Vom Aussterben bedroht
«Ouma Katrina» ist der letzte Mensch, der N|uu spricht – wie sie mit Schweizer Hilfe ihre Sprache retten will

Die Sprache in Südafrika mit den Klicklauten stirbt aus. Die Schweiz hilft bei der Aufzeichnung der uralten Wörter.

Markus Schönherr
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Als die Geschwister von Katrina Esau starben, beschloss die Frau, für ihre Sprache zu kämpfen.

Als die Geschwister von Katrina Esau starben, beschloss die Frau, für ihre Sprache zu kämpfen.

Bild: Puku Children's Literature Foundation

Wenige internationale Touristen verirren sich nach Upington, der Kleinstadt im ländlichen Norden Südafrikas. Für Sprachforscher hingegen ist der verschlafene Ort am Rand der Wüste Kalahari eine Schatztruhe. Hier lebt Katrina Esau.

Sie beherrscht als letzter Mensch die Sprache N|uu, eine der ältesten Sprachen der Welt. Der Strich symbolisiert einen von mehr als 40 verschiedenen Klicklauten. Esaus Zweitsprache ist Afrikaans. «Als Kind habe ich nur N|uu gesprochen und viele Leute gehört, die sich in der Sprache unterhielten», erinnert sich die 87-jährige «Ouma Katrina». Jedoch wurden sie immer weniger. Als vor kurzem auch noch ihre Geschwister starben, fasste Esau einen Entschluss. Sie will ihre Muttersprache retten – mit Hilfe aus der Schweiz.

«Mit ihren komplexen Auswirkungen auf Identität, Kommunikation, gesellschaftliche Integration, Bildung und Entwicklung sind Sprachen von strategischer Bedeutung», heisst es seitens der UNO. Die Organisation ist alarmiert: Zusehends seien Sprachen und Dialekte durch die Globalisierung bedroht.

«Alle zwei Wochen verschwindet eine Sprache und nimmt ein kulturelles und intellektuelles Erbe mit sich.»

Die UNO schätzt, dass mindestens 43 Prozent der 7000 gesprochenen Sprachen weltweit vom Aussterben bedroht sind. Bereits im Unterricht würden Muttersprachen verdrängt. So folge fast jeder zweite Schüler weltweit dem Unterricht in einer Sprache, die er weder vollständig spreche noch verstehe.

Dies weckt Erinnerungen an Südafrikas dunkle Tage. Das Apartheid-Regime hatte Afrikaans, die Sprache der frühen niederländischen Siedler, zur Landessprache erklärt. 1976 gingen im Township Soweto bei Johannesburg Tausende Schüler auf die Strasse, um gegen Afrikaans als Unterrichtssprache zu demonstrieren. Beim Protest starben mehr als 500 Menschen. Katrina Esau erinnerte sich im Interview mit der BBC:

«Man schlug uns, wenn wir uns in unserer Sprache unterhielten und dabei erwischt wurden.»

Sie wurde 1933 geboren. 15 Jahre danach kam die erzkonservative Nationale Partei an die Macht. «Wir gaben N|uu auf und lernten Afrikaans, obwohl wir keine Weissen waren – das hat unsere Identität geprägt», so Esau.

Soll man Sprachen überhaupt konservieren?

Müssen Sprachen in einer globalisierten Welt gerettet werden? An dieser Frage scheiden sich die Geister. Der Präsident der Südafrikanischen Sprachwissenschaftlichen Vereinigung, Mark des Vos, vergleicht den Sprachenreichtum mit biologischer Vielfalt: Nicht nur viele Tiere und Pflanzen seien ausgestorben, sondern ebenso viele Sprachen. «Aber das bedeutet nicht, dass wir nicht den Versuch starten sollten, die verbleibenden so gut wie möglich zu bewahren.»

Sprachforscherin Anne-Marie Beukes von der Universität Johannesburg sieht Sprache als «offenes Gebilde» – «alle lebenden Sprachen ändern sich oder entwickeln sich mit der Zeit weiter». Bestes Beispiel sei das moderne Englisch, das sich vom Englischen unterscheidet, in dem William Shakespeare vor 400 Jahren schrieb.

Nichtsdestotrotz müsse man anerkennen, dass vor allem Minderheitensprachen Gefahr laufen, von sogenannten Mörder-­Sprachen verdrängt zu werden. «Killer ­lan­guages» sind vorwiegend Kolonialsprachen wie Englisch. Auch indigene Sprachen bedrohen die Vielfalt mancher Regionen. Suaheli etwa wird von 150 Millionen Menschen in mindestens acht afrikanischen Staaten gesprochen, und die Sprachgemeinschaft wächst weiter.

