Proteste, Konzerte oder das Internet: «Vom Sog der Massen und der neuen Macht der Einzelnen»

Sie protestieren, sie strömen in Konzerte oder versammeln sich im Internet: Menschen sind Individualisten und Massenwesen zugleich. Doch wie geht das zusammen?

Rolf App
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Im deutschen Münster hat vor einigen Tagen ein Mann mehrere Schüler angesprochen. Die Eltern ahnten Schlimmes, und als der Ausländer es nicht schaffte, sich ihnen zu erklären, fotografierten sie ihn, stellten sein Bild ins Netz und warnten alle ihre Bekannten vor dem vermeintlichen «Kinderschänder». Die Polizei alarmierten sie nicht. Als die auf den Mann stiess und ihn befragte, stellte sich heraus: Der Asylbewerber hatte nur jemanden ­gesucht, der ein Foto von ihm machen sollte – und auch Erwachsene angesprochen. Im Netz nun fand sich sehr rasch eine grössere Menge, die sein Konterfei noch mit zusätzlichen Beschimpfungen versah. Und die Justiz überlegt sich nun, ob sie Anklage erheben soll – gegen die Eltern.

«Bis wir erreichen, was wir wollen»

Es sind eigenartige Massenphänomene, die das Internet hervorbringt und die Gunter Gebauer und Sven Rücker in ihrem neuen Buch «Vom Sog der Massen und der neuen Macht der Einzelnen» in den Zusammenhang politischer und gesellschaftlicher Veränderungen stellen. Denn was sich im Internet tut, das kann in politisch brisanten Fällen durchaus auf der Strasse seinen Widerhall finden. Frankreichs Gelbwesten organisieren sich übers Internet, die Proteste des Arabischen Frühlings hatten sich auf diesem Weg ausgebreitet. Und in Seoul gelang es 2016 Kritikern der autoritär regierenden Präsidentin Park Geun-hye, eine wachsende Zahl von Demonstranten gegen die Korruption der Regierungschefin zu mobilisieren. Bis ihre Zahl auf zwei Millionen angeschwollen und die Präsidentin die einsamste Frau Südkoreas war. «Ich sehe selbstbewusste, glückliche, ergriffene und viele sehr entschlossene Gesichter», berichtete der Schriftsteller David Wagner. «Gesichter, die sagen: Wir werden hier sitzen, bis wir erreichen, was wir wollen.»

Mit Roger Federer in der Umkleidekabine

Auch im Zeitalter des Individualismus hat der Sog der Massen nichts von seiner Anziehungskraft verloren. Im Gegenteil: Er breitet sich nun auch virtuell aus, sogar wenn’s ums Private geht: Denn im Netz bilden sich nicht nur viele verschiedene Öffentlichkeiten, der Einzelne kann auch mit seinen Anliegen eine Vielzahl von Menschen direkt erreichen. Er schafft sich ein Publikum für seine individuellen Aufführungen. Ist er prominent wie Roger Federer, dann kann dieses Publikum sehr grosse Ausmasse annehmen. Und dieses Publikum hat dann das Gefühl, direkt neben ihm zu sitzen, wenn er ein Selfie mit dem Siegerpokal aus der Umkleidekabine schickt.

So kehrt etwas seit langem Bekanntes mit verstärkter Kraft zurück. Der Schriftsteller Elias Canetti hat es 1960 in «Masse und Macht» analysiert, der Psychologe Gustave Le Bon schon 1895 in seiner «Psychologie der Massen», der Soziologe Gabriel Tarde 1901 in «Masse und Meinung» – und auch Sigmund Freud hat sich in «Massenpsychologie und Ich-Analyse» seine Gedanken über das Massenwesen Mensch gemacht. Sehr moderne Gedanken; Freud hat der Ansicht widersprochen, der Mensch verändere sich in der Masse. In seiner Theorie befreit sich etwas im Menschen selbst – die Libido, der Trieb zur Vereinigung.

Der Vorteil von Freuds Betrachtung sei «die Schärfung des analytischen Blicks für alle jene Massen, die von Begeisterung, Liebe und Zuneigung bewegt werden, die ihren Führern gelten und auf alle in der Situation anwesenden Einzelnen überfliessen», fassen Gebauer und Rücker zusammen. Auch Gewalt kann so einen lustvollen Charakter bekommen.

Vor allem aber: Freud erklärt, warum es neben den von Le Bon verachteten extremistischen Massen – die heute im Populismus wiederkehren – auch kon­struktive, ja liebende Massen gibt. Massen, die Musikern oder Sängerinnen zu Füssen liegen. Die sich aufgehoben fühlen in Bewunderung und vereint im selben Geschmack. «Emotionale Resonanz» lautet das Stichwort. «Jugendliche Fans in der Popkultur und Ultragruppen im Fussball ­haben eine grosse Bereitschaft, sich für die Beteiligung an spektakulären Aktionen zu öffnen.» Diese Aktionen wirken nach, werden zu prägenden Erlebnissen verklärt.

Canetti: Masse als «ein wildes Tier in uns»

Canetti hat sein Misstrauen aus der Erfahrung der Diktaturen des 20. Jahrhunderts genährt. In seinem Roman «Die Blendung» beschrieb Canetti die Masse als ein «ungeheures, wildes Tier in uns allen», Bildung sei ein «Festungsgürtel des Individuums gegen die Masse in ihm selbst». Für ihn war Masse noch ein – durch Bildung zu bekämpfendes – Unterschichtphänomen, was sie heute nicht mehr ist. Neue Massen rekrutieren sich aus der Mittelschicht.

Heute weiss man auch, dass Massen durchaus nicht immer einen Anführer brauchen. Frankreichs Gelbwesten zeigen das gut. Allerdings wird dort auch deutlich, dass die politische Masse davon lebt, dass sie ein Gegenüber hat, gegen das sie anrennen kann – den Präsidenten.

Monty Pythons Brian und seine «Jünger»

Trotz dieser altbekannten Frontstellung werden in den neuen Massen der gewandelten Gesellschaft stärker Einzelne sichtbar. «Aus dem Massengeschehen heraus artikulieren die Mitglieder ihr Bewusstsein ihrer Beteiligung», schreiben Gunter Gebauer und Sven Rücker. Sie feiern ihre Individualität und ihren Geschmack, auch im Kulturellen. Es ist, «als würde die Masse eine Lizenz für abweichendes Verhalten erteilen».

Das macht es dem Einzelnen leicht und schwer zugleich. Denn er muss sich entscheiden, welcher der vielen Massen er angehören will – was man auch karikieren kann: Im Film «Das Leben des Brian» der Monty Python appelliert Brian an seine «Jünger», die er wieder loswerden will: «Ihr seid doch alle Individuen!» Die antworten roboterhaft: «Wir sind alle Individuen.» Nur einer sagt: «Ich nicht» – und wird zum Schweigen gebracht.

Hinweis

Gunter Gebauer, Sven Rücker: Vom Sog der Massen und der neuen Macht der Einzelnen, DVA, 345 S., Fr. 36.–

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