Nachruf

Tod im ewigen Eis: Die Schweiz verliert einen grossen Wissenschafter, den Polarpionier Konrad Steffen

Der verunglückte WSL-Direktor Konrad Steffen im Jahr 2017 mit der damaligen Bundesrätin und Umweltministerin Doris Leuthard beim Swiss Camp in Grönland.

Der verunglückte WSL-Direktor Konrad Steffen im Jahr 2017 mit der damaligen Bundesrätin und Umweltministerin Doris Leuthard beim Swiss Camp in Grönland.

Sein Herzensprojekt war das «Swiss Camp» in Grönland. Dort hat WSL-Direktor Konrad Steffen am Samstag in einer Gletscherspalte sein Leben verloren.

Seinen letzten öffentlichen Auftritt hatte Konrad Steffen vor genau zwei Monaten. Stolz stellte der Direktor der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) das neue Zentrum für Klimaforschung in Davos vor, mit dem die Klimaforschung im alpinen Raum intensiviert wird. «Wir befinden uns in einem neuen Klima-Szenario, und wir kennen die Prozesse nicht, welche das auslöst», sagte Steffen an der Medienkonferenz. «In den alpinen Regionen verstärken sich die Effekte. Die Alpen werden bestehen bleiben, aber ihr Bild wird sich verändern.» Die kleinen Gletscher werden verschwinden, die grossen weiter viel an Masse verlieren und der Permafrost schmelzen.

Die Gefahr schon früh erkannt

Der Verlust von Eis und Gletschern hat den 1952 geborenen Wissenschafter schon seit Jahrzehnten beschäftigt. Sein Fokus hat sich dabei auf die kalten Pole der Erde gerichtet. Als noch kaum jemand vom Klimawandel wusste, hat Steffen die Gefahr erkannt. Schon seine Diplom- und seine spätere Doktorarbeit 1984 an der ETH Zürich hatte das Eis in Polargebieten zum Thema. Ab 1991 machte der schweizerisch-amerikanische Doppelbürger in Kanada und den USA Polarforschung, startete ein langfristiges Messprogramm auf Grönland, um die Veränderung der Eismasse zu untersuchen und wurde 2005 Direktor des grossen und weltweit anerkannten Forschungsinstituts CIRES an der University of Colorado in Boulder, USA.

Mit Wasser gefüllte Gletscherspalte

Der Berner Klimaforscher Thomas Stocker gewann Steffen 2008 als Autor für den Weltklimarat IPCC, 2012 wurde er Direktor des WSL. «Sein Herzensprojekt war aber immer das Swiss Camp in Grönland, östlich von Illulisat. Dort wo er am Samstag sein Leben verloren hat», sagt Stocker. Der WSL-Direktor stürzte bei seinem alljährlichen Forschungsaufenthalt bei seiner meteorologischen Basisstation «Swiss Camp» bei der Feldarbeit in eine mit Wasser gefüllte Gletscherspalte. Er hinterlässt seine Frau und zwei erwachsene Kinder.

Die Bestürzung über den tragischen Tod ist gross. Der Berner Klimaforscher Thomas Stocker sagt:

WSL-Forscher Martin Schneebeli, vor Kurzem zusammen mit Steffen Co-Autor einer Klimastudie, war zweimal mit dem WSL-Direktor auf Grönland-Expedition. «Er war ein Expeditionsforscher mit Leib und Seele», sagt er. Solche Expeditionen seien aufwendig, kompliziert und teuer. «Die klimatischen Verhältnisse sind extrem, die Arbeit auch körperlich hart, wenn man bei minus 20 Grad Celsius ein Instrument aufstellen muss.» Steffen gelang es, solch teure Expeditionen zum Laufen zu bringen, weil er ein hervorragender Netzwerker war, der die Wissenschaft, die Diplomatie und die Politik zusammenbrachte. Da halfen ihm auch die guten Beziehungen zur amerikanischen Forschung. Sogar in einer der weltweit bekannten Klima-Dokumentationen des ehemaligen US-Vizepräsidenten Al Gore hatte er einen Auftritt und zeigte darin im «Swiss Camp», wie das Grönland-Eis schwindet.

Grosses Verständnis für Zusammenhänge

«Koni Steffen war ein herausragender Polarforscher, der nicht nur in Grönland, sondern auch in der Antarktis tätig war. Er war Polarpionier, Wissenschafter durch und durch, aber auch Botschafter, kluger Verhandler und weiser Direktor», sagt Stocker. Alt Bundesrätin Doris Leuthard hatte als Umweltministerin immer wieder mit Steffen zu tun. 2017 war sie als Bundespräsidentin mit Steffen in Grönland unterwegs und besuchte das «Swiss Camp». «Koni Steffen war ein herausragender Forscher, international anerkannt und weltweit vernetzt. Er war für den Bund wertvoller Berater, Direktor und Sprachrohr in Sachen Klima.» Sie habe viel von ihm lernen und kennenlernen dürfen. Leuthard würdigt Steffen als «glaubwürdigen Wissenschafter mit grossem Verständnis für die komplexen Zusammenhänge unserer Umwelt.

Bestürzt zeigt sich auch ETH-Präsident Joel Mesot in einem Tweet: Mit Konrad Steffen zu arbeiten, sei immer ein Privileg gewesen. «Die letzte Zusammenarbeit bleibt das Klimazentrum in Davos.»

Klimastationen am Leben erhalten

Der Aufbau des «Swiss Camp» war ein Meilenstein. «Seine vielleicht grösste Leistung ist aber, dass er ein Netzwerk von Klimastationen über 30 Jahre aufrecht erhalten konnte», sagt Schneebeli. Damit könnten Klimaskeptikern die Veränderungen konkret aufgezeigt werden. «Er hat viel zum Verständnis das Schmelzens der grossen Eisschilde und der Gletscher beigetragen. Mit seinem Aufbau des Netzwerks hat er nicht nur eine Datengrundlage für die Wissenschaft geschaffen, sondern die Problematik der Klimaerwärmung in Grönland der Politik verständlich gemacht», sagt Schneebeli. Das sei zugleich auch sein Vermächtnis an die nächsten Generationen.

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Autor

Bruno Knellwolf

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