Pretoria, im Wirtschaftszentrum Südafrikas: Obwohl man in der Hauptstadt eine Tagesreise von Upington und der letzten N|uu-Sprecherin entfernt ist, kämpft man auch hier für den Erhalt der Sprache. «Einerseits ist es wichtig, dass Sprachen, die unmittelbar davor stehen, auszusterben, aufgezeichnet werden und so, auch für die Forschung, erhalten bleiben», sagt der Schweizer Botschaftssekretär Manuel Irman. «Andererseits soll der kulturelle Teil der Sprache in eine zurzeit verbreitete Sprache übersetzt werden, damit die mit der Sprache N|uu verbundene Kultur für die Nachwelt erhalten bleibt.»

Die mehrsprachige Schweiz spendet 22000 Franken

Die Botschaft in Südafrika unterstützt «Ouma Katrinas» Kampf für den Erhalt ihrer Sprache seit 2016. Damals war die Puku Children’s Literature Foundation an die diplomatische Vertretung herangetreten. Die Organisation in Johannesburg produziert Kinderbücher in indigenen, nur noch selten gesprochenen Sprachen.

Die Idee: Mit vereinten Kräften sollte ein Buch entstehen, in dem Katrina Esau ihre Sprache an die jüngsten Südafrikaner weitergibt. Die Botschaft förderte das Projekt mit einem Kleinprojektkredit von 22 000Franken. Motivation war laut Irman unter anderem die eigene Mehrsprachigkeit der Schweiz. Das fertige Werk soll in diesem Frühling erscheinen.

Ab 2022 begeht die UNO das «Jahrzehnt indigener Sprachen». Damit will die Staatengemeinschaft das «Recht» von indigenen Völkern auf öffentlichen Dialog und eine Bildung in ihrer Muttersprache anerkennen. Aber gibt es Hoffnung für Sprachen, in denen nur noch wenige hundert Menschen kommunizieren? Sprachforscher De Vos von der Rhodes University ist pessimistisch:

«Ich fürchte, dass es zu spät ist, wenn sie einmal bedroht sind.»

Katrina Esau will davon nichts hören. Sie wurde mit ihrer Mission, ihre Muttersprache N|uu zu retten, zur gefeierten Kulturpionierin. So bescheiden ihr Häuschen in Upington ist, es verwandelt sich jeden Nachmittag in ein Klassenzimmer, wo «Ouma Katrina» Kindern und Jugendlichen N|uu beibringt. «Es war nicht leicht für mich», erzählte sie 2019 dem Staatsfernsehen SABC auf Afrikaans, «aber es scheint, dass sich die Dinge langsam bessern.» Als Erfolg verbucht sie, dass ihre Enkelin heute wieder die Sprache ihrer Vorfahren spricht.

Ein Alphabet musste extra geschaffen werden

Was Esaus Mission erschwerte, war die Tatsache, dass N|uu bis vor kurzem ausschliesslich mündlich überliefert wurde: Es existierte kein Alphabet für die vielen Klicklaute, geschweige denn ein Buch oder Unterrichtsmaterialien. Doch Wissenschafter der Uni Kapstadt beschlossen, Esau zu helfen. Dank einer neu aufgestellten Rechtschreibung und eines Alphabets konnten erstmals Spiele und einfache Lehrkarten auf N|uu entworfen werden.

Das kleine Einmaleins des N|uu:

ǃHonkia – Hallo

Gǀa kye ǃaba? – Wie geht’s?

Na ǃaba – Es geht mir gut

Ng kaǀî ke ng … - Mein Name ist …

Na kanǁaa … - Ich wohne in …

Ee - Ja

Nee - Nein

|xuru - Suppe

|e - Herz

ku !hoe – schwarz

‖´oe -  eins

g‖âi – Wolf

ǂxae - Junge

«Je gefährdeter eine Sprache und ein Erbe sind, desto eher hangen die Menschen ihnen an», heisst es von der Puku Children’s Literature Foundation. Die Initiatoren des Kinderbuch-Projekts sind überzeugt:

«Ouma Katrina ist die Expertin, was N|uu und die Kultur ihres Volkes angeht. Man sollte ihr den Titel einer Professorin verleihen.»

Bereits 2014 wurde Esau vom damaligen Präsidenten Jacob Zuma mit einem Orden geehrt. Abgesehen von Anerkennung erhält sie von offizieller Seite jedoch kaum Unterstützung für ihre linguistische Rettungsmission. Esau: «Ich hoffe, dass, wenn ich eines Tages sterbe, die Welt meine Sprache kennen wird.»