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«Unterwegs im CH-Media-Land»: Wieso unser Luzerner Autor bei schlechtem Wetter gern in den Aargau fährt

Dank angenehmen Wassertemperaturen kann man im Thermalbad Bad Zurzach auch im Herbst draussen schwimmen.

Dank angenehmen Wassertemperaturen kann man im Thermalbad Bad Zurzach auch im Herbst draussen schwimmen.

Unser Autor buchte Ferien im Aargau, der mehr ist als ein Durchgangskanton. Neben vielen alten Schlössern lohnt sich der Besuch eines Thermalbades.

Ach Aargau. Du bist mir nah und fern zugleich. Geboren einst im Kantonsspital Aarau und mittlerweile beruflich in derselben Stadt tätig. Meine Eltern stammen beide aus Zofingen. Aber sie bezeichnen sich nicht als Aargauer, sondern wenn schon als Zofinger. Auch die Badener, die ich kenne, sagen, sie seien Badener. Den Wettingerinnen dürfte es wohl nicht anders ergehen und den Bruggern und Lenzburgerinnen ebenfalls. Der Aargau scheint ein Konglomerat zu sein aus Ortschaften und Regionen, die zufällig zu einem Kanton zusammengefasst wurden.

Ich dagegen bin Luzerner. Und ich meine damit nicht unbedingt die Stadt, die zwar lange mein Lebensmittelpunkt war, sondern tatsächlich den Kanton. Das klingt jetzt lokalpatriotischer, als es gemeint ist. Vielleicht hat es der Kanton auch einfacher, dass er mit der Stadt Luzern ein klares Zentrum hat. Ganz im Gegensatz zum Aargau, der viele kleine «Zentrümchen» hat, durchschlängelt von der A1. Ein Durchgangskanton.

Es ist auch bezeichnend, dass ausserhalb des Aargaus kaum jemand mehr als drei Städtchen aus dem Kanton aufzählen kann. Und in schöner Regelmässigkeit rutscht in der verzweifelten Grübelei noch Olten raus. Das ist liegt aber im Kanton Solothurn. Immerhin da sind sich Zofinger, Badener und Wettinger einig: Solothurn ist dann schon etwas komplett anderes.

Trotzdem: Der Aargau ist neben Zürich – wobei damit eigentlich immer nur die Stadt gemeint ist – wohl der einzige Kanton, zu welchem jeder Schweizer und jede Schweizerin eine Meinung hat. Und die Klischees sind eher böse. Während man über die Langsamkeit der Berner liebevoll spöttelt, wird es deutlich giftiger, wenn über autotunende Jugendliche in weissen Socken in Einfamilienhausquartieren nahe von Atomkraftwerken gelästert wird.

Mehr als nur der «Atomkanton»: Dank zahlreichen Freizeitangeboten ist der Aargau besonders für Kurzferien mit der Familie attraktiv.

Mehr als nur der «Atomkanton»: Dank zahlreichen Freizeitangeboten ist der Aargau besonders für Kurzferien mit der Familie attraktiv.

Der Turm als ungeliebtes Wahrzeichen

Und dorthin in die Ferien? Aber gerne doch. Nur wohin? Die Frau von Aargau Tourismus am Telefon seufzt. Es sei eben so: Die Schlösser schliessen Ende Oktober. Es klingt ein bisschen so, als wäre das der freiwillige touristische Lockdown der Region. Schlösser zu, Kantonsgrenzen dicht, #stayathome. Am Schluss schmeckt Bad Zurzach am schmackhaftesten.

Nicht primär wegen des Thermalbades, sondern wegen Papa Moll. Der hat unsere Kinder auf Anhieb überzeugt. Im «Zurzacherhof» buchen wir das Papa-Moll-Angebot. Elternzimmer, Kinderzimmer, Badeplausch, Gutschein fürs Essen und ein Cüpli beim Einchecken. Klingt gut.

Nach der Autobahn schlängelt sich die Strasse über allerlei Hügelchen. Viele Reben, viele Kurven. Schon vor der Ankunft sieht man den Turm beim Thermalbad Zurzach. 62 Meter Beton. Irgendwie trostlos.

© Bilder: Alex Spichale

Einst als Wahrzeichen des Ortes gebaut, mittlerweile würden ihn Gemeinde und Bad am liebsten durch einen Neubau ersetzen. Der Heimatschutz kündigte an, dagegen zu opponieren, die hochfliegenden Neubaupläne wurden gegroundet, und der Turm steht immer noch. Im etwas schummrigen Nebelniesel vermittelt er beinahe etwas Grossstadflair, trotz gerade einmal 4368 Einwohnern, die Bad Zurzach aktuell zählt. Das «Bad» im Ortsnamen trägt Zurzach, von Einheimischen Zohrzi genannt, erst seit 2006.

