FFP2-Maske
Virusmutationen lösen neuen Streit um Masken aus – die Schweiz zögert

Mit dem ansteckenderen Virus sollte auch der Schutz der Masken steigen. Doch während Nachbarländer Stoffmasken verbieten, ist in der Schweiz nicht einmal der neu erarbeitete Schweizer Standard verpflichtend.

Sabine Kuster
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Die Maske sei zwar unangenehmer, aber man fühle sich sicherer. Das sagen jene, die eine FFP2-Maske über Mund und Nase tragen statt einer gewöhnlichen Hygienemaske – im öffentlichen Verkehr, in Büros, in Gondeln oder beim Einkaufen. Auch Politiker greifen darauf zurück:

Die sichereren FFP2-Masken werden immer öfter getragen: Magdalena Martullo-Blocher hat sie auf...
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... wie auch Bundesrat Alain Berset...
...oder die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel.
Die amerikanische Wirtschaftswissenschaftlerin Janet Yellen.
Bayerns Ministerpräsident Markus Söder.
Alt Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf.

Die sichereren FFP2-Masken werden immer öfter getragen: Magdalena Martullo-Blocher hat sie auf...

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Seit sich die ansteckenderen Virus-Mutationen in Europa verbreiten, sind diese Masken plötzlich im Fokus. Entwickelt wurden sie für Arbeiten mit schädlichem Russ, Staub, Viren oder Bakterien. Während Stoffmasken standardmässig nur 70 Prozent der ausgeatmeten Aerosole zurückhalten müssen, sind bei FFP2-Masken 94 Prozent erforderlich ­– und dies nicht nur für Partikel von einem Mikrometer Grösse, sondern sogar bei nur 0,6 Mikrometern.

In Österreich sind sie ab dem 25. Januar Pflicht ab 14 Jahren im öffentlichen Verkehr, an Haltestellen, beim Arzt, in der Kirche und beim Einkaufen sogar an Freiluftmärkten. Deutschland hat am Dienstag beschlossen, dass zumindest Masken aus Stoff verboten werden. Nur noch OP-Hygienemasken und FFP2-Masken sind dann im öffentlichen Verkehr und in Läden zugelassen. Frankreich lässt es bei der Empfehlung, auf Stoffmasken zu verzichten.

Nur Spitäler lehnen Stoffmasken ab

In der Schweiz gibt es noch keine neuen Maskenvorgaben, auch wenn der Kanton Aargau beispielsweise ein Stoffmaskenverbot gefordert hat. Der Bund rät lediglich von selbst genähten und unzertifizierten Masken ab. In verschiedenen Spitälern wird man aber mit Stoffmasken nicht eingelassen.

«Weg mit den selbst genähten Masken», sagt auch Aerosolexperte Michael Riediker. Denn:

Selbst bei vier Lagen des dicken Edelweissmuster-Stoffes kommt, wenn ich mit der Nebellanze draufhalte, auf der anderen Seite ein schöner Strahl raus.
Michael Riediker.

Michael Riediker.

zvg

Eine gut anliegende Hygienemaske hält sowohl beim Aus- wie beim Einatmen rund 75 Prozent der Aerosole zurück. Wenn also alle eine solche Maske tragen, reduziert sich die Virenbelastung durch Aerosole laut den Berechnungen von Riediker um den Faktor 10. Doch die Bandbreite der zurückgehaltenen Aerosole ist in der Realität riesig und liegt zwischen 90 und nur 20 Prozent, schätzt Ernest Weingartner, Partikel-Experte der Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW.

Beide Experten sind nicht a priori gegen Stoffmasken. Riediker findet: «Bevor man FFP2-Masken für alle einführt, sollte man für Stoffmasken die Schweizer Norm für Communitymasken vorschreiben, die am 29. Januar veröffentlicht wird. Noch besser wäre es, wenn diese auf der Aussenseite das SNR30000-Logo tragen, damit die Zertifizierung sofort ersichtlich ist.»

Zudem sitzen manche Stoffmasken besser am Gesicht als Hygienemasken.

Manche Masken passen nur an ein Klitschko-Kinn

Auch FFP2-Masken können schlecht sitzen. «Eigentlich gehört zu diesen Masken ein Fit-Test, bei dem geschaut wird, ob sie auch passt», sagt Riediker. Dabei wird der Person mit Maske eine Haube übergestülpt und darin ein Bitterstoff freigesetzt – die Maske taugt, wenn die Person den Stoff nicht schmecken kann. Riediker sagt:

In Spitälern müsste das gemacht werden – aber oft fehlt die Zeit.

Generell sitzen FFP2-Masken aber oft besser. Dies, weil sie mit den Bändern hinter dem Kopf straffer am Gesicht gehalten werden als die Hygienemasken mit ihren Ohrenbändeln.

Masken sollen genormt sein, gut anliegen – und als drittes fordert Riediker ein Ess- und Trinkverbot im öffentlichen Verkehr angesichts des ansteckenderen Virus. «Die Leute würden das verstehen, und die Mehrheit wäre happy», glaubt er. Man könne die Konsumation wie auch das Rauchen dafür auf Perrons und Haltestellen erlauben.

Per Smartphone zur perfekten Maske

Riediker plant, zusammen mit Ernest Weingartner die Maskenforschung voranzutreiben. Sie wollen mehrere Testköpfe entwickeln, die einen repräsentativen Querschnitt der Schweizer Kopfformen abbilden. Darauf könnten bessere Masken entwickelt werden und anschliessend mit einem Computermodell durchgetestet werden. Riediker scherzt:

Heute gibt es Masken, die passen nur, wenn man ein Kinn wie Boxer Vladimir Klitschko hat.

Das Ziel: Eine App auf dem Smartphone, mit der man sein Gesicht scannen kann und darauf die passendste Maske empfohlen bekommt.

Der Bund ist seinerseits daran, die Designs von Masken zu optimieren und die Lecks zu minimieren: Die Empa und der Partner Labor Spiez setzen dazu ein Innosuisse-Projekt des Bundes um mit 45 beteiligten Schweizer Firmen aus der Maschinen- und Textilbranche. Es dauert noch bis Ende Mai.