Gesundheit
Unzufriedenheit und Stress sind keine Krankmacher

Kranke Menschen werden unzufrieden. Doch Unzufriedenheit und Stress machen nicht krank. Das jedenfalls behauptet eine kürzlich veröffentlichte Studie.

Lorenzo Berardelli
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Stress und Unzufriedenheit machen nicht krank. (Archiv)

Stress und Unzufriedenheit machen nicht krank. (Archiv)

Keystone

Ein glückliches und stressfreies Leben fördere die Gesundheit, denken die meisten. Stimmt nicht, zeigt eine am Mittwoch in der britischen Fachzeitschrift «The Lancet» veröffentlichte Studie, obwohl andere bisher stets das Gegenteil verkündeten. Warum dieser Wandel?

«Viele glauben immer noch, dass Stress oder Unzufriedenheit direkt Krankheiten verursachen können, doch verwechseln sie einfach Ursache und Wirkung», lässt sich Koautor Richard Peto von der Universität Oxford in der offiziellen Medienmitteilung zitieren. Bekannt sei: Kranke sind tendenziell unzufriedener als Gesunde. Doch könne man daraus nicht den Umkehrschluss ableiten: Wer unzufrieden ist, erkrankt wahrscheinlicher und stirbt früher. Dasselbe gelte auch für Stress, erklärt die Hauptautorin Bette Lui: «Wir fanden durch Unzufriedenheit oder Stress keinen direkten Einfluss auf die Sterberate – und dies mit einer Studie, die eine Million Frauen umfasst.»

Unzufriedenheit oder Rauchen?

1996 bis 2001 nahmen 1,3 Millionen Frauen an der «Million Woman Study» teil, die für das nationale BrustkrebsUntersuchungsprogramm aufgeboten wurden. Drei Jahre nach dem Aufgebot schätzten sich die Frauen mittels Fragebogen selber ein. Gesundheit, Zufriedenheit, Stress, Gefühlskontrolle und Entspannung – anhand dieser Befindlichkeits-
Kriterien mussten sie auf einer Ordinalskala notieren. Die Hauptuntersuchung umfasste an die 720 000 Frauen zwischen 55 und 63 Jahren, die zu Beginn der Studie nicht an Krebs, Herzkrankheiten, obstruktive Lungenwegerkrankungen oder Schlaganfall litten. Während der folgenden zehn Jahre starben davon 31 531.

Zuerst erkannte man tatsächlich einen signifikanten Zusammenhang zwischen jenen Frauen, die sich als unglücklich bezeichneten, und jenen, die gestorben sind. Als man dann aber andere Gesundheitsrisiken mit einbezog, wie Rauchen oder Unsportlichkeit, kamen die Forscher zu ihrem überraschenden neuen Ergebnis: Die totale Sterberate ist bei unglücklichen und glücklichen Frauen gleich hoch, ebenso jene bei Gestressten und Nicht-Gestressten. Doch wie überzeugend sind diese Resultate?

Stress ist schlecht. Wirklich?

Obwohl die Befragung eine beachtliche Teilnehmeranzahl vorweisen kann, gibt es viele kritische Stimmen. «Diese Forschungsarbeit untersucht nur eine äusserst spezifische Gruppe», bemerkt die Epidemiologin Lydia Pool von der Universität London gegenüber «Daily Mail»: Es wurden nur Frauen mittleren Alters befragt. Unklar bleibt, wie es sich bei Männern oder anderen Altersklassen verhält. Pool fügt hinzu: «Zudem wurden weder Stresshormone noch andere biologischen Faktoren gemessen.»

Auch Kardiologen glauben der Studie nicht. Denn sie wissen, dass Stress ernsthafte körperliche Schäden verursachen kann. «Stress ist zweifellos schlecht für uns, er steht in Verbindung zu Herzkrankheiten, zu einigen Krebsarten und anderen chronischen Krankheiten», erklärt der Kardiologe Gavin Sandercock von der Universität Essex in «Daily Mail».

Eine einzige Studie, die widerlegen will, was Dutzende Untersuchungen zuvor gezeigt haben. Da braucht es für Sandercock mehr Beweise: «Glücklichsein ist kein Wundermittel gegen Herzkrankheiten und Krebs. Aber wer glücklich ist, ist immer noch weniger krankheitsanfällig. Man lebt nicht unbedingt länger, aber fröhlicher.»