Im Frühling 1982 entschied sich Claude Ochsenbein, Schweizer Botschafter in Sri Lanka, auf diplomatische Ausdrücke zu verzichten. In einem Schreiben nach Bern berichtete er dem Bundesamt für Ausländerfragen von «luschen Schleppern» und «Haien im Milieu». Auf diese war er bei seinen Nachforschungen gestossen.

Er sammelte Informationen über jene sri-lankischen Babys, die zu Tausenden von Paaren im Westen adoptiert wurden. Das zeigt ein bislang unveröffentlichter Bericht des Kantons St. Gallen.

Der Diplomat berichtete dabei von ledigen Schwangeren, die ihr Umfeld verlassen mussten. Die Frauen zögen vorübergehend in die Hauptstadt Colombo, um ihre Kinder zur Welt zu bringen – und wegzugeben. Geregelt ging es dabei nicht zu, hielt Ochsenbein fest. Die Notlage der Frauen würden korrupte Anwerber ausnutzen, die den Müttern nach der Geburt ihre Kinder abnähmen.

Im Jahr 2018 erhalten die Informationen von Ochsenbein eine neue Brisanz. Denn der Bund muss die Schweizer Adoptionspraxis der 70er- bis 90er-Jahre aufarbeiten. Das Parlament will von ihm wissen: Kamen illegal adoptierte Kinder aus Sri Lanka auch hierher?

Der Bund ist allerdings erst seit 2003 für die internationalen Adoptionen verantwortlich. Vorher waren die Kantone für die Aufsicht über die Vermittlungsstellen zuständig. Ende Juli sagte Joëlle Schickel-Küng vom Bundesamt für Justiz gegenüber der «Schweiz am Wochenende»: «Wie die Adoptionsverfahren damals von welchen Behörden genau abgewickelt worden waren, wissen wir noch nicht.»

Erstmals hatte Botschafter Ochsenbein Ende 1981 die Schweizer Behörden gewarnt. Er schickte verschiedene Zeitungsartikel nach Bern. Darin berichtete die sri-lankische Presse von einem «Ausverkauf von Babys» und «Big business»: Weniger als zehn Prozent der rund 800 Adoptionen im Jahr 1981 hätten auf regulärem Weg stattgefunden. Unter den involvierten Staaten fand sich auch die Schweiz. Und: Der damals in Sri Lanka zuständige Sozialminister gab in einem Interview zu: «I’m help- less» – hilflos, den Kinderhandel in seinem Land zu unterbinden.

Gleichzeitig machte Diplomat Ochsenbein auf einen sri-lankischen Clan aufmerksam. Dieser fordere von Adoptiveltern 3000 Dollar pro Kind – plus Gebühren und Luxusgüter wie eine Flasche Cognac oder eine Fotokamera. Der Clan habe auch ein Standbein in der Schweiz, hielt Ochsenbein fest. Es dürfte daher mehr als eine Ahnung gewesen sein, als er schrieb: «Eines Tages wird sich diese Sache verschlimmern, und wir könnten in so etwas wie einen Skandal verwickelt werden.»

Widersprüchliche Dokumente

Ochsenbein sollte recht behalten. Rund 35 Jahren später sind die damals adoptierten Kinder erwachsen. Und stellen Fragen, auf die sie während ihrer Herkunftssuche stossen. Weshalb finden sich in ihren Dokumenten widersprüchliche Angaben zu ihren Geburtsorten? Und wieso ist ihre Geburt im angegebenen Spital nicht registriert? Die Mutter nicht im Verzeichnis des Einwohneramtes?

Im vergangenen Jahr hatte ein holländisches Fernsehteam die Dimension des Adoptionsbetrugs zwischen Sri Lanka und europäischen Staaten aufgedeckt. Bis zu 11 000 Kindern sollen in den 80er-Jahren von ausländischen Eltern adoptiert worden sein. Teilweise mit gefälschten Identitäten. Diese Babys wurden mitunter aus Heimen und Spitälern gestohlen.

Oder Frauen wurden angeheuert, gegen Entgelt ein Kind auf die Welt zu bringen. Nicht selten kamen die Kinder auf sogenannte «Baby-Farmen», wo Agenten sie Adoptiveltern anboten. Der mafiöse Kinderhandel wurde mithilfe von «acting mums» abgewickelt. Diese Frauen gaben vor, die leiblichen Mütter zu sein – und unterschrieben die Adoptionsurkunde. Im Mai bestätigte in der SRF-Rundschau eine erwachsene Adoptierte, dass sie über eine solche «Baby-Farm» zur Adoption freigegeben worden sei.

