Wie eine von der Expedition zurückgelassene Frau vor 100 Jahren alleine im Eis überlebte

Vergessene Heldin
Wie eine von der Expedition zurückgelassene Frau vor 100 Jahren alleine im Eis überlebte

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Im Jahr 1921 sollte eine Arktis-Insel besiedelt werden. Vom Expeditionsteam überlebte die Inuit-Frau Ada Blackjack als Einzige.

Christian Hug
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«Help wanted» heisst es schlicht in der Anzeige in einer Zeitung in Nome, Alaska – wobei mit «Help» eine Haushaltshilfe gemeint ist. Gesucht ist eine Inu­piat-Frau, die Englisch spricht, nähen und putzen kann und weiss, wie man nach Art der Weissen kocht. Die Haushaltshilfe soll eine Gruppe von weissen Männern unterstützen, die ein Jahr lang die Wrangel-Insel besiedeln wird. Salär: 50 Dollar im Monat. Wir schreiben das Jahr 1921, es ist Sommer.

Die im Inserat geforderten Fähigkeiten beherrscht Ada. Sie wurde 1898 als Ada Delutuk in eine arme Inupiat-Familie in Spruce Creek geboren, im selben Jahr, als in Alaska der grosse Goldrausch ausbrach. Als Ada acht Jahre alt war, starb ihr Vater an einer Lebensmittelvergiftung. Die Mutter und ihre Töchter standen ohne Versorger da, weshalb Ada in die 50 Kilometer entfernte Küstenstadt Nome in eine Methodisten-Missionarsschule kam – wo sie neben Englisch lesen und schreiben auch nähen und kochen lernte.

Aber das Schicksal meinte es nicht gut mit Ada, die als scheu und misstrauisch, klein und zierlich beschrieben wird: Mit 16 heiratete sie den Jäger und Hundeschlittenführer Jack Blackjack, zog mit ihm ins Hinterland, gebar drei Kinder, von denen zwei früh starben und das überlebende an Tuberkulose litt. Sie wurde von ihrem Mann geschlagen und erniedrigt.

Mit 22 war sie bereits geschieden, bitterarm und lebte wieder in Nome. Dort gab sie ihren Sohn Bennett in ein Waisenhaus, weil das wenige Geld, das sie mit Gelegenheitsjobs als Näherin verdiente, nicht für zwei reichte.

Ada Blackjack verbrachte ihre Kindheit in grosser Armut.

Ada Blackjack verbrachte ihre Kindheit in grosser Armut.

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Der Proviant reichte nur für ein halbes Jahr

Ada hat zwar keinerlei Erfahrung, wie man in der Wildnis überlebt. Aber das interessiert Vilhjálmur Stefánsson, den Auftraggeber des Inserats, nicht die Bohne. Er will der Welt beweisen, dass man die unwirtliche Wrangel-Insel dauerhaft besiedeln kann. Für sein Vorhaben hat er ein Team von vier jungen weissen Männern beisammen – und stellt nun ein zweites Team von Inu­piat zusammen, das den vier Männern beim Überleben helfen soll.

Sein Plan: Die vier Männer und das Inupiat-Team werden auf der Wrangel-Insel abgesetzt mit Proviant für ein halbes Jahr. Für ein weiteres halbes Jahr sollten sie selber jagen, und nach zwölf Monaten wird die Crew durch eine neue Mannschaft ersetzt.

Ada Blackjack kriegt den Job und mit ihr weitere Inupiat-Männer und -Frauen. Doch kurz vor der Abreise springt die Inupiat-Crew ab. Zu gefährlich. Ausser Ada. Sie geht mit. So sticht am 9. September 1921 der Schoner «Silver Wave» in Nome in See Richtung Wrangel-Insel. An Bord Fred Maurer, Lorne Knight und Milton Galle, allesamt Amerikaner, sowie der Kanadier Allan Crawford als Expeditionsleiter. Plus Ada Blackjack und die Katze Victoria.

