Richtig Diskutieren

Überall wird gestritten, aber selten diskutiert: Weshalb unsere Gesellschaft so polarisiert ist wie schon seit langem nicht mehr

© Raffael Schuppisser

In der Familie, unter Freunden, im Zug: gestritten wird überall. Der Ton scheint gehässiger zu werden, die Fronten bei Themen wie Corona, Klimawandel und Rassismus sind verhärtet. Wie kommen wir da wieder raus?

Es war an einem dieser lauen Spätsommerabende. Während die Kinder auf dem Rasen vor dem Haus Fussball spielten, schreit die Nachbarin: «Hört endlich auf! Geht rein!» Als Erwachsener tritt man hinzu und fragt nach, wo das Problem liege. Sie sagt:

Auf den Hinweis, dass sie sich nicht sorgen müsse, da der Abstand zu ihrer Terrasse weit mehr als zwei Meter betrage, schimpft sie weiter und verweist auf die Aerosole. Nachdem man sie darauf aufmerksam gemacht hat, dass auch diese an der frischen Luft unbedenklich seien, wird sie erst recht wütend:

Was tun? Weiterdiskutieren oder gehen?

Neulich bei einem Familienbrunch am Küchentisch. Eben noch drehte sich das Gespräch um das Neugeborene, da ergreift der Onkel das Wort und fragt fast schon beiläufig, wie viel Mutterschaftszeit die Mutter nehme. Vier Monate seien vom Arbeitgeber bezahlt; vier weitere wolle sie unbezahlt nehmen. «So lange pausieren in deiner verantwortungsvollen Position? Da lässt du deine Kollegen aber ganz schön im Stich», sagt der Onkel schnippisch. Und fügt an:

Was tun? Darauf eingehen oder das Thema wechseln?

Der kleinste gemeinsame Nenner: die Erde ist keine Scheibe

Es brodelt ganz schön in unserer Gesellschaft. Die Ansichten driften auseinander. Sei es zu Corona, zum Feminismus, zum Klima oder zu den Ausländern. Die Meinungen sind gemacht. Es wird so viel protestiert wie lange nicht mehr: Frauenstreik, Klimastreik, Black-Live-Matters-Demonstrationen.

In den USA endeten Proteste diesen Sommer oft in gewalttätigen Auseinandersetzungen.

In den USA endeten Proteste diesen Sommer oft in gewalttätigen Auseinandersetzungen.

Doch wird auch diskutiert? Hören wir einander zu? Oft scheint es, dass vor allem gebrüllt wird. Und wenn Populisten in der Politik so an die Macht kommen, wieso nicht auch gewöhnliche Menschen zu ihrem Recht? Es scheint, dass die Verbreitung der Seuche und das Verpesten der Luft mit CO2 den Nährboden für ein vergiftetes Diskussionsklima schaffen.

Coronarebellen, Klimaleugner, 5G-Verschwörungstheoretiker, QAnons – sie alle haben ihre Version der Realität. Einen gemeinsamen Nenner mit den Verschwörungstheoretikern zu finden, ist schwer, manchmal ist es nur noch der, dass die Erde keine Scheibe ist.

Doch die Zerstrittenheit in der Gesellschaft beginnt früher. In der Nachbarschaft und am Küchentisch.

Was tun? Sich auf eine Diskussion einlassen oder nicht?

Öfter entscheiden sich die Menschen für Letzteres. Dem Frieden zuliebe schweigen. Die Energie für anderes verwenden. Katja Rost, Professorin für Soziologie an der Universität Zürich erklärt:

Manche Menschen scheuen eine Auseinandersetzung, weil sie nicht mehr darauf vertrauen, dass das Gegenüber an einem Austausch von Argumenten interessiert ist, sondern bloss seine Meinung kundtun will. Und das möglichst bestimmt.

Die Gräben sind aufgebrochen, es wird um jede Maske gestritten

Einen Grund dafür sieht Rost in den sozialen Medien und ihren berüchtigten Echokammern. Statt in Kontakt mit Andersdenkenden zu kommen, findet man dort vor allem Bestätigung – weil man Gleichgesinnten eher folgt und die Personalisierungsalgorithmen die Tendenz noch verstärken.

Ausserdem geht man in der schnellen schriftlichen Kommunikation weniger sensibel vor als im Gespräch, wo Mimik und Gestik für wichtige nonverbale Signale sorgen. «Vermehrt schwappt diese Diskussionskultur auch in die Offline-Welt über», stellt Rost fest.

