Umweltkatastrophe
Vor 10 Jahren explodierte die Ölplattform Deepwater Horizon – die Natur hat sich noch nicht erholt

Im Jahr 2010 kam es zu einer der schwersten Umweltkatastrophen der jüngeren Geschichte. Die Auswirkungen davon sind heute noch spürbar.

Niklaus Salzmann
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Die Explosion auf der Ölplattform Deepwater Horizon hatte dramatische Auswirkungen.

Die Explosion auf der Ölplattform Deepwater Horizon hatte dramatische Auswirkungen.

Text: Niklaus Salzmann Grafik: Stefan Bogner

Der 20. April 2010 war ein Tag zum Feiern. Das glaubten zumindest am Morgen noch die vier Manager, die an jenem Tag auf die Ölplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko geflogen wurden. Sieben Jahre ohne ernsten Unfall, die Bohrung abgeschlossen: Dazu gratulierten die Herren – zwei vom Ölkonzern BP, zwei vom Tiefseebohrspezialisten Transocean – den Arbeitern.

Ein paar Stunden, nachdem sie wieder abgeflogen waren, knallte es auf der Plattform. Die Abdichtung des frisch verschlossenen Bohrlochs hatte dem Druck nicht standgehalten. Gas war ausgetreten und hatte sich an einem Funken entzündet. Die Katastrophe liess sich nicht mehr aufhalten.

Elf Arbeiter starben. Fast drei Monate lang floss Öl ins Meer zwischen den USA und Mexiko. Pelikane und Schildkröten verendeten, von einer schwarzen, klebrigen Schicht überzogen. Das Öl gelangte in die Mägen von Fischen, Delfinen und Walen, Robben, Ottern. Pflanzen erstickten im Öl. Korallen- und Austernriffe starben ab.

Das Öl breitete sich gut sichtbar auf der Meeresoberfläche aus und machte das Ausmass der Katastrophe für die ganze Welt sichtbar.

Das Öl breitete sich gut sichtbar auf der Meeresoberfläche aus und machte das Ausmass der Katastrophe für die ganze Welt sichtbar.

Keystone

Kein Fisch, der nicht beeinträchtig wurde

Ein Teil des Öls konnte von der Meeresoberfläche abgeschöpft oder direkt am Bohrloch eingefangen werden. Ein Teil wurde abgefackelt. Zudem wurden fast 7 Millionen Liter eines Lösungsmittels ausgebracht, das dafür sorgen sollte, dass sich das Öl rascher zersetzt. Einen Monat nach der Explosion – das Öl floss noch immer aus dem Leck – sagte BP-Chef Tony Hayward:

Ich glaube, die Umweltbelastung dieses Unglücks wird wahrscheinlich sehr, sehr bescheiden sein.

Zwei Monate später musste er seinen Rücktritt erklären.

Der damalige BP-Chef Tony Hayward musste nach der Katastrophe in mehreren Untersuchungsauschüssen erscheinen.

Der damalige BP-Chef Tony Hayward musste nach der Katastrophe in mehreren Untersuchungsauschüssen erscheinen.

Keystone

Auf der Meeresoberfläche war zwar nach wenigen Wochen kein Öl mehr zu sehen. Aber in den Körpern von Tieren und im Boden ist auch zehn Jahre später noch nicht alles in Ordnung. Kürzlich hat die Universität South Florida eine Studie zu 2500 Fischen von 91 Arten publiziert. Laut Meeresbiologe Steven Murawski fanden sich in jedem einzelnen Fisch Spuren des Öls.

Es gibt in diesem System keine unberührten Fische

, sagte er laut Medienmitteilung. Zu den am stärksten belasteten Fischen gehörte der Ziegelbarsch, der sich Höhlen im Meeresgrund gräbt.

Ziegelbarsche graben sich eine Schlammhöhle – und leiden besonders bei Ölkatastrophen.

Ziegelbarsche graben sich eine Schlammhöhle – und leiden besonders bei Ölkatastrophen.

Northeast Fisheries Science Center

Die Belastung mit giftigen Kohlenwasserstoffen in der Galle der Fische hat über die vergangenen zehn Jahre nicht etwa ab-, sondern sogar zugenommen. In den Sedimenten um das Bohrloch herum lagert immer noch Öl, das durch Stürme oder Strömungen freigesetzt wird. Stark belastet ist zum Erstaunen des Forschungsteams aber auch der Gelbflossenthunfisch, der nicht am Meeresgrund lebt.

