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Schweizer Frauenstreiks: Was haben sie gebracht?

Legen Frauen ihre (un)bezahlte Arbeit nieder, hallt das nach. Das zeigt sich insbesondere bei ihrem Einzug in politische Ämter.

Annika Bangerter
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Die Schweizer Frauenstreiks im Überblick:

    1959: Basler Lehrerinnenstreik

    Die streikenden Lehrerinnen blieben einen Tag lang zu Hause. Nach ihrem Protest zogen immer wieder Frauen durch Basels Strassen. Sie mahnten an ihre fehlenden Rechte, wie bei diesem Fackelumzug im Jahr 1961.

    Die streikenden Lehrerinnen blieben einen Tag lang zu Hause. Nach ihrem Protest zogen immer wieder Frauen durch Basels Strassen. Sie mahnten an ihre fehlenden Rechte, wie bei diesem Fackelumzug im Jahr 1961.

    Bild: Staatsarchiv BS

    Am Dienstagmorgen, 3. Februar 1959, warteten die Schülerinnen des Basler Mädchengymnasiums vergeblich auf ihre Lehrerinnen. Zwei Tage zuvor hatten die Schweizer Männer das Frauenstimmrecht an der Urne versenkt. Für die Basler Lehrerinnen ein Affront, insbesondere, da selbst in ihrem sonst tendenziell liberalen Kanton das Resultat negativ ausfiel. Sie beschlossen, einen Tag lang ihre Arbeit niederzulegen.

    Lehrerinnen, die streiken: Das kam einer Sensation gleich. Selbst die «New York Times» berichtete. Die Historikerin Ursa Krattiger, damals Schülerin am Mädchengymnasium, sagt: «Dieser Streik war ein Brandbeschleuniger. Es fand eine riesige Politisierung statt.» 1966 führte Basel-Stadt als erster Deutschschweizer Kanton das Frauenstimmrecht auf kantonaler Ebene ein. «Ohne Streik wäre das nicht möglich gewesen», sagt Krattiger. Die bekannteste Streiklehrerin, Gertrud Spiess, schaffte den Sprung in den Grossen Rat und wurde später Basels erste Nationalrätin.

    1991: Erster Frauenstreik

    Kämpften gegen die Geschlechterdiskriminierung: Frauen am Streik 1991.

    Kämpften gegen die Geschlechterdiskriminierung: Frauen am Streik 1991.

    Foto: Walter Bieri / KEYSTONE

    Hunderttausende Frauen strömten am 14. Juni 1991 auf die Strasse. Seit dem Landesstreik von 1918 gab es keine grössere öffentliche Mobilisierung in der Schweiz. Studentinnen, Hausfrauen, Angestellte oder Selbstständige: Sie forderten Lohngleichheit, ein Ende der sexuellen Gewalt oder Gleichstellung in der sozialen Sicherheit. «Die Wirkung des ersten Frauenstreiks war enorm», sagt Historikerin Elisabeth Joris.

    Als zwei Jahre später die offizielle SP-Kandidatin Christiane Brunner nicht in den Bundesrat gewählt wurde, kehrte der Frauenprotest zurück. «Die Netzwerke der Streikkomitees waren noch da», sagt Joris. Aufgrund des öffentlichen Drucks zog sich der gewählte SP-Politiker Francis Matthey zurück, worauf Ruth Dreifuss in den Bundesrat einzog. Der sogenannte «Brunner-Effekt» führte dazu, dass in den darauf folgenden drei Jahren bei kantonalen Parlamentswahlen der Frauenanteil deutlich anstieg. Auch das Gleichstellungsgesetz von 1995 gilt als Erfolg des Streiks.

    2019: Zweiter Frauen*streik

    Der Frauen*streik gilt als eine der grössten politischen Demons­trationen in der Schweiz.

    Der Frauen*streik gilt als eine der grössten politischen Demons­trationen in der Schweiz.

    Foto: Jean-Christophe Bott / KEYSTONE

    Ein Streik sei erfolgreich, wenn die Organisatorinnen den Überblick verlieren würden. Das sollen spanische Streikfrauen zu Schweizer Koordinatorinnen gesagt haben. Und das geschah am 14. Juni 2019: Zum zweiten Mal rollte eine lila Protestwelle durch die Schweiz. Hunderttausende von Schweizerinnen protestierten im ganzen Land für Lohngleichheit, die Anerkennung von Care-Arbeit oder gegen sexuelle Gewalt.

    Anders als 1991 wurde zum Frauen*streik aufgerufen: Neben den Aktivistinnen engagierten sich zahlreiche Menschen aus der Queer-Community in den Komitees. Diese mobilisierten über die Kundgebung hinaus. Bei den eidgenössischen Wahlen im Herbst gewannen so viele Frauen wie nie zuvor einen Sitz dazu. Der Frauenanteil im Ständerat verdoppelte sich und im Nationalrat politisieren seither 42 statt zuvor 32 Frauen. «Der zweite Frauenstreik hat eine neue, junge Generation von Frauen politisiert und für den Feminismus sensibilisiert», sagt Historikerin Joris.

    2021: Wird es wieder ein grosser Streik?

    Viele Faktoren spielen mit, ob eine soziale Bewegung wie ein Frauenstreik nochmals zündet oder nicht.

    Viele Faktoren spielen mit, ob eine soziale Bewegung wie ein Frauenstreik nochmals zündet oder nicht.

    Foto: Annette Boutellier

    Auch am diesjährigen 14. Juni wird zum Streik aufgerufen. In zwanzig Schweizer Städten und grösseren Ortschaften finden Veranstaltungen statt. Lässt sich der Erfolg wiederholen? «Das lässt sich nicht planen», sagt Historikerin Joris. Das emotionale Moment und das Zugehörigkeitsgefühl würden entscheidende Rollen spielen, inwiefern eine soziale Bewegung wie ein Frauenstreik zünde. Auch der internationale Kontext sei bedeutend, so Joris. 2019 ging dem Streik die MeToo-Bewegung voraus, in den USA demonstrierten Frauen am «Women’s March» gegen Präsident Trump und in Spanien protestierten über fünf Millionen Streikfrauen.

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