Das zeigt sich gerade jetzt, während der Coronakrise. War anfangs die Bewältigung der Pandemie von grosser Solidarität getragen, sind nun die Gräben wieder aufgebrochen, und es wird um jede Maske gestritten.

Doch die Verhärtungen in der Gesellschaft gab es schon vorher. Rost:

Und die Welt ist ganz schön komplex geworden. Als der Eiserne Vorhang Ende der 80er-Jahre fiel, sah es aus, als werde die Welt nun einheitlicher und einfacher. Stattdessen haben die Globalisierung und die Digitalisierung zu starken Umwälzungen geführt.

Zur Zeit des Kalten Kriegs war die Welt das letzte Mal so polarisiert wie heute. Dann fiel der Eiserne Vorhang.

Zur Zeit des Kalten Kriegs war die Welt das letzte Mal so polarisiert wie heute. Dann fiel der Eiserne Vorhang.

Als wäre das nicht genug, spitzt sich ein weiterer Systemkonflikt zu: dieses Mal zwischen dem Westen und China. Und die Welt rast auf die grösste Umweltkatastrophe zu. Ein globales System schafft globale Probleme. Die Coronakrise zeigt das so deutlich wie nie.

Wer behält da noch die Übersicht und kann Fakten von Ansichten trennen? Rost sagt:

Sie wieder abzulegen, falle schwer, weil daran eine ganze Identität, ein ganzes Wertesystem hänge. Das führt dazu, dass ein Teil der Menschen gar nicht diskutieren will, schliesslich ist man gar nicht an neuen Einsichten interessiert. Und wer interessiert ist, der glaubt oft, dass es der andere nicht sei, und schweigt. Ein Teufelskreis.

Ueli Mäder, emeritierter Soziologieprofessor, plädiert für Gelassenheit. Es habe immer wieder Phasen gegeben, in denen mehr skandiert als diskutiert worden sei. «Ende der 60er-Jahre haben wir auf der Strasse sogar noch ‹Ho, Ho, Ho Chi Minh› geschrien und wollten mit Marx’ fundiertem ‹Kapital› gleich die ganze Welt erklären, dagegen geht die Klimajugend heute differenziert vor», sagt der 69-Jährige, der an der Universität Basel arbeitete.

Auch in Zürich wurde vor bald 50 Jahren gegen den Vietnamkrieg demonstriert.

Auch in Zürich wurde vor bald 50 Jahren gegen den Vietnamkrieg demonstriert.

Eine komplexe Welt mit verschiedenen Wertesystemen und Sozialstrukturen fördere eine differenziertere Sicht, ist Mäder überzeugt. Dennoch sagt auch er:

Nach der ersten Welle der Epidemie und der Solidarität fahre man jetzt wieder die Ellbogen etwas mehr aus, um eine alte Normalität hochzufahren, die es kritisch zu befragen gelte.

Auch quere Ansichten haben ihre Berechtigung

Solche Phasen gebe es immer wieder – in fast jedem Konflikt, egal, ob er sich zwischen zwei Einzelpersonen oder innerhalb der ganzen Gesellschaft abspiele, erklärt Mäder. Manchmal muss der Ärger, müssen die Ängste einfach raus. Wie jüngst, als ein Mitreisender im Zug den Soziologen überzeugen wollte, dass die Maskenpflicht nur deshalb weiterbestehe, weil der Bund zu viele Masken eingekauft habe und sie nun wieder loswerden müsse.

Auch quere Ansichten und grobschlächtige Meinungen hätten eine Berechtigung, ist Mäder überzeugt. Er plädiert dafür, sie zu respektieren. Das heisse nicht, dass man sie akzeptiere, sondern dass man sie zu verstehen versucht und sachlich diskutiert. Schiebt man jemanden zu schnell in die Schublade der Verschwörungstheoretiker, heisst das auch, dass sich Konflikte verhärten, die eigentlich auch verbinden und Debatten beleben könnten.

Wenn man wieder einmal vor den Kopf gestossen wird: im Zug, in der Nachbarschaft, am Küchentisch: Was tun? Sich auf eine Diskussion einlassen oder wegschauen?

Das kommt auf die Situation an. Manchmal ist es auch gut, einfach einmal zuzuhören.

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