Coronakrise
Umarmen erlaubt: Eine Aussage mit Folgen oder wie die Moral langsam nachlässt

Daniel Koch vom BAG hält daran fest, dass man Kinder gefahrlos an sich drücken könne. Dadurch bröckelt die Vorsicht auch anderswo.

Katja Fischer De Santi und Sabine Kuster
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«Ich habe diese Frage erwartet», sagte Daniel Koch. Als eine Journalistin ihn an der gestrigen Medienkonferenz fragte, ob er seine Aussage, man könne die Enkel jetzt ohne Risiko umarmen, nicht noch relativieren wolle? Es ging um das Interview mit Koch, welches das «Grosseltern»-Magazin veröffentlicht hatte und seither heiss diskutiert wird (Ausgabe von gestern).

Koch bekräftigte sein Statement sogar noch. Er wiederholte, Kinder würden praktisch nicht infiziert, und wenn, dann von den eigenen Eltern. «Es gibt praktisch keine Daten, dass sie das Virus übertragen haben», sagte Koch.

Es geht von Kindern keine Gefahr aus. Körperkontakt ist kein Problem.

Erst ab 10 Jahren steige das Risiko, aber selbst dann sei es noch klein. Hingegen bei Maturanden dann relevant, darum rate man etwa von mündlichen Prüfungen ab (siehe Text unten).

Was aber ist mit der Genfer Immunitäts-Studie, bei der die Bevölkerung auf Antikörper gegen das neue Coronavirus getestet wird und die Forscher letzte Woche meldeten, sie hätten bei Kindern ebenso oft Antikörper festgestellt, wie bei Erwachsenen? Die Anzahl Resultate sei noch zu klein für eine Aussage, sagte Koch. Das bestätigt Milo Puhan, Epidemiologe der Universität Zürich, auf Anfrage. Und sagt ebenfalls:

Kinder können sich infizieren – zwar nicht häufig – aber es scheint immer klarer, dass sie bis zum Alter von 10 Jahren fast niemand anderen anstecken.

Auf Nachfragen wiederholte Koch: «Man kann kleine Kinder ohne Gefahr an sich drücken.» Vermutlich hätten kleine Kinder nicht einmal die nötigen Rezeptoren an den Zellen, damit die Viren andocken könnten. Es sei auch nicht so, dass Kinder von erkrankten Eltern die Viren an ihren Kleidern auf andere übertragen könnten. Koch: «Man muss keine Angst haben, ein Kind zu berühren, sie tragen keine Virenrucksäcke. Die Viren werden über Flächen, mit den Händen oder direkt mit Tröpfchen übertragen.»

Genauso standhaft hielt Koch an seiner Haltung dem Hüten gegenüber fest: «Grosseltern sind eine Risikogruppe. Kontakte mit der mittleren Generation sind gefährlich.» Besuche seien mit genügend Abstand zu organisieren. Beim Hüten aber komme es unweigerlich zu unkontrollierten Kontakten mit deren Eltern.

Solche Aussagen lockern die Disziplin anderswo

Aber was, wenn man die Enkel-Übergabe am Gartentürchen machen würde? Selbst dafür wollte Koch kein grünes Licht geben. Vermutlich, weil dann im Kopf jenes Gefühl noch mehr verstärkt wird, das sich ohnehin am Verbreiten ist: Es ist nicht mehr so schlimm, wir müssen es nicht mehr so genau nehmen. Auch die Aussage, dass Kinder zu umarmen nun plötzlich okay ist, gibt dem Schub.

Zuerst über den Gartenhag, bald schon wieder auf der Terrasse?

Zuerst über den Gartenhag, bald schon wieder auf der Terrasse?

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Zwar ist das Virus immer noch unter uns, stecken sich immer noch täglich Hunderte Menschen an, aber die Moral lässt nach. Dass die Annahmen bezüglich Kindern und Coronavirus international gesehen sehr widersprüchlich sind, hilft auch nicht: In Deutschland werden zum Beispiel zuerst die älteren Schüler wieder beschult, weil man annimmt, die Kleinen seien sehr wohl ansteckend.

Je mehr Lockerungen der Bund zulässt desto mehr Ausnahmen gönnen sich die Leute selbst

Die angelaufene Lockerung des Lockdowns tut das ihre: Wenn Haare schneiden geht, warum nicht auch alles andere? Wenn keine Konvois mit Leichen durch Norditalien mehr fahren, wenn die Bilder von überfüllten Intensivstationen nicht mehr über den Bildschirm flimmern, dafür die Deutschen durch Einkaufsmeilen flanieren, dann wird die Angst vor dem Virus diffus, zerstäubt sich.

Die Furcht vor Virenübertragungen weicht dem Verlangen einander wieder näher zu sein. Je mehr Ausnahmen der Bund zulässt, desto mehr Ausnahmen werden sich die Leute selbst gönnen. Der Spielraum wieder selber zu entscheiden, was man für riskierbar hält und was nicht, wird mit jedem Tag grösser.

Das Gespräch auf Distanz endet im Grillplausch

Während man auf die Grillparty mit Freunden noch einfacher verzichten kann, ist der Kontakt zu den Enkeln eine andere Verzichtsgrösse. Es beginnt mit einem Spaziergang vorbei am Haus der Verwandten, geht über in eine Social-Distance-Wanderung am Sonntag, danach sitzt man dann doch beim Grillen im Garten. Rutscht unweigerlich zusammen und aufgeschreckt wieder auseinander. Die Menschen suchen sich ihre individuellen Wege aus dem Lockdown, in kleinen Schritten zurück zur Normalität. Was erlaubt, was sinnvoll ist, muss neu verhandelt werden. Etwa wenn zwei befreundete Familien sich im Wald treffen, es aber keine Stunde dauert bis alle in den gleichen Chipspack greifen. Niemand sagt was, alle wissen, dass das nicht besonders schlau ist, aber so richtig falsch, fühlt es sich nicht mehr an.

Es ist auch nur noch eine Frage von Tagen, bis die Nachbarn finden, den Schwatz an der Gartenhecke könne man jetzt auch mal bei einem Bier auf der Terrasse fortführen. Ein mulmiges Gefühl bleibt dabei, aber die Freude über das Stück Normalität ist grösser. Danach waschen sich alle schuldbewusst etwas länger die Hände.

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