seltsame Lichter
Unerklärliches Treiben am Himmel: Ufo-Sichtung im Waadtland oder doch nur ein Lichtphänomen?

Ufo-Sichtungen werden auch in der Schweiz gemeldet. Die Wissenschafter halten diese für Verwechslungen, Halluzinationen oder schlicht Lügengeschichten. Ein interessanter Fall aus Lausanne beschäftigt nun aber Forschende im Silicon Valley.

Christoph Kummer
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Océane kannte Ufos nur aus Filmen und glaubte nicht an sie. Das änderte sich am 18. November 2015: Die Waadtländerin filmte an jenem Morgen von ihrem Balkon aus seltsame Lichter über Lausanne. «Diese weissen Lichtbälle drehten sich wie ein Karussell», erzählt sie in ihrer Wohnung in einem Vorort von Lausanne. Océane* ist nicht ihr richtiger Name. Die Frau, zwischen 50 und 60 Jahre alt, möchte anonym bleiben; aus Angst, in ihrer Gemeinde als «Ufo-Verrückte» verspottet zu werden.

Fliegende Bälle am Himmel

Gleichwohl kann sie ihre Aussagen untermauern: Sie hat mehrere Fotos sowie ein Video aufgenommen, welche die Lichter zeigen: Die fliegenden Bälle kreisen am Himmel, steigen in die Höhe und ziehen sich wieder zusammen. Mehrere Minuten dauert das seltsame Schauspiel. «Dann waren da noch die kleinen Lichter», ergänzt Océane. Im Video sieht man helle Punkte, die herumwirbeln. «Sie machten beim Aufprall auf Fensterläden ein leises Geräusch, wie der Flügelschlag eines Vogels. Dabei hinterliessen sie eine weissliche Flüssigkeit, die ein wenig wie Milch aussah.» Océane bleibt perplex zurück. Nicht nur psychisch macht ihr die Sichtung zu schaffen: Sie berichtet von körperlichen Beschwerden wie Nasenbluten und gerötete Augen. Sie geht zum Arzt und lässt sich Augentropfen verschreiben.

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Sie stöbert im Internet. Dann gelangt sie an Bruno Mancusi, einen langjährigen Ufo-Forscher aus dem Waadtland. «Es ist sicherlich die interessanteste Ufo-Sichtung der letzten Jahrzehnte in der Schweiz», sagt Mancusi. Der Ufo-Forscher aus Payerne befragt Océane. Gemeinsam beschliessen sie, die Wissenschaft einzuschalten.

Beim Umweltamt abgeblitzt

Doch die Wissenschaft tut sich allgemein schwer mit Ufos. Mehr als Psychologie stecke nicht dahinter, sagen die meisten Forschenden. Es seien Verwechslungen, Halluzinationen oder schlicht Lügengeschichten. Die Ablehnung ist vor allem bei den Naturwissenschaftern gross. Das verwundert wenig, denn nachprüfbare physische Spuren, welche die Existenz von Flugobjekten aus fremden Welten belegen würden, existieren bislang nicht. Für die Wissenschaft sind Ufos nicht greifbar. «Wer sich näher damit befasst, erkennt schnell, dass das Phänomen sehr komplex ist», sagt Bruno Mancusi. «Es gibt wahrscheinlich nicht eine einzige Erklärung für alle Beobachtungen.» Der Ufo-Forscher glaubt übrigens nicht, dass die unheimlichen Flugobjekte einen ausserirdischen Ursprung haben. Dafür gebe es zu viele Sichtungen.

Abstriche der Rückstände mit Wattestäbchen

Océane besorgt nimmt mit Wattestäbchen Abstriche der Rückstände der Lichtbälle an Fensterläden und einer Vitrine im Wohnzimmer. Mancusi, der beruflich als Labortechniker tätig ist, schreibt E-Mails an die Universität Lausanne, die ETH Lausanne (EPFL) und ans Umweltamt des Kantons Waadt. Doch die befragten Stellen lehnen es ab, sich die Spuren näher anzusehen.

Sie sagten, dies sei die Aufgabe privater Labors. Ich verstehe ihre Reaktion, aber finde sie nicht gut.