Sechs Tage später werden die vier Männer, die Frau und die Katze auf der Insel abgesetzt. Das Abenteuer beginnt. Und Ada schiebt erst mal totale Panik.

In ihren Tagebüchern halten die Männer fest, dass Ada viel weint und unfähig ist zu arbeiten, dass sie aus dem Camp flüchtet und von den Männern zurückgeholt werden muss. Und dass sie sich tierisch vor Eisbären fürchtet.

Vier Männer, eine Frau und rechts unten eine Katze: Das ist das Expeditionsteam von der Wrangel-Insel.

Vier Männer, eine Frau und rechts unten eine Katze: Das ist das Expeditionsteam von der Wrangel-Insel.

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Aber Ada fasst sich wieder – und erweist sich als fleissige Haushälterin. Sie näht Kleidung aus den Fellen der Tiere, welche die Männer erlegen. Sie hält das Camp und die Zelte in Schuss und sammelt Treibholz fürs Feuer. Derweil bauen die Männer ein grosses Schneehaus, jagen und unternehmen wissenschaftliche Beobachtungen.

Zuerst Skorbut, dann Schneestürme

Ada notiert in ihrem Tagebuch, dass sie sehr geringschätzig behandelt wird. Selbst in dieser aussergewöhnlichen Situation, wo Teamarbeit überlebenswichtig wäre, kriegen die Männer ihre Verachtung der Inuit nicht aus ihren Köpfen. Der grosse, klobige Lorne Knight nennt sie bloss «die Frau». Trotz der fehlenden Erfahrung mit arktischer Wildnis kommt die Crew mit den gejagten Tieren und den mitgebrachten Vorräten über die Runden. Doch das Schiff, das sie nach einem Jahr abholen kommen sollte, taucht nicht auf.

Die Amerikaner jagen Tiere, Ada Blackjack näht aus den Fellen Kleidung.

Die Amerikaner jagen Tiere, Ada Blackjack näht aus den Fellen Kleidung.

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Der Grund: In Nome ist Stefánsson das Geld ausgegangen, er musste bei der kanadischen Regierung um humanitäre Hilfe betteln. Bis die «Teddy Bear» endlich ablegte, war der August schon fast vorbei: Das Schiff kommt nun nicht mehr durch den dichten Eisgürtel, der sich um die Insel gebildet hat, und kehrt unverrichteter Dinge zurück. Den Siedlern steht ein zweiter Winter bevor. Bald gehen auf der Insel die Vorräte zur Neige.

Anfang Januar 1923 zeigt Lorne Knight erste Symptome von Skorbut. Draussen sinkt das Barometer auf minus 60 Grad. Stürme toben. Die Situation wird kritisch. Allan Crawford, Fred Maurer und Milton Galle beschliessen deshalb, den gefährlichen Weg über das Packeis bis nach Russland zu wagen, um Hilfe zu holen. Am 28. Januar ziehen sie mit ihren Hunden und Schlitten los – und sind seither verschollen.

Zurück bleiben die Katze, Ada und Knight, dessen Zustand sich zusehends verschlechtert. Er wird bettlägerig und lässt seinen Frust an Ada aus. Ada erträgt die Demütigungen stoisch, pflegt Knight und kocht für ihn.

Notgedrungen bringt Ada sich selber das Schiessen und Jagen bei. Sie errichtet eine Aussichtsplattform zur Beobachtung der Gegend. Und obwohl sie sich immer noch vor Eisbären fürchtet, folgt sie deren Spuren. Und im Zelt wird sie von Knight beschimpft. Wäre die Katze Victoria nicht gewesen, notiert sie in ihr Tagebuch, wäre sie durchgedreht.

Am 23. Juni 1923 stirbt Lorne Knight. Weil er für die entkräftete Pflegerin zu schwer ist, um ihn zu beerdigen, stapelt Ada Kisten um Knights Leichnam, damit er nicht von Tieren angefressen wird. Sie zieht ins Lagerzelt um.

