Lettland
Vom Ballsaal auf den Fischmarkt – ein Kurztrip ins Riga der Kontraste

In einer Partynacht in einem der luxuriösesten Hotels der lettischen Hauptstadt gibt’s Champagner, Hummer und Nationalgefühle satt. Am Morgen danach holen einen mausarme Rentner in die Realität des Landes zurück. Ein Kurztrip ins Riga der Kontraste.

Maria Brehmer
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Das Schwarzhäupterhaus (r.) ist ein Hingucker.
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Disneyland nennen Einheimische die Innenstadt.
Riga

Das Schwarzhäupterhaus (r.) ist ein Hingucker.

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Es heisst, die Lettinnen seien die attraktivsten Frauen Europas. Kühl-distanziert auf den ersten, herzlich-warm auf den zweiten Blick. Natürlich schön. Das zu lesen, setzt unter Druck. Was kommt mit auf die Reise in die lettische Hauptstadt? Immerhin verspricht man mir in Riga eine rauschende Party in einem Luxushotel. Sich für das frivole Schwarze zu entscheiden, wird sich als gute Wahl herausstellen. Etwas weniger feine Schuhe, warme Kleidung und einen Regenschirm eingepackt zu haben, auch. In die 700 000-Einwohner-Stadt reisten bisher vor allem Kulturinteressierte – Riga war 2014 Kulturhauptstadt Europas.

Nun weckt die Stadt immer öfter das Interesse von Wochenendausflüglern. Obschon das Wetter im Nordosten Europas selten einladend ist (während meines Aufenthalts wehte ununterbrochen ein eisiger Wind), ziehen zahlreiche Cafés, traditionelle Restaurants mit deftiger Küche, Galerien und Läden für junge Designermode jährlich eine halbe Million Touristen nach Riga.

Jugendstil und Folklore-Trash

An diesem Wochenende hat das Grand Hotel Kempinski eingeladen. Die Luxushotel-Gruppe erhofft sich mit einem Haus in Riga, wohlhabende Touristen aus Russland und Mitteleuropa in die grösste der baltischen Städte zu locken. Mit einer pompösen Eröffnungsparty im Oktober vergangenen Jahres startete der Betrieb.

Die glamouröse Szenerie im Prunkbau aus dem 19. Jahrhundert erinnert an eine Zeit, als Riga einen der grössten und bedeutendsten Häfen Europas besass. Als die Stadt noch reich war. Und es fertigbrachte, um 1900 rund 800 Häuser im Jugendstil zu bauen.

Champagner satt an der Eröffnungsfeier des Grand Hotel Kempinski Riga.

Champagner satt an der Eröffnungsfeier des Grand Hotel Kempinski Riga.

Maria Brehmer
Das frivole Schwarze: eine gute Wahl.

Das frivole Schwarze: eine gute Wahl.

Maria Brehmer

Nachdem sich Lettland 1991 von der Sowjetunion löste, erlebte die Bevölkerung in den folgenden Jahren den grossen Aufschwung. Seit dem Jahr 2004 gehört das Land zur EU. Vor zehn Jahren, um das Jahr 2008, ist dann die Blase geplatzt. 200 000 Fachkräfte sind ins Ausland abgewandert, das Land steht heute vor der Insolvenz. Dass die Stadt nun auf der Welle des Osteuropa-Tourismus-Trends mitreiten kann, tut Riga gut. Doch nicht nur. Die allzu herausgeputzte Innenstadt nennen Einheimische zuweilen «Disneyland», und auch Folklore-Trash kratzt an der propagierten Authentizität.

Eine Strasse, die sich zu besuchen lohnt, ist die vorbildlich renovierte Alberta Iela. Dort reiht sich eine farbige, verschnörkelte und nie um eine nackte Steinfigur verlegene Häuserfassade an die andere.

Jugendstil in der Alberta Iela Dieses Gebäude, gebaut nach einem Entwurf vom Architekten Mikhael Eisenstein im Jahre 1905, zeigt eine groteske Kulissenlandschaft, verziert mit Fabelwesen, Dämonen, Masken und barbusigen Schönen. Auf der Kippe zum Schwülstig-Kitschigen ist dieses Viertel dennoch die 15 Minuten Fussmarsch von der Innenstadt aus wert.

