Interview

Tierpathologe über Tierliebe: «Wir vermenschlichen immer mehr – und das kann gefährlich werden»

Menschen leisten sich immer mehr Aufwand für ihre Tiere: Halterin mit Hund an der New Yorker Osterparade.

Menschen leisten sich immer mehr Aufwand für ihre Tiere: Halterin mit Hund an der New Yorker Osterparade.

Nicht immer bekommt den Tieren die Liebe der Menschen gut, sagt der Tierpathologe Achim Gruber. Es lauern nicht nur für den Menschen allerlei Gefahren. Mit dem nötigen Wissen könnten aber viele Dramen verhindert werden.

Sie sagen, dass unsere Haustiere oft leiden. Was ist das Problem?

Achim Gruber*: Wir vermenschlichen zum Teil immer mehr. Und das kann gefährlich werden. Sowohl beim Tier als auch beim Menschen. Werden Tiere zum Ersatz für fehlende Sozialpartner, so bekommt ihnen das nicht immer gut. Leider sehe ich als Pathologe viel zu viele Dramen, wenn Haustiere zu Kuscheltieren werden.

Welche negativen Konsequenzen müssen Tiere dadurch erleiden?

Wir Tierpathologen sehen da ein weites Spektrum an Krankheiten und Leiden bis zu Todesfolgen. Völlig falsche Ernährung oder mangelnde Hygiene mit Übertragungen von teils gefährlichen Erregern. Grosse Sorgen bereiten uns auch die Folgen von Zucht auf Schönheit oder Extravaganz, wenn diese auf Kosten der Tiergesundheit gehen.

Wie kann denn zu viel Tierliebe für das Tier tödlich sein?

Manchmal werden bei zu engem Kuscheln auch gefährliche Erreger übertragen. Typische Beispiele sind Chinchillas und Kaninchen, für die zu enger Körperkontakt tödlich enden kann. Ein Mädchen kam mal mit ihrem schon toten Chinchilla zu mir und fragte mit Tränen in den Augen, ob ich ihn noch retten kann. Leider war nichts mehr zu machen. Mir fiel auf, dass das Mädchen ein kleines Fieberbläschen an der Lippe hatte und fragte sie deshalb, ob sie ihren Chinchilla auch ganz fest lieb gehabt hatte. Sie sagte, dass sie viel mit ihm gekuschelt und es auch geküsst habe. Da war mir sofort klar, woran das kleine Tier gestorben war. An einem Todeskuss. Denn mit menschlichen Herpesviren, die Fieberbläschen auslösen, kann das Immunsystem eines Chinchillas nicht umgehen. Chinchillas und Kaninchen bekommen davon eine tödlich verlaufende Gehirnentzündung, für andere Tiere wie Hunde und Katzen ist dieses Virus aber ungefährlich.

Zu viel Kuscheln kann auch zu absurden Symptomen führen. Beispielsweise zu Schrumpfhoden, wie Sie in Ihrem Buch «Kuscheltierdrama» schreiben.

Ja, ein klassisches Kuscheltierdrama. So was sehen wir leider öfter, das ist wirklich kurios.

Wie kann das denn passieren?

Als Tierpathologe untersuche ich nicht nur tote Tiere, sondern kann anhand von kleinsten Gewebeproben lebender Tiere, die wir Biopsien nennen, herausfinden, an welcher Krankheit das Tier leidet. Eines Tages bekam ich eine Probe von einem Rottweilerrüden namens Haro. Seine Besitzerin brachte ihn in einem sehr schlechten Zustand zur Tierärztin. Haro zeigte kein Interesse mehr an Hündinnen, seine Hoden waren geschrumpft und er verlor sein Fell. Die Tierärztin war ratlos und schickte mir eine Hautbiopsie, um den Haarausfall zu klären.

Was war das Problem?

Ich fand heraus, dass er eine schwere Hormonstörung hatte. Die Frage war aber, warum? Dank etwas Detektivarbeit fand ich heraus, dass die Besitzerin ihren Haro abends gerne mit ins Bett nahm, um mit ihm intensiv zu kuscheln. Weil sie in den Wechseljahren war, strich sie sich vorher mit Östrogencrème ein. Haro mochte diese Crème und leckte sie beim Kuscheln von der Besitzerin ab. Dadurch nahm er eine hohe Dosis des weiblichen Hormons auf. Haro litt an einer Östrogenvergiftung! Nachdem das abendliche Kuscheln unterbunden wurde, erholte sich der Rottweiler und wurde wieder zum Casanova der Nachbarschaft.

Die wenigsten schmusen wohl so intensiv. Wo gibt es sonst Probleme?

Zum Beispiel bei der Ernährung. Es liegt ja im Trend, auf Fleisch zu verzichten und sich vegetarisch oder vegan zu ernähren. Seinem Hund oder noch schlimmer seiner Katze eine solche Ernährung aufzuzwingen, kann verheerende Folgen haben. Hunde könnte man theoretisch vegetarisch ernähren, man muss dabei sehr vieles beachten und bestimmte Stoffe zusätzlich ergänzen, damit es zu keinen Mangelerscheinungen kommt. Bei Katzen kann eine vegetarische Ernährung den Tod bedeuten. Dem Hund aber nur rohes Fleisch zu füttern, ist auch falsch. Der Begriff Fleischfresser ist hier irreführend. Er ist ein Raubtier, der seine Beute früher als Ganzes verspeiste. Also auch das Fell und die Organe. Hat er einen Pflanzenfresser gerissen, hat er beim Verspeisen des Magens auch Pflanzenfasern aufgenommen. Auch ein Hund braucht eine ausgewogene Ernährung, bei der man seine Natur berücksichtigen sollte.