Die Suche nach interessierten Wissenschaftern geht weiter, doch nicht in der Schweiz. Mancusi erfährt von einer Studie in den USA, für die ein gewisser Jacques Vallée Proben sucht. Vallée ist Astronom und Pionier der Ufo-Forschung aus Frankreich, der seit vielen Jahren in den USA lebt. «Ich nahm Kontakt mit ihm auf, weil ich erfahren hatte, dass er für Laboruntersuchungen Spurenmaterial von Ufos sucht», erzählt Mancusi. «Er zeigte sich interessiert. Also fuhr ich im März 2018 nach Paris, um ihm die Behälter mit den Rückständen zu überreichen.» Vallée nimmt die Proben mit nach Kalifornien. «Einige Zeit später sagte er mir, dass er Océane gerne treffen würde, um mehr über die Umstände zu erfahren», berichtet Mancusi.

So kam der Ufo-Forscher im September 2018 nach Lausanne.

Vallée untersucht Ufos seit den 50er-Jahren. Der heute 82-Jährige ist vor allem in den USA und in Frankreich bekannt und hat mehrere Bücher zum Thema geschrieben. Gemäss Vallée hinterlassen die fliegenden Objekte immer mal wieder physische Spuren. Der Ufologe will Klarheit. Als Tech-Investor, der eine Reihe von Start-ups finanziert, hat er Zugang zu den besten Labors im Silicon Valley. Für seine Studie schaut er Isotope an, Varianten eines chemischen Elements, deren Atomkerne zwar gleich viele Protonen, aber unterschiedlich viele Neutronen enthalten. Es gibt Isotope, die auf der Erde natürlich vorkommen, andere existieren nur im Weltall oder können ausschliesslich in Labors hergestellt werden. Durch die Untersuchung von Ufo-Rückständen mittels Massenspektrometern hofft Vallée, Isotope oder gar Elemente zu identifizieren, die auf der Erde neu sind.

Mitarbeit des Nolan-Instituts der Stanford-Universität

Beteiligt an Vallées Untersuchungen ist das Nolan-La bor an der Stanford-Universität, benannt nach Garry Nolan, einem weltweit führenden Forscher auf dem Gebiet der Genetik, Immunologie und Bioinformatik. Nolan bewegt sich zwar vornehmlich in etablierten Forschungsfeldern, beschäftigt sich aber seit Jahrzehnten auch mit grenzwissenschaftlichen Themen. Er interessiert sich besonders für medizinische Befunde im Zusammenhang mit Ufo-Sichtungen.

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Sowohl Nolan als auch Vallée geben sich auf Anfrage bedeckt zu Neuigkeiten zur Studie. Nolan lehnt per E-Mail ein Interview ab, weil die Covid-19-Pandemie seine «Prioritäten verschoben» habe. Zudem habe ihn seine Erfahrung gelehrt, dass «man bei Ufo-Themen erst an die Öffentlichkeit gehen sollte, wenn die Arbeit abgeschlossen ist und klare Fakten vorliegen». Vallée bestätigt, ebenfalls in einer E-Mail, dass die Proben aus Lausanne Teil der Studie seien, aber momentan noch technologische Hürden zu bewältigen seien, um «einheitliche und aussagekräftige Ergebnisse» zu erhalten.

Kein wissenschaftlicher Beweis

Der wissenschaftliche Beweis lässt also auf sich warten, wie so oft bei Ufo- und artverwandten Themen. Doch da wäre ja noch das Video, das Océane an jenem Novembermorgen aufgenommen hat. Wenn auch kein wissenschaftlicher Beweis, so ist die vierminütige Aufnahme zumindest ein Indiz, dass da etwas war. Doch was? Wir befragten mehrere Meteorologen und Atmosphärenforscher, unter anderem von der EPFL. Alle waren bereit, sich das Video anzusehen. Die Vorschläge waren vielseitig und reichten von Kugelblitzen über blosse Reflektionen von Lichtern bis hin zu einer optischen Täuschung.

Neugierig zeigte sich vor allem der Physiker und Atmosphärenforscher Markus Furger. «Das Video ist sehr interessant», schreibt Furger. «Ich denke, die Beobachterin hat etwas Aussergewöhnliches festgehalten.» Doch was ist es? «Könnte es sein, dass eine Temperaturinversion bewirkte, dass Lichtstrahlen abgelenkt wurden?» In der Literatur werde dieses sehr seltene Wetterereignis als «superior mirage» oder Luftschloss bezeichnet, erklärt er. Mit Verweis auf die nahe Autobahn schreibt er, dass die Art und Weise, «wie sich die Punkte bewegen, auf Lichter von fahrenden Autos» hindeute. Eine Spiegelung im Himmel also, verursacht von einer ungewöhnlichen Wetterlage und Autoscheinwerfern?

