Es ist unfair. Da schreibt Claudia Wisniewski ein 275-seitiges «Wörterbuch des Kostüms und der Mode». Und davon bekommt der Knopf kaum eine halbe Seite inklusive eines ebenso kleinen Fotos von sechs historischen Knöpfen. Daneben ist ein ganzseitiges Bild von einem «Schützen in Koller und Schlumperhose. Niederlande, 1607».

Wie viele Koller haben Sie zu Hause im Schrank? Zur Erklärung: Ein Koller ist wahlweise ein breiter Schulterkragen für Frauen, ein ärmelloses Oberteil für Männer oder ein loses, aufgenähtes Stoffteil. Und wie viele Knöpfe? Eben. Unfair.

Knöpfe werden «in der Regel kaum beachtet» und sind «chronisch unterschätzt», schreibt die Kommunikations- und Grafikdesignerin Stephanie Schneider. Sie hat dem Knopf Gerechtigkeit widerfahren lassen und über ihn ein Buch gestaltet, das sie als Diplomarbeit in Kommunikationsdesign mit Schwerpunkt Grafikdesign einreichte. Die Idee fand man beim Suhrkamp-Verlag so berückend, dass man sie bat, daraus ein Werk für den Insel-Verlag zu machen.

Jetzt liegt das liebevoll gestaltete «Knopfbuch» als Nummer 1447 der Insel-Bücherei vor. Verrückt, wie sehr sich Schneider für den Knopf begeistert. Aber sie hat natürlich recht, wenn sie ihn als unentbehrlich schildert, als selbstverständlich und als unscheinbar. Und wenn sie konstatiert, dass sein Fehlen «höchst peinliche Folgen» haben kann.

Aber Knöpfe sind eben auch unentbehrlich als Bestandteil der Mode – und so schreibt Schneider mit der Geschichte des Knopfes auch eine Geschichte der Kleidung: Aufwendig gestaltet in der Renaissance, prächtig in Edelstein im Barock, erstmals maschinell hergestellt in Zeiten der Industrialisierung, fantasievoll im Jugendstil, improvisiert in Kriegszeiten. Und mit überbordender Vielfalt in Form, Material und Farbe in der Gegenwart. Und das, obwohl das heute so selbstverständlich dazugehörende Knopfloch erst im Mittelalter entdeckt wurde.

Schon um 5000 v. Chr. nutzten die Mongolen Knöpfe, die sie mit Ösen aus Tiersehnen mit der Kleidung verbanden, ähnlich wie an den heute wieder modernen Dufflecoats. Ebenso die Römer, die zwar vor allem Nadeln und Spangen nutzten, um ihre Togen zu schliessen, aber ebenso Zierknöpfe aus Blei, Achat, Knochen oder Glas mit Schlingen und Ösen schlossen.

Reihenweise auf Männerbäuchen und Frauenrücken

Danach verschwand der Knopf aus Europa, kam erst Ende des 13. Jahrhunderts als modische Neuheit mit den Kreuzrittern wieder aus Asien zurück – gegen Ende des Mittelalters dann endlich auch mit frisch erfundenem Knopfloch. Die Erfindung ermöglichte erstmals eng anliegende Kleidung und liess die Knopfkunst sozusagen explodieren: Der Knopf wurde massenweise in Reih und Glied vernäht, nicht nur auf Uniformen oder Trachten.

Bei den Herren auf dem Bauch, bei den Damen auf dem Rücken, die Hilfe brauchten, um die Kleider zu schliessen. Damit sowohl die Herren selbst als auch die helfenden Zofen keine Probleme hatten, wurden Damenknöpfe auf der linken, Herrenknöpfe auf der rechten Seite angenäht – bis heute.

Der Knopf entwickelte sich zum Statussymbol aus kostbarsten Materialien. Dem Trend zur Masse konnten die einfachen Leute nicht folgen, solange die Knöpfe aus edlen Materialien wie Zinn, Eisen, Bronze oder sogar Gold, Edelsteinen, Elfenbein oder Schildpatt hergestellt wurden.

Im Kapitel über Materialien zeigt Stephanie Schneider Exemplare aus Perlmutt, Büffel- oder Hirschhorn, aus Knochen, Holz, Bambus oder Steinnuss, den Samen südamerikanischer Palmen. Unter «Exotische Materialien» versammelt sie Luxuriöses wie Rochenleder, Haifischzähne oder Kokosnussschalen und Extravagantes wie Schreibmaschinentasten oder Propellerholz. Oft aber machte nicht das Material den Wert aus, sondern etwa die Malerei auf dem Porzellan oder die aufwendige Feil-, Schleif-, Bohr-, Säge- und Drechselarbeit.
Adel wehrte sich gegen die

Massenproduktion

Die Nachfrage war gross, das Knopfhandwerk florierte, es entstanden Knopfzünfte und Knopfschmieden, in denen Knopflehrlinge und Knopfmeister arbeiteten. Die massenhafte Verwendung von Knöpfen trieb so absonderliche Blüten, bis manche Herrengewänder Hunderte Knöpfe zierten, Franz I. von Frankreich 13 600 goldene Knöpfe beim Hofjuwelier bestellte und sein Enkel Heinrich III. die Trauer über den Tod eines Günstlings mit 216 silbernen Knöpfen mit Totenkopfmotiv bekundet.

Mit der Zeit kamen günstigere Materialien auf, die auch den Untertanen das Knopftragen erlaubten. Eine Tatsache, die der Adel mit Verboten beantwortete, um dem «Knopfprunk» entgegenzuwirken. So durften in Nürnberg die Knöpfe auf den Ärmeln nur noch bis zum Ellenbogen reichen.

Erst mit der Erfindung der Kunststoffe wird der Knopf zur Massenware, der man immer weniger Beachtung schenkt. Die Geschichte der Knöpfe ist reich an Kuriosem, zeigt Beispiele von überbordendem Luxus und von Armut, wenn alte Stücke in Knopfschachteln aufbewahrt werden, um immer wieder verwendet zu werden. Aber bis heute hat wohl jeder Stücke im Kleiderschrank, die erst der richtige Knopf an der richtigen Stelle zum echten Hingucker macht.

Stephanie Schneider: «Das Knopfbuch», Suhrkamp, Insel, 2018, 134 S., Fr. 20.90.