Steingärten

«Versiegelung und Verarmung der Böden»: Warum Schottergärten so problematisch sind

Leben mit einer Schutthalde vor dem Haus? Für viele besser, als jäten zu müssen.

Leben mit einer Schutthalde vor dem Haus? Für viele besser, als jäten zu müssen.

Viele Hausbesitzer schütten graue Schottersteine auf ihr Areal, damit keine unerwünschten Pflanzen wachsen können. Gärten mutieren dadurch allerdings zu toten Zonen.

Rasenmähen, Laubrechen und Jäten sind nicht jedermanns Lieblingsbeschäftigungen. Manche Grundstückeigentümer setzen deshalb auf eine Gartengestaltung, die möglichst wenig Arbeit verspricht. In gewissen Einfamilienhausquartieren trifft man auf Umschwung, der gänzlich mit grauen Schottersteinen überdeckt ist. Dazwischen einige geometrisch zurechtgestutzte Koniferen, Deko-Objekte aus dem Gartenbaucenter oder grüne Flecken aus Kunstrasen.

Schottergärten gelten gemeinhin als pflegeleicht und ordentlich. Doch vom ökologischen Standpunkt aus seien sie äusserst problematisch, sagt Raimund Rodewald, Geschäftsleiter der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz. «Damit gehen Grünflächen im Siedlungsgebiet verloren und es kommt zu einer Versiegelung und Verarmung der Böden.»

Seine Organisation hat vor zwei Jahren eine Studie über das Thema publiziert. Schottergärten würden die Lebensräume für Pflanzen und Tiere reduzieren, sagt Rodewald, und im Sommer die Hitze speichern, während eine pflanzenreiche Umgebung eine kühlende Wirkung hätte. «Dies ist besonders mit der Klimaerwärmung zunehmend unerwünscht.»

Die öden Steinwüsten sieht man in privaten Einfamilienhausgärten, häufig aber auch auf Grundstücken von Mehrfamilienhäusern und Gewerbearealen, gelegentlich auch auf öffentlichem Grund. Während die grösseren Städte die Bevölkerung vermehrt sensibilisieren, seien Land- und Agglomerationsgemeinden meist noch kaum aktiv in dieser Sache, beobachtet Rodewald. «Vorschriften für die Gartengestaltung zu erlassen, ist sowieso schwierig», ist sich der Landschaftsschützer bewusst. Man könne höchstens eine Grünflächenziffer festschreiben. Ob Schottergärten aber zu den Grünflächen gezählt würden, sei Ermessenssache.

Nicht jeder Stein ist böse

Denn die verschiedenen Arten von Gärten können nicht trennscharf definiert werden. Unter einem Schottergarten versteht man gemeinhin eine Fläche, die mit möglichst billigen, häufig importierten Steinen zugeschüttet wird, um jegliches Pflanzenwachstum zu verhindern.

Meist wird die Humusschicht abgetragen, und unter die Schottersteine kommt ein Vlies, das Triebe am Aufspriessen hindern soll. Damit hält man gleichzeitig Bodenlebewesen von der Oberfläche zurück. Regenwürmer zum Beispiel – nützliche, bodenlockernde Tierchen – ertrinken bei Nässe.

Die Absicht dahinter ist eine diametral andere als etwa bei einem Steingarten oder einer Ruderalfläche: Dort geht es darum, nährstoffarme Flecken zu schaffen, um eine spezifische Vegetation zu fördern. Wenn sie fachgerecht angelegt sind, können zum Beispiel Trockenmauern bedrohten Pflanzen und Kleintieren wertvolle Lebensräume bieten. Die Ritzen zwischen den Steinen dienen als Nischen für Eidechsen, Ringelnattern und Wildbienen.

Es gibt aber durchaus Gemeinden, die um wertvollen ökologischen Grünraum bemüht sind. Münsingen zum Beispiel definiert im Richtplan Massnahmen zur Erhaltung und Aufwertung der Landschaft und Natur. Mit Beratungen, Auflagen im Bewilligungsverfahren und Vorbildfunktion will die Berner Gemeinde ökologische Werte in Gärten erhalten und erhöhen. Auch Baar strebt einen naturnahen, ökologisch vielfältigen Siedlungsraum an. In Olten hat das Parlament gerade erst im Januar eine Motion der Grünen überwiesen, mit der Schottergärten vermieden werden sollen.

Verbote in Deutschland

Vorreiterin ist die norddeutsche Stadt Xanten: Dort hat die Bauverwaltung Weisungen erlassen, die Schottergärten konsequent verbieten. Kürzlich schritt die Behörde bei einem Bauprojekt ein, bei dem die Versiegelung statt Begrünung des Vorgartens vorgesehen war.

In Deutschland ist das Thema bereits stärker im Fokus der Öffentlichkeit. Fotos von besonders missglückter Gartengestaltung publiziert zum Beispiel die Facebook-Seite namens Gärten des Grauens – flankiert von Kommentaren wie «herrlich florierende Tristesse» oder «Suizidalgärten».

Auch Rolf Struffenegger vom Unternehmerverband Jardin Suisse beobachtet den Trend kritisch. «Oft scheinen sich Nachbarn gegenseitig zu inspirieren», sagt der erfahrene Gartenbauer. «Wenn in einem neuen Quartier jemand beginnt, greift die Unsitte schnell um sich.» Jardin Suisse versucht seine Mitglieder mit Vorträgen und Fachartikeln für das Thema zu sensibilisieren.

Unkraut kommt trotzdem

«Es ist eine heikle Sache», ist sich Struffenegger bewusst. Trotz besseren Wissens würden immer wieder Firmen unter wirtschaftlichem Druck dem Kundenwunsch entsprechen. Dass man Steinwüsten gar nie jäten müsse, sei aber ein Mythos, stellt der Fachmann klar. «Nach einiger Zeit spriessen meist trotzdem unerwünschte Pflänzchen.» Obwohl dies eigentlich verboten sei, würden wohl viele mit Herbiziden bekämpfen.

Es gelte, die Kunden gut aufzuklären und Alternativen aufzuzeigen, betont Rolf Struffenegger. Kunden, die etwas Pflegeleichtes wünschen, empfiehlt er zum Beispiel Staudenmischungen oder Bodendeckerpflanzen.

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