Laut der US-Meeresbehörde NOAA brauchen im Allgemeinen langlebige Arten länger, um sich zu erholen. Dazu zählen neben grossen Fischen auch Schildkröten und Meeressäuger. Noch immer finden sich bei Delfinen Schäden an inneren Organen wie Lunge und Nebenniere. Sie können entstehen, wenn ein Delfin direkt mit Öl in Kontakt kommt, aber auch wenn er Fische frisst, die verseucht sind.

Auch die Meeresschildkröten haben sich noch nicht erholt. Von den rund 600 toten Schildkröten, die nach der Katastrophe eingesammelt wurden, gehörten drei Viertel zu den vom Aussterben bedrohten Atlantische Bastardschildkröten. Ihr Bruterfolg schwankt seit der Katastrophe stark.

Besonders stark von den Folgen der Ölkatastrophe betroffen: die atlantische Bastardschildkröte.

Besonders stark von den Folgen der Ölkatastrophe betroffen: die atlantische Bastardschildkröte.

United States Fish & Wildlife Service (USFWS

Bleibende Schäden an Korallen in der Tiefsee

Wie eng dies mit der Ölpest zusammenhängt, lässt sich schwer sagen. Deren Folgen vermischen sich mit anderen Umweltproblemen im Golf von Mexiko. Das Meer wird überfischt. Das Wasser ist schmutzig. Und durch den Klimawandel steigt der Wasserspiegel und es kommt häufiger zu Stürmen. Erosion ist an den Küsten des Golfs ein grosses Problem, das sich verstärkt hat, als das Öl die Pflanzen abtötete, die mit ihren Wurzeln die Ufer zusammenhielten. Es verschwanden Brutplätze von Schildkröten und Vögeln, aber auch Lebensräume für kleinere Tiere, von denen sich wiederum grössere ernähren.

5 Bilder

Grafik: Stefan Bogner

In zahlreichen Projekten wird noch immer versucht, zumindest einen Teil der Schäden wiedergutzumachen. Die Netze der Shrimps-Fischerei werden mit Öffnungen versehen, durch welche Schildkröten entkommen können. Austernriffe werden wiederaufgebaut, in denen sich neben den Austern auch Krabben und junge Fische wohlfühlen.

Düster sieht es dagegen in der Tiefsee aus. Das Bohrloch befand sich 1500 Meter unter der Wasseroberfläche. Dort unten ist es eiskalt und der natürliche Abbau des Öls durch Bakterien schreitet langsamer voran als weiter oben. Das Öl floss auf Korallenkolonien, die bis zu sechshundert Jahre alt waren, heisst es in einem Bericht der «National Wildlife Federation», der grössten Naturschutzorganisation der USA. Einige Kolonien würden sich wohl nie erholen.

Und da solche Wassertiefen nur durch ferngesteuerte Roboter zugänglich sind, kann der Mensch auch kaum nachhelfen.

Hauptschuldig für die Katastrophe ist laut Gerichtsurteil der britische Ölkonzern BP, der grobfahrlässig gehandelt habe. Einen Teil der Schuld trägt zudem die Firma Transocean mit Sitz im Kanton Zug, die im Auftrag von BP die Plattform betrieb.

BP verkündete bereits 2013, der Golf kehre dank den Säuberungsaktionen, Renaturierungsprojekten und natürlichen Erholungsprozessen nun in den Zustand zurück, in dem er ohne den Unfall wäre. Das Gericht war anderer Meinung: BP muss in Tranchen bis 2032 unter anderem 8,1 Milliarden Dollar zur Wiedergutmachung von Schäden an der Natur zahlen.

Nach den ersten Explosionen versuchten Boote der Küstenwache, die brennende Plattform zu löschen. Elf Menschen starben dabei.
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Viele Strände waren nach dem Unglück wochenlang nicht mehr nutzbar.
Bilder von in Ölschwaden getöteten Vögeln gingen im Sommer 2010 um die Welt.
Auch die Pflanzenwelt blieb vom Unglück nicht verschont.
Die amerikanische Regierung versuchte, das ausgelaufene Öl mit kontrollierten Verbrennungsaktionen aus dem Wasser rauszukriegen.
Dennoch blieben monatelang Ölflecken im Meer sichtbar.

Nach den ersten Explosionen versuchten Boote der Küstenwache, die brennende Plattform zu löschen. Elf Menschen starben dabei.

Keystone