Ada ist ganz auf sich allein gestellt. Sie geht zur Jagd. Sie lernt, die Fotokamera zu bedienen, und macht Fotos vom Camp und von sich selber. Immer öfter leidet sie an Kopf- und Bauchweh, ihre Augen sind geschwollen. Sie weiss: So beginnt Skorbut.

Endlich kommt ein Schiff, und Ada weint und lacht gleichzeitig

Am 20. August 1923, zwei Monate nach Knights Tod, durchbricht das einmastige Fischerschiff Donaldson den Eisgürtel um die Wrangel-Insel und geht beim Camp vor Anker. An Land werden die Seeleute von Ada begrüsst. Die Inuit-Frau sei in selbst gemachter Jägerkleidung gekleidet und ziemlich abgemagert gewesen.

Sie habe gleichzeitig gelacht und geweint, notiert Schiffskapitän Harold Noice in sein Logbuch. Aber dieses triumphierende Lächeln ... So ein Lächeln bringe nur jemand zu Stande, der viele Monate in der Wildnis überlebt habe.

Ada Blackjack, so wie sie die Rettungscrew nach fast 2 Jahren in der Wildnis fand.

Ada Blackjack, so wie sie die Rettungscrew nach fast 2 Jahren in der Wildnis fand.

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Nach 703 Tagen auf der Insel, davon 57 Tage vollkommen auf sich allein gestellt, fährt Ada Blackjack endlich nach Hause – die Katze ebenfalls.

Zurück in Nome, bricht ein gigantischer Medienrummel über Ada Blackjack herein. Sie wird begeistert als weiblicher Robinson Crusoe gefeiert. Ada selber ist der Rummel um ihre Person höchst zuwider. Zu allem Überdruss erhebt auch noch ein Matrose von der Besatzung des Rettungsschiffs schwere Vorwürfe gegen Ada: Lorne Knight habe nur deshalb sterben müssen, weil Ada Blackjack ihn zu wenig aufopfernd gepflegt habe. Eine Prüfung von Adas Tagebüchern entkräftet die Vorwürfe, der Ankläger entschuldigt sich.

Basierend auf ebendiesen Tagebüchern schreibt Stefánsson derweil sogar ein Buch über Adas Geschichte: «The Adventure Of Wrangel Island» erscheint 1925 und wird zum Bestseller. Von den Einnahmen erhält Ada allerdings keinen Cent. Auch der Lohn für den Dienst auf der Insel ist beträchtlich weniger als versprochen.

Der Armut entkommt Ada nicht – auch nach erneuter Heirat

Immerhin reicht das Geld, um ihren Sohn Bennett aus dem Waisenhaus zu holen. So, wie sie es ihm versprochen hat.

Ada Blackjack nach ihrer Rückkehr mit ihrem Sohn, den sie Jahre zuvor zur Adoption freigeben musste.

Ada Blackjack nach ihrer Rückkehr mit ihrem Sohn, den sie Jahre zuvor zur Adoption freigeben musste.

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Ada zieht mit Bennett nach Seattle, später geht sie zurück nach Alaska und lässt sich in der Nähe von Nome nieder, wo ihre Berühmtheit langsam verklingt. Sie schlägt sich wie schon vor dem Abenteuer wieder als Näherin durchs Leben. Sie heiratet erneut und gebärt einen weiteren Sohn, Billy.

Doch die Familie ist so arm, dass Ada beide Kinder vorübergehend erneut in ein Waisenhaus geben muss – ganze neun Jahre lang. Am Ende geht auch die zweite Ehe in die Brüche.

1973 gibt Ada der Zeitung «Boston Globe» ihr erstes und einziges Interview. Angesprochen auf ihre Tapferkeit auf der Insel, sagt sie:

«Mutig? Davon weiss ich nichts. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, solange ich lebe.»

Am 29. Mai 1983 stirbt Ada Delutuk Blackjack Johnson mit 85 Jahren in einem Pflegeheim in Palmer, Alaska. Niemand im Heim wusste, dass die Verstorbene einst die berühmteste Polar-Pionierin der Welt war. Die Wrangel-Insel gehört heute zu Russland und wurde nie dauerhaft besiedelt.

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