Keine Forschung auf diesem Gebiet

Das Problem mit dieser Erklärung ist, dass gemäss MeteoSchweiz an jenem Morgen keine Inversionslage in der Region geherrscht hat. Es existieren auch keine Daten, welche eine lokale Inversion bei Lausanne belegen würden. Mehrere der befragten Forscher erklärten im Nachgang zur E-Mail-Korrespondenz, dass ihre Zitate nicht als offizielle Stellungnahmen ihrer Hochschulen gewertet werden dürften. Die Erklärung: «Wir forschen nicht auf diesem Gebiet.»

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Was hat Océane am 18. November 2015 beobachtet? Die Waadtländerin ist auch heute überzeugt, dass es etwas Aussergewöhnliches war. «Ich glaube nicht, dass das ein Wetterphänomen war. Das hinterlässt ja auch keine Spuren», sagt sie. Sie hofft, dass die Laboruntersuchung in Kalifornien Antworten liefern wird. Und dass Menschen, die Ufos beobachtet haben, nicht mehr schief angeschaut werden. «Ich glaube, das geht nur mit wissenschaftlichen Beweisen. Nur so haben Zeugen etwas in der Hand und trauen sich, über das Erlebte zu berichten und mit ihrem Namen hinzustehen.»

Name der Redaktion bekannt

Beobachtung von UFOs in der Schweiz und in den USA

Ufo-Sichtungen in der Schweiz: Nur wenige bleiben ungeklärt

Die Flugüberwachungsbehörde Skyguide erhält immer wieder Anrufe von Menschen, die behaupten, ein Ufo gesehen zu haben. Oft handle es sich um Drohnen des Grenzwachtkorps oder der Armee, sagt Skyguide-Sprecher Vladi Barrosa. «Doch es kommt schon vor, dass wir nicht feststellen können, was da gesichtet wurde.» Seriöse Anlaufstellen gibt es in der Schweiz nicht. Deshalb suchen Ufo-Zeugen meistens Hilfe im nahen Ausland. Zum Beispiel bei der Gesellschaft zur Erforschung des Ufo-Phänomens (GEP), einer deutschen Vereinigung von Ufo-Forschern. «Aus der Schweiz sind uns seit 1966 genau 91 Fälle gemeldet worden», berichtet GEP-Vorsitzender Hans-Werner Peiniger. «53 Fälle konnten bislang nicht vollständig bearbeitet werden. Bei den meisten werden sich aber wahrscheinlich Erklärungen finden lassen.»

Offizielle Untersuchungen in den USA

In den USA sind Ufos derzeit ein grosses Thema. Ein früherer US-Agent namens Luis Elizondo enthüllte 2017 gegenüber der «New York Times», dass er von 2007 bis 2012 ein geheimes Ufo-Programm für den US-Militärnachrichtendienst Defense Intelligence Agency (DIA) geleitet habe. Laut Elizondo konnte das Programm eindeutig die Existenz von Flugzeugen mit «physisch unmöglichen Flugeigenschaften» feststellen. Die Kontroverse zog ihre Kreise. Ein Senatsausschuss verlangte von der Regierung, die behördlichen Aktivitäten in Sachen Ufos offenzulegen. «Es fliegen Objekte über unsere Militärstützpunkte, die wir nicht identifizieren können und die nicht uns gehören», sagte der republikanische Senator Marco Rubio, der dem Ausschuss angehört. Im Frühling 2020 gab das US-Verteidigungsministerium die Bildung einer Arbeitsgruppe bekannt, welche offiziell mit der Untersuchung von Ufo-Sichtungen beauftragt wurde. Ziel der bei der Marine angesiedelten «Unidentified Aerial Phenomena Task Force» sei es, «die Natur und die Herkunft derartiger Erscheinungen besser zu verstehen», sagte Pentagon-Sprecherin Susan Gough. Im Juli 2020 berichtete die «New York Times» über angebliche Ufo-Wracks, an denen das Pentagon grosses Interesse habe.