Laissez-faire-Haltung

Als wichtigste Akteurin und Schlüsselfigur bei den Sri-Lanka-Adoptionen in die Schweiz gilt Alice Honegger. Da sie vom Kanton St. Gallen aus agierte, hatte dieser die Aufsicht über ihre Vermittlungsdienste. Anfang dieses Jahres gab der Kanton eine Aufarbeitung der Akten im Staatsarchiv in Auftrag.

Über welche Informationen verfügten die Behörden damals? Was geschah, um Unregelmässigkeiten aufzuklären? Gibt es Hinweise, dass die Verfahren nicht korrekt durchgeführt wurden? Diese Fragen sollte die Historikerin Sabine Bitter klären, die schon zu Verdingkinder geforscht hatte.

Ihr Bericht zeigt: Die umstrittenen Adoptionen wurden in den 80er-Jahren trotz den vorhandenen Informationen nicht dauerhaft gestoppt. Vielmehr schoben sich die Ämter die Verantwortung gegenseitig zu. Der Kanton verwies auf das Bundesamt für Ausländerfragen – dieses würde «bei schweren Bedenken» den Kindern die Einreise untersagen.

Das Bundesamt seinerseits versuchte, sich bei der Schweizer Botschaft in Colombo abzusichern. Aus Bern erreichte Ochsenbein der Vorschlag, eine Art Gütesiegel einzuführen: Eine Bestätigung, «dass kein Kinderhandel vorliegt». Der Botschafter spielte den Ball an den Bund zurück – und bat um genauere Anweisungen.

Bezüglich der umstrittenen Vermittlerin Alice Honegger zeigt der Bericht: Die Aufsichtsbehörde, also der Kanton St. Gallen, hat die Aufsicht über Vermittlerin Alice Honegger «ungenügend wahrgenommen». «Man drückte öfter ein Auge zu und sah nicht genau hin», hält Historikerin Bitter fest. Und dies von Anfang an; ab Honeggers erstem Antrag für Auslandadoptionen 1973.

Obwohl sie damals nicht alle gesetzlich vorgeschriebene Dokumente eingereicht hatte, erteilte ihr der Regierungsrat eine Sonderbewilligung für die Vermittlung von ausländischen Kindern. Diese erneuerte er in regelmässigen Abständen bis weit in die 90er-Jahre.

Dabei wies Honegger nicht einmal die Zahlen der Vermittlungen genau aus. Vieles sei zudem durch «rechnerische Tricks und sprachliche Verschleierungen in der Schwebe» geblieben, hält Bitter fest. Doch auch bei konkreten Zahlen verpassten die Behörden die Nachfrage. Etwa als Honegger 1981 einen Gewinn von 97 000 Franken auswies. Gesetzlich wäre nur eine «mässige Vergütung» zulässig gewesen.

Das Verhalten der Behörden erstaunt umso mehr, da von Beginn an ein Unbehagen gegenüber Honegger bestand. Bereits Anfang der 80er-Jahre wandte sich das Bundesamt für Ausländerfragen an die Schweizer Botschaft in Sri Lanka: «Sollten Sie (…) den Eindruck gewinnen, es handle sich um einen lukrativen Kinderhandel, sind wir Ihnen für einen entsprechenden Hinweis dankbar», hiess es in einem Schreiben.

Interpol untersucht

Kurz darauf ging die erste Beschwerde gegen Honegger ein. Obwohl weitere folgte und sie in der Presse öffentlich angegriffen wurde, durfte sie weiter Kinder vermitteln. Mit einer Ausnahme: Als Botschafter Ochsenbein 1982 darauf hinwies, dass die «Vertrauensanwältin» von Alice Honegger zu einem korrupten und undurchsichtigen Netzwerk gehöre, entzog der Kanton Honegger umgehend die Bewilligung. Zudem schaltete er Interpol ein. Gleichzeitig betonte er aber, dass nicht davon auszugehen sei, dass die Schweizer Vermittlerin in einen Baby-Schmuggel involviert sei.

Honegger selber versicherte stets ihre Unschuld und stellte sich als Opfer eines Rufmords dar. Unterstützung erhielt sie von Adoptiveltern, die sich «durchweg positiv» über sie äusserten. Auch der Interpol-Bericht – verfasst von der sri-lankischen Polizei – entlastete sie. Nach einem knapp halbjährlichen Stopp, durfte Honegger wieder Kinder vermitteln.

Der Kanton St. Gallen hat den Bericht nun für weitere Untersuchungen an den Bund übermittelt. Elisabeth Frölich vom St. Galler Amt für Soziales sagt zu den Vorgängen im Kanton: «Es macht betroffen, dass die Aufsicht so hilflos war. Auch, dass bereits 1982 so viel darüber bekannt war, was in Sri Lanka passierte.» Wie viele Kinder tatsächlich mit einer falschen Identität oder durch eine missbräuchliche Adoption in die Schweiz kamen, muss nun der Bund aufarbeiten.