Weltweit sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen noch die häufigste Todesursache. Aber in Ländern mit hohen und mittleren Einkommen ist Krebs inzwischen die führende Todesursache bei 35- bis 70-Jährigen. Das ist das Resultat einer Studie, die Darryl Leong vom «Population Health Research Institute» der Universität McMaster in Hamilton gestern am Europäischen Kardiologiekongress (ESC) in Paris vorgestellt hat.

«Wenn die kardiovaskulären Todesfälle weiter so zurückgehen, wie man das in den letzten Jahrzehnten in reichen Ländern gesehen hat und dieses Muster sich auch in armen und mittleren Ländern durchsetzen wird, wird Krebs in einigen Jahrzehnten die weltweite Haupttodesursache werden», sagt Leong.

Die hohe Sterblichkeit aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen in armen und mittleren Ländern hänge mit dem schlechten Zugang zur Gesundheitsversorgung zusammen. Das zeige sich, weil dort wenig Präventivmedikamente eingesetzt würden und es in diesen Ländern viel weniger Spitalaufenthalte wegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen gebe, erklärt der Leiter der Studie, Salim Yusuf von der McMaster-Universität.

Weniger Tote wegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Weniger Tote wegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Langzeitstudie in 21 Ländern

Diese sogenannte Pure-Studie wurde in 21 Ländern durchgeführt, berücksichtigt städtische wie ländliche Gebiete und fünf Kontinente – in vier Ländern mit hohen Einkommen wie Kanada und Schweden, in zwölf mittleren wie China, Polen und der Türkei sowie in fünf armen Ländern wie Indien und Tansania. Die Schweiz wurde nicht erfasst, lässt sich aber gut mit den anderen reichen Ländern vergleichen.

Die Analyse umfasst 162 535 Menschen im Alter zwischen 35 und 70 Jahren. Dabei wurden Probanden über lange Zeiträume beobachtet, um grosse Trends zu erfassen. Die Studie zeigt, dass in Schwellenländern die Zahl der Infektionskrankheiten kleiner wird, und dass sich die Sterblichkeit auf andere, zivilisatorische, nicht übertragbare Krankheiten verlagert. «So wie wir das hier vor 100 Jahren auch erlebt haben», sagt Philipp Haager, Leitender Arzt an der Klinik für Kardiologie am Kantonsspital St. Gallen.

Die weniger entwickelten Länder übernehmen die inzwischen mehr oder weniger verpönten Lebensgewohnheiten westlicher Länder was Ernährung, Bewegung und Rauchen betrifft. Im Gegensatz zu den reichen Ländern haben die armen Länder aber nicht die medizinischen Möglichkeiten, gegen diese Leiden wie Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorzugehen.

Dementsprechend hat die Pure-Studie auch festgestellt, dass in diesen Ländern kardiovaskuläre Erkrankungen weiterhin die häufigste Todesursache sind. Gezeigt hat die Studie auch, dass die Sterblichkeitsraten bei Tumoren in entwickelten Ländern gleich hoch sind wie in weniger entwickelten.

Enorme Therapieerfolge

Bei uns gehen die Herz-Kreislauf-Erkrankungen aber laufend zurück wie ein Blick in die Statistiken des Bundesamtes für Statistik zeigt. Dahinter stehen enorme Therapieerfolge in den letzten Jahren wie Philipp Haager erklärt. Die Sterblichkeit des akuten Herzinfarktes ist zum einen um die Hälfte zurückgegangen, weil betroffene Patienten in den vorhandenen Netzwerken sofort behandelt werden können. Die Ärzte können in der Schweiz verschlossene Gefässe heute zu jeder Tages- und Nachtzeit wieder öffnen. Schnelle Rettung und vernetzte Spitäler sind entscheidend bei diesen Erkrankungen.

Zum Zweiten ist die Behandlung der Herzschwächen dank neuer Medikamente so gut geworden, dass die Anzahl an Herztransplantationen zurückgeht, sagt Haager. Besser behandelt werden können auch die bösartigen Herzrhythmus-Störungen. Defibrillatoren helfen im Notfall wie auch die neuen Entwicklungen bei den Herzklappen, welche die Möglichkeit bieten, auch ältere Patienten schonend zu operieren.

Extrem wichtig ist für die Reduktion der Herz-Kreislauf-Erkrankungen auch die Prävention. Die Zahl der Raucher wird kleiner, viele bewegen sich öfter oder ernähren sich gesünder. Die Schweizer Kardiologen unterstützen dies, indem sie bereits seit neun Jahren in Folge als «Tour-de-Cœur» mit dem Velo zum ESC anreisen, so auch dieses Jahr nach Paris.

Auch der Co-Autor der Studie, Gilles Dagenais von der Universität Laval in Quebec, führt diesen Übergang von den Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf den Krebs als Haupttodesursache auf verbesserte Strategien zur Vorbeugung und Behandlung in einkommensstarken Ländern zurück, wie er in der Studie erklärt.

Wir werden immer älter und anfälliger

Die Reduktion an Herz-Kreislauf-Erkrankungen wird die heute schon hohe Lebenserwartung in westlichen Ländern weiter erhöhen. «Ein Mädchen, das heute zur Welt kommt, kann mit einer Lebenserwartung von über 90 Jahren rechnen», sagt Haager vom Kantonsspital St. Gallen.

Das bedeutet, dass typische Alterskrankheiten immer häufiger werden. Dazu gehört auch der Krebs, aber vor allem auch die desaströse Demenz. Das wird die Gesellschaft vor neue Herausforderungen stellen, wenn es um ethische und finanzielle Fragen der Abwägung geht. Zum Beispiel, welche Medizin wem angeboten wird und wie viel diese kosten darf. Wer bekommt noch eine neue Herzklappe oder einen Schrittmacher? Und wer entscheidet?