Allgemein wirkt vieles etwas eingeschlafen rund um dieses Bad, und unmittelbar daneben hat es eine Klinik für Schlafmedizin. Vieles scheint aus einer Zeit zu stammen, in der man Funktionalität noch über Schönheit stellte. Auch der «Zurzacherhof» würde heute wohl nicht so gebaut werden. Das Zimmer freilich ist einwandfrei, das Essen am Abend ganz gut, und der Kellner ist der netteste seiner Zunft, den wir im vergangenen Jahr angetroffen haben. Dazu ein Wein aus dem Aargau.

Vor dem Thermalbad steht die Familie Moll. Ohne Kopf. Also sie warten auf Köpfe.

Für Familien gibt es im Hotel, das zum Thermalbad gehört ein «Papa-Mol-Angebot», Fotogelegenheit inklusive.

Für Familien gibt es im Hotel, das zum Thermalbad gehört ein «Papa-Mol-Angebot», Fotogelegenheit inklusive.

Dort wo eigentlich die Gesichter von Papa, Mama, Evi, Willy und Fritz Moll sind, sind Löcher, und man kann diese Löcher füllen und sich so fotografieren. Es gibt in Bad Zurzach viel Papa Moll, der übrigens tatsächlich Aargauer ist, 1952 erschaffen von Edith Oppenheim in Baden. Es gibt einen Papa-Moll-Weg, es gibt Papa-Moll-Figuren, und es gibt ein Papa-Moll-Land. Dort kann man Minigolf in all seinen Varianten spielen.

Papa Moll ist im Flecken Zurzach allgegenwärtig auch in der Minigolfanlage Papa Moll Land.

Papa Moll ist im Flecken Zurzach allgegenwärtig auch in der Minigolfanlage Papa Moll Land.

Papa Moll mit seiner leicht tollpatschigen Schweizer Durchschnittlichkeit passt gut zu Bad Zurzach. Es ist ein ehrlicher Ort. Ohne Pomp (abgesehen vom verwitterten Turm). Ein Spaziergang dem Rhein entlang lässt einen in viele unterschiedliche Gärten blicken. Mal verwildert, mal mit künstlichen Steinen vermeintlich aufgewertet. Es ist auch ein bisschen ein Spaziergang durch die Schweiz. Und spazierend kommt man auch weg von der Schweiz. Über die Brücke geht’s nach Deutschland. Es ist das Wochenende vor dem Lockdown im Nachbarland. Doch im Biergarten wird bereits nicht mehr gezapft.

Den Einkaufstouristen in den Kofferraum geschaut

Das Leben in Rheinheim – so heisst der Ort auf der deutschen Rheinseite – scheint generell recht hinuntergefahren zu sein, auch ohne verordnete Schliessungen. Durch den Ort fahren zahlreiche Autos mit Schweizer Nummernschildern auf dem Retourweg vom Einkaufen. Nach der Brücke kontrollieren die Schweizer Zöllner fleissig Kofferräume. WC-Papier, Fleisch, Mineralwasserflaschen: Der Sparsamkeit ist kein Weg zu weit.

All die kleineren und mittleren Sorgen des Lebens vergisst man ganz gut bei 36 Grad im Thermalbad am Sonntagmorgen.

© CH Media

In Kombination mit leichtem Regen hat es etwas Beruhigendes, im sprudelnden Wasser zu sitzen. Und bis auf ein paar aufdringlich verliebte Paare klappt es sogar in den meisten Pools ganz gut mit dem Abstandhalten.

Es lässt sich hier bestens abschalten. Von diesem Coronawirbelsturm, der gerade wieder durch die Schweiz fegt. Mit Fallzahlen mindestens so hoch wie der Turm beim Thermalbad. Dort wolle man jetzt übrigens überlegen, wie man ihn weiternutzen könne. Möglich seien etwa ein Museum oder eine Aussichtsplattform.

Baden in Zurzach macht müde und zufrieden

Auf der Heimfahrt durch Tegerfelden, Endingen, Lengnau, Ehrendingen, Ennetbaden, Baden, Wettingen, Neuenhof und Spreitenbach schläft die Tochter ein. Ihr Kopf wandert durch die Kurven nach links und rechts, und am Ende liegt sie fast auf dem Schoss ihres Bruders. Baden in Zurzach macht müde. Und zufrieden.

Mindestens eines der mittlerweile geschlossenen Schlösser sehen wir durch die Windschutzscheibe. Sie wirken mit ihrer Protzigkeit fremder als der Betonturm in Bad Zurzach. Papa Moll ist uns im Zweifelsfall näher als Schlossherren und Schlossdamen. Auch für solche Erkenntnisse darf man dem Kanton Aargau durchaus dankbar sein. Ach Aargau. Wir kommen wohl wieder.

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