser Leben und stellt alles auf ewige Dauerschleife, kein Ende in Sicht, immer neue Einschränkungen, so wenig Reize, so viel Ungewissheit, und wir: Die ewig Wartenden, auf einen Impfstoff, darauf, wieder ans Meer zu fahren und wieder zu tanzen.

Wir warten darauf, wieder ans Meer fahren zu können (Symbolbild).

Wir warten darauf, wieder ans Meer fahren zu können (Symbolbild).

Keystone

Da sind die Geduldigen klar im Vorteil. Geduld ist eine Mischung aus Selbstkontrolle, Frustrationstoleranz und Ausdauer - und macht einen Menschen nachweislich erfolgreicher und glücklicher. Denn das Warten können ist für viele wesentliche Prozesse des Lebens unabdingbar: Für Fokus, Leistung, Erfolg, wirtschaftlichen Gewinn, für eine funktionierende Beziehung, für einen Marathon.

Wir können zwar heute sofort sehen, ob unser Partner die Whatsapp-Nachricht gelesen hat - und doch braucht Liebe Geduld und Zeit. Wir können uns das Buch im Internet zwar sofort kaufen - und doch dauert es lange, uns Wissen, das darin steht, auch anzueignen.

Warten ist die Antithese zur Idee der kapitalistischen Effizienz

Doch Digitalisierung und Kapitalismus haben grosses Interesse daran, uns jeden Anspruch auf Geduld auszutreiben. Jeder Kaufreiz muss oder kann sofort gestillt werden. Nie war es einfacher, vermeintlich nie wieder auf etwas warten zu müssen. Mit dem Smartphone in der Hand können wir jede Sekunde unseres Lebens bespielen.

Kaum stehen wir irgendwo, holen wir das Gerät aus den Taschen und nutzen vermeintlich ein wenig Zeit. Das Warten ist die ultimative Antithese zu neokapitalistischer Effizienz. Sie ist nicht effizient, sie scheint sinnlos. Sie hat vermeintlich nicht mal einen messbaren Wert. Und bereits vor der Digitalisierung galt schon lange: Zeit ist Geld!

Warten, warten, warten. Aktuell auch vor einer Corona-Impfung.

Warten, warten, warten. Aktuell auch vor einer Corona-Impfung.

Keystone

Die unabdingbare Realität ist das Warten

Dabei sind Pausen und Leerräume für die psychische Gesundheit unabdingbar. Ruhezeiten, auch kurze, lassen das Gehirn Eindrücke besser verarbeiten, das parasympathische Nervensystem wird aktiviert, die Kreativität beflügelt und der Fokus geschärft. Es ist wie bei einem Musikstück: Die Pausen zwischen den Noten gehören genauso zum Klang wie die Noten selbst. Wer sich selbst keinerlei leere Zeit mehr gönnt, der brennt irgendwann komplett aus. Warten ist also keine Zeitverschwendung, sondern kann, richtig eingesetzt, eine wertvolle Ressource sein.

Und gerade in den jetzigen Zeiten, inmitten der Corona-Krise, ist das Warten eine unabdingbare Realität. Die Krise fordert unsere Geduld heraus. Unseren Willen, in der Untätigkeit sitzen zu können. Wir müssen klarkommen damit, dass wir auf ein Ende warten, das noch nicht absehbar ist. Viele Menschen kommen mit diesem vermeintlichen Kontrollverlust schlecht zurecht. Fühlen sich untätig.

Selten haben wir in den letzten Jahrzehnten eine Zeitspanne erlebt, die uns so sehr darauf zurückgeworfen hat, was noch bleibt, wenn der Kalender nicht mehr voll ist, nicht mehr alles unter Kontrolle, nicht mehr alles verplant, nicht mehr Ablenkung und Leistung à gogo.

Wie unangenehm wir Warten grundsätzlich empfinden, ob auf die Impfung oder auf den Anruf, hängt dabei aber gar nicht davon ab, wie lang es tatsächlich dauert, bis das Ereignis eintritt. Entscheidend ist, wie lang sich die Wartezeit anfühlt. Denn das Zeiterleben ist subjektiv: Manchmal fliegt sie nur so dahin, dann wiederum fühlt sich alles ewig an.

Das hat auch damit zu tun, wie gefordert unser Gehirn gerade ist. Sind wir im Stress oder mit etwas beschäftigt, hat unser System keine Kapazitäten mehr, sich um die Zeit zu kümmern. In der Schlange vor der Supermarkt-Kasse ist das nicht gegeben. Wir fühlen uns ausgeliefert, gelangweilt - und reagieren dann deshalb auch so gereizt, wenn einer sich vordrängelt.

Kinder merken sich rasch, ob sich das Warten auszahlt oder nicht

Die Weichen für Geduld und Durchhaltewillen werden bereits im Kindesalter gelegt. Eines der berühmtesten Experimente in diesem Zusammenhang ist das «Marshmallow-Experiment»: Der US-Psychologe Walter Mischel und sein Team boten Kindern im Alter von sechs Monaten bis fünf Jahren etwas Süsses an und liessen sie wählen: Entweder sie konnten den Marshmallow sofort essen - oder aber sie warteten 15 Minuten; dann erhielten sie vom Versuchsleiter die doppelte Menge. Ein Viertel der Kinder ass die Süssigkeit sofort.

Schwer zu widerstehen, nicht wahr?

Schwer zu widerstehen, nicht wahr?

Keystone

Von denen, die sich auf das Angebot einliessen, überstand ein Drittel die Wartezeit. Die Kinder aber, die der Versuchung widerstanden, hatten im weiteren Leben Vorteile: Sie waren besser in der Schule, machten höhere Bildungsabschlüsse, hatten einen besseren sozialen Umgang und bewältigten Stress eher. Die Studie geriet 2018 jedoch in Verruf; die Bildungsherkunft der Kinder war in der Ursprungsstudie nicht berücksichtigt worden, neue Ergebnisse zeigen ein anderes Bild: Die Umgebung hat einen viel grösseren Einfluss darauf, wie sich ein Kind entwickelt als gedacht.

Das Warten: Wir können es lernen

Kinder merken sich schnell, ob sich das Warten lohnt. Je verlässlicher das Umfeld ist, desto eher sind Kinder bereit, länger auf eine Belohnung zu warten: Verlässlichkeit kann die Wartezeit von Kindern sogar verdoppeln. Ernst Fehr von der Universität Zürich fand heraus, dass das Elternhaus der Kinder einen Einfluss darauf hat, wie geduldig diese werden.

Ernst Fehr (Archiv).

Ernst Fehr (Archiv).

Ursula Meisser

Sein Fazit: Sie werden genauso geduldig oder ungeduldig wie ihre Eltern. Warten können kann man also lernen. Und ist gesund: Forscherinnen fanden einen Zusammenhang zwischen Ungeduld und Spielsucht, Ungeduld und höherem Alkoholkonsum, stärkerem Rauchen und einem ungesünderen Essverhalten.

Wenn Sie also das nächste Mal warten müssen: Atmen Sie tief durch, nutzen Sie die erzwungene Pause dazu, ihr Nervensystem zu beruhigen, denken Sie an etwas Schönes. Oder unterhalten Sie sich mit einem Menschen, der auch wartet. Auch das ist wissenschaftlich bewiesen: Menschen, die ihre Wartezeit teilen konnten, empfanden sie als weniger lang.

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