Bergsteigen
Ueli Steck steckt in der Sackgasse

Ueli Steck will diesen Sommer alle 4000er der Alpen besteigen. Ganz ohne Aufsehen und Jagd nach Rekorden. Warum ihm das nicht gelingt.

Daniel Fuchs
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In Amerika nennen sie den 38-jährigen Ueli Steck «Swiss Machine». Eine Maschine, die läuft und läuft. Rund und zuverlässig. Fast nichts kann ihn stoppen. Nicht einmal ein zaudernder Kletterpartner. Wie Don Bowie zum Beispiel, der Kanadier, der sich im Oktober 2013 am Wandfuss der Annapurna unwohl fühlte und zurückblieb. Auch nicht ein verloren gegangener Handschuh. Als Steck wenig später mutterseelenallein und viel zu leicht bekleidet in der gefährlichen Südwand stand, riss eine kleine Lawine Handschuh und Kamera mit.

Ueli Steck will nun zum ersten Mal die sagenumwobene Südwand im Alleingang durchstiegen haben. Und auf dem Gipfel der 8091 Meter hohen Annapurna gestanden sein. Den sichtbaren Beweis konnte er nie liefern. Für seine vielleicht grösste Leistung erhielt er den Piolet d’Or, den Oscar der Bergsteigerszene.

Ein Abenteuer, keine PR-Show

Seit gestern läuft die Maschine wieder. Stecks jüngstes Projekt: Mit dem 24-jährigen Deutschen Michael Wohlleben will er alle 4000er der Alpen meistern. Von Ost nach West, ganz aus eigener Muskelkraft. In Bergschuhen, am Gleitschirm und auf dem Fahrrad. 100 000 Höhenmeter, 82 Berggipfel, 80 Tage. Läuft alles rund, sitzen die beiden Ende August an der Côte d’Azur und baden ihre Füsse im Mittelmeer.

Für einmal will Steck keine Rekorde brechen. Auf dem Weg ins Engadin, wo das Unternehmen beginnt, sagt er zur «Nordwestschweiz»: «Es geht nicht darum, das möglichst schnell zu schaffen, sondern darum, zwei Monate unterwegs zu sein und Berge zu besteigen.» Es handle sich weder um eine Rekordjagd noch um eine neue Dimension des Bergsteigens.

Eine Jagd der Superlative bleibt es trotzdem. In seinem Buch «Zwischen Flow und Narzissmus» schreibt der Autor Manfred Ruoss, dass Ueli Steck nach all seinen Alleingängen in den gefährlichsten Wänden der Welt in einer Sackgasse stecke. Kann er sich selbst überhaupt noch überbieten? Steck sei klar, dass seine Rekorde keinen Bestand haben, sondern von noch schnelleren, jüngeren Kollegen geschlagen werden. Wie an der Eigernordwand, wo der jüngere Urner Dani Arnold Stecks Rekord von 2 Stunden 47 Minuten um 20 Minuten unterbot.

Für einmal will Steck auch keine grossen medialen Wellen schlagen. «Ich will mal wieder was machen, bei dem das Erlebnis im Vordergrund steht. Für die Kosten kommen ich und Michi allein auf.» Der Grund: Die Sponsoren sollen das Abenteuer nicht zu einer PR-Aktion machen. Ein Event wird trotzdem daraus. Das Fernsehen begleitet die beiden Extremkletterer, wie sie im Engadin in Richtung Piz Bernina aufbrechen. Eine Thuner Filmcrew dreht für die «Summer Challenge» des Schweizer Fernsehens. Der Bergsport-Fotograf Robert Bösch stösst hin und wieder dazu und schiesst Fotos für Hochglanz-Magazine.

Stunden nach dem Gespräch mit Ueli Steck ruft auf der Redaktion der Geschäftsführer der Thuner Firma an, die das Projekt filmisch begleitet. Er will wissen, worum es in diesem Artikel geht. Stecks PR-Maschinerie soll schliesslich nicht ins Stocken geraten.

Medien früh umgarnt

Die Querelen um den fehlenden Annapurna-Gipfelbeweis, die Schlägerei mit Sherpas am Mount Everest und eine Lawinenkatastrophe, bei der es Steck genauso gut hätte treffen können wie
zwei seiner Kollegen – sie haben ihre Spuren hinterlassen.

Der Berner Oberländer dachte schon laut über den Rücktritt nach. Nun will er zurück zu seinen Wurzeln. In die Alpen, wo er zu Hause ist, die er aber kaum kennt, wie er sagt. «Ich war auf den wenigsten der 4000er.» Seine Botschaft:
Die Herausforderung ist auch in den Alpen zu finden. Man muss nicht unbedingt mit grossem Budget um die halbe Welt in den Himalaja fliegen.

Aber Steck ist ein Getriebener. Er kann nicht aufhören. Ziel sind und bleiben die 8000er und das Rampenlicht. Ist die Monstertour durch die Alpen mehr Trainingscamp für neue Herausforderungen im Himalaja oder Abenteuer und Selbstfindungstrip? «Vielleicht beides. Oder keines», sagt Steck.

Psychologe Ruoss schreibt in seinem Buch, bei Ueli Steck seien die typischen psychischen Merkmale eines extremen Bergsteigers zu beobachten. «In ihrer Reinform»: die Sucht nach heftigsten Reizen wie Angst, Kälte, Einsamkeit, Ausgesetztheit, Schmerz. «Er sucht den Kick immer wieder.» Und nach seinen erfolgreichen Unternehmungen stürze er immer wieder in eine Leere, wenn die unmittelbare Wirkung des Erfolgs nachlasse. «Er betreibt das Bergsteigen wie ein Süchtiger, der nach jedem Erfolg in ein Loch fällt und anschliessend eine noch stärkere Dosis Berg benötigt.»

Um seine Sucht zu stillen, braucht Steck Freiheiten, die er nur als Profi haben kann. Und Sponsoren, die ihm nur dank Öffentlichkeit die Stange halten. Früh war Steck bewusst, dass er auf Fotos, Filme und Texte angewiesen ist. Er ging Bündnisse mit Fotografen, Fernsehleuten, Journalisten und Vertretern der Sportartikelindustrie ein.

Dabei geht es um Win-win-Situationen. Robert Bösch, der Steck als Fotograf begleitet, die Thuner Produktionsfirma, das Schweizer Fernsehen, das hohe Einschaltquoten erreicht und Ueli Steck selbst, der Aufmerksamkeit erhält; alle gewinnen.

Also läuft die Maschine Steck durch die Alpen. Ob ihn das erfüllen mag? Buchautor Ruoss glaubt nicht daran. «Dass er klettert, weil er sich dabei wohlfühlt, kann er nicht vermitteln. Genuss, Entspannung, Aufgehen im Tun sind für Ueli Steck eher elende Zustände.»

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