Transgender
Nach dem Vorfall in Zürich fragen sich manche: Warum will jemand mit Schnauz in die Frauenbadi?

Sigmond Richli von Transgender Network Switzerland über einen Ort, der auch trans Frauen ein Schutzraum sein kann.

Sabine Kuster
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Oben ohne sünnele kann man in der Zürcher Frauenbadi problemlos. Aber sind Brüste eine Voraussetzung?

Oben ohne sünnele kann man in der Zürcher Frauenbadi problemlos. Aber sind Brüste eine Voraussetzung?

Matthias Scharrer

Vor zwei Wochen verlangte jemand Einlass in der Zürcher Frauenbadi und trug dabei einen Schnauz, wie die NZZ berichtete. Die Person wurde vom Personal an der Kasse deshalb als Mann gelesen und abgewiesen, obwohl sie ihren Ausweis zeigte, der sie als Frau identifizierte. Das sei keineswegs als Provokation zu verstehen, erklärt Sigmond Richli vom Co-Präsidium Trans Gender Network Switzerland, sondern habe vermutlich eher mit dem Schutzraum Frauenbadi zu tun.

Warum trägt eine trans Frau einen Schnauz, wenn sie als Frau akzeptiert werden will?

Sigmond Richli, Co-Präsidium von Trans Gender Network Switzerland

Sigmond Richli, Co-Präsidium von Trans Gender Network Switzerland

zvg

Sigmond Richli: Gesichtsbehaarung kann zahlreiche Ursachen haben, von hormoneller Imbalance bis zu familiärer Veranlagung. Bartschatten sind schwierig zu überdecken und deren kosmetische Entfernung langwierig und teuer und daher häufig sichtbar. Es kommt auch vor, dass eine trans Frau nicht komplett offen leben kann, also etwa im Arbeitsleben oder in der Familie nicht out ist, was dazu führen kann, dass eine solche Behandlung nicht möglich ist. Alle Menschen haben ein Recht darauf, ihren Geschlechtsausdruck so zu leben, wie es für sie stimmt. Frauen aufgrund ihrer körperlichen Merkmale gewisse Rechte zuzugestehen oder abzuerkennen, ist eine gefährliche Praxis, die allen Frauen schadet. Es gibt zudem auch nicht-binäre Personen, also solche, die sich weder ganz dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zugehörig fühlen. Dementsprechend ist der Geschlechtsausdruck auch vielfältig und die «trans Frau mit Schnauz» war vielleicht eine nicht-binäre Person mit Gesichtsbehaarung.

Führt das nicht zwangsläufig zu Protesten seitens der Frauen, wenn die Frau männlich aussieht?

Trans Frauen sind Frauen und Frauenräume sollen Frauen vor Gewalt schützen, die meistens von Männern gegenüber Frauen ausgeübt wird. Einlassregeln in Frauenräume sollten sich also primär darauf fokussieren, dass Männer keinen Einlass erhalten und nicht trans Frauen und nicht-binäre Personen diskriminieren.

Wie kann das sichergestellt werden? Reicht der Eintrag im Personalausweis?

Wie die Schutzräume und der Zugang dazu ausgestaltet sein müssen, damit sie für alle, die sie brauchen, funktionieren, muss gemeinsam erarbeitet werden. Nötig ist nicht nur eine sachliche Sensibilisierung der anderen Gäste und des Personals, sondern auch eine klar kommunizierte und durchgesetzte Nulltoleranz gegenüber übergriffigem oder respektlosem Verhalten – egal, von wem und wem gegenüber.

Wie kann man dann in einer Dusche sicher sein, dass sich nicht ein Lüstling eingeschlichen hat, wenn die Frau einen Penis hat?

Die Beschaffenheit der Genitalien einer Frau in einen Zusammenhang mit Übergriffigkeit zu stellen, ist fahrlässig und irreführend. Das Recht einer trans Frau, eine Frauenbadi zu betreten, kann nicht deswegen beschnitten werden, weil hypothetisch ein Mann dieses Recht ausnutzen kann, indem er sich als Frau ausgibt. Die Trennung der Geschlechter in potenzielle Opfer und potenzielle Täter ist schädlich; wenn Männern grundsätzlich nicht zu trauen ist, warum gibt es dann Badis ohne Geschlechtertrennung? Zudem gibt keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass trans Frauen eine Bedrohung darstellen, aber viele Belege dafür, dass trans Frauen häufiger Opfer sexualisierter Gewalt werden.

Welche Gründe gibt es denn, dass eine Transfrau nicht eine gemischte Badi besuchen will?

Trans Personen und insbesondere trans Frauen und nicht-binäre Menschen gehören zu den Gruppen, die massiv in der Öffentlichkeit belästigt und angegriffen werden. Trans und nicht-binäre Personen erleben massive Diskriminierung und Anfeindungen in gemischten Badis und Umkleidekabinen. So sehr, dass sie sich meistens nur in einer Gruppe sicher genug fühlen, solche Orte aufzusuchen. Trans Frauen aus Schutzräumen auszuschliessen, trägt nicht dazu bei, dass die Gewalt reduziert wird.