Jugendstil in der Alberta Iela Dieses Gebäude, gebaut nach einem Entwurf vom Architekten Mikhael Eisenstein im Jahre 1905, zeigt eine groteske Kulissenlandschaft, verziert mit Fabelwesen, Dämonen, Masken und barbusigen Schönen. Auf der Kippe zum Schwülstig-Kitschigen ist dieses Viertel dennoch die 15 Minuten Fussmarsch von der Innenstadt aus wert.

Maria Brehmer

Gut zu wissen

- Anreise: AirBaltic fliegt zwölfmal wöchentlich von Zürich direkt nach Riga.

- Übernachtung: Grand Hotel Kempinski Riga, ab 300 Franken/Nacht.

www.kempinski.com/en/riga/grand-hotel-kempinski-riga

Das Angebot an günstigeren Varianten ist gross.

- Sehenswert: Rigaer Zentralmarkt, täglich geöffnet von 7 bis 18 Uhr (www.rct.lv/en/)

- Alberta Iela: etwa 15 Gehminuten von der historischen Altstadt entfernt.

- Beste Reisezeit: von Frühling bis Herbst.

Die Reise wurde vom Grand Hotel Kempinski unterstützt.

Im «Bauch von Riga»

Wer das Riga der Einheimischen sucht, muss auf den Rīgas Cent- rāltirgus, Rigas Zentralmarkt mit Ständen, so weit das Auge reicht: Die Markthallen, ehemalige Zeppelin-Hangars im Art-déco-Stil der 1920er-Jahre, werden als «Bauch von Riga» bezeichnet. Sie bieten den Besuchern einen spektakulären Anblick: Lebende Karpfen, Aale und Heringe winden sich in den Auslagen, Räuchermakrelen, Neunaugen und Fischrogen in grossen Eimern füllen die Luft mit einem wohl für manch verwöhnte Mitteleuropa-Nase stechenden Geruch. Vom Ballsaal auf den Fischmarkt ist kein Widerspruch, sondern das perfekte Kontrastprogramm für alle Riga-Reisenden. Die geballte Dosis Jugendstil.

Die grossen Hallen des Rigar Zentralmarktes – der Rīgas Centrāltirgus – befindet sich in ehemaligen Zeppelin-Hangars.
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Gebaut wurden diese in den 1920er-Jahren im Art déco-Stil. In den 1930er-Jahren war der Zentralmarkt von Riga einer der modernsten Europas.
Eine lettische Spezialität: geräucherte Fische aller Art.
Diesen Anblick sind wir in der Schweiz nicht gewohnt: Die Fische werden in den Auslagen oft noch lebendig präsentiert, ab und zu springen sie auch vor die Füsse der Besucher.
Wenn sich ein Fisch-Stand an den anderen reiht, ist das eine sensorische Herausforderung, vor allem für die Nase.
Getrocknete Heringe schauen zuweilen etwas gefürchig aus.
Lachs aus der Ostsee.
Auch sauer eingelegte Fische kommen in Lettland fast täglich auf den Tisch.
Fischeier aller Art werden auch aus Eimern verkauft.
Alles, was eingelegt werden kann, kommt besonders gut an.
Der Rigaer Zentralmarkt beschäftigt 253 Angestellte auf über 72'000 Quadratmeter Fläche.
Die Hallennutzung ist nach folgendem Schema verteilt: Gemüse, Milch, Fleisch, Fisch und Gastronomie.
Auch vor den Hallen werden Waren feilgeboten, etwa Kleidung wie Pelzmäntel ...
... oder Plastikblumen aller Art.
Werden Vitrinen gerade nicht für gekühlte Waren benötigt, stellt man darin selbst gemalte Bilder aus.
Schnäpse.
Unterwäsche und Orangen.

Die grossen Hallen des Rigar Zentralmarktes – der Rīgas Centrāltirgus – befindet sich in ehemaligen Zeppelin-Hangars.

Maria Brehmer

Zwischen Rinderhälften, gegorenen Milchprodukten, eingelegten Gurken und Bernsteinketten sitzen aber auch alte, gebrechliche Menschen auf klapprigen Hockern. Sie verkaufen einzelne Zweige einer Fichte oder selbstgepflückte Blumen. Ein paar Cents verlangen sie für ihre karge Auslage. Dass sie im hohen Alter noch Ware feilbieten, ist eine Auswirkung der Rezession: Renten existieren in Lettland so gut wie nicht.

Wer sich in der Nacht zuvor mit Champagner einen Rausch antrank, kann den Anblick kaum ertragen. Zurück in die sauber gekehrte Innenstadt sollte man dennoch nicht gleich flüchten.