Wäre es besser, wenn wir gar keine Haustiere hätten?

Im Gegenteil! Es ist für mich völlig okay, Haustiere zu haben. Und wenn man weiss, wie man richtig mit ihnen umgeht, fühlen sie sich auch wohl und bleiben gesund. Sie tun uns gut und sind eine Bereicherung für unser Leben. Für Kinder haben sie einen positiven Effekt auf ihre Entwicklung. Und für viele ist ihr Leben dank dem Haustier, gerade im Alter, weniger einsam.

Sie schreiben, dass nicht nur wir für unsere Tiere zur Gefahr werden können, sondern auch die Tiere für uns. Wo müssen wir vorsichtig sein?

Bei der Hygiene. Man sitzt zum Beispiel am Tisch, isst sein Brötchen, streichelt zwischendurch den Hund, der neben dem Tisch sitzt, und isst sein Brötchen weiter. Das ist eine schlechte Idee. Im Fell des Hundes können sich Eier von vielen Parasiten befinden. Von Darmparasiten, Spulwürmern, Hakenwürmern und natürlich des vielgefürchteten Fuchsbandwurms. Der ist nicht zu unterschätzen. Den Fuchsbandwurm holt man sich eben oft nicht bei Beeren im Wald, sondern von seinem Haustier. Der Hund kann die gefährlichen Eier genauso ausscheiden wie ein Fuchs, und im Fell können die über lange Zeit infektiös bleiben. Welcher Hund wälzt sich nicht mal gern im Kot anderer Hunde oder nimmt eine tote Maus auf?

Die Lösung ist wohl kaum, Hunde und Katzen nicht mehr zu streicheln?

Das wäre übertrieben und unnötig. Wenn man sich nach dem Streicheln die Hände wäscht oder der Hund sicher entwurmt ist, ist man auf der sicheren Seite. In Regionen, in denen der Fuchsbandwurm vorkommt, müsste man den Hund aber jeden Monat entwurmen, um auf der sicheren Seite zu sein. Und wer macht das schon?

Sie haben selber einen Hund. Was sind Ihre Regeln im Umgang?

Ich habe einen mittlerweile 13 Jahre alten kastrierten Mischlingsrüden, den wir aus dem Tierheim holten. Mir ist wichtig, das Tier Tier sein zu lassen und es seiner Natur entsprechend zu behandeln. Ich mag meinen Hund sehr, aber ich liebe ihn nicht wie einen Menschen. Er ist nicht mein bester Freund. Freunde suche ich bei den Menschen. Ich begegne ihm auch nicht auf Augenhöhe, sondern er weiss, wer der Chef ist. Hunde sind Rudeltiere und brauchen eine Hierarchie. Ist die nicht vorhanden, versucht er selber eine zu schaffen und das Kommando zu übernehmen. Mein Hund wird auch nie in meinem Bett schlafen. Wichtig ist mir zudem, dass ich Verantwortung für ihn übernehme. Das heisst, ich gehe zum Tierarzt, wenn ihm etwas fehlt. Leider warten Tierbesitzer oft zu lange, bevor sie den Tierarzt aufsuchen.

Gerade Hunde sorgen immer wieder für hitzige Debatten, wenn es um Kampfhunde geht. In manchen Kantonen ist das Halten gewisser Rassen verboten. Ist das richtig?

Die Frage ist, mit welchen Argumenten das Verbot begründet wird. Wenn ein Hund alleine aufgrund seiner Rasse auf so einer Verbotsliste landet, dann entspricht das nicht dem heutigen Stand der Kenntnis. Die Experten sind sich heute weitgehend einig, dass die Gene, also Rassezugehörigkeit, bei Aggressivität eine viel geringere Rolle spielen als früher angenommen Das Problem ist oft am anderen Ende der Leine! Viele solcher Hunde werden erst durch den Halter aggressiv gemacht. Also müsste der Halter auf so einer Liste sein, nicht sein Hund.

Neben Hunden sind auch Katzen beliebt. Wie geht es ihnen bei uns?

In der Regel besser. Sie sind deutlich weniger domestiziert und extrem gezüchtet. Anders als Hunde sind Katzen auch deutlich eigenwilliger und geben schnell zu verstehen, wenn ihnen etwas nicht passt. Ich glaube, dieses Selbstbewusstsein fasziniert Menschen an den Katzen. Viele Katzenhalter wünschen sich für sich selbst so einen starken Charakter, wie ihn ihre Katzen haben.

Oft stehen die Tierliebhaber vor der schwierigen Entscheidung, das Haustier teuer behandeln zu lassen oder allenfalls einzuschläfern. Wie ist Ihre Meinung zu diesem Dilemma?

Das muss jeder selber nach Beratung durch eine Tierärztin oder einen Tierarzt für sich entscheiden, so lange das Tierschutzgesetz nicht verletzt wird. In der Tiermedizin ist heutzutage vieles möglich. Von Schmerzmedikamenten bis zur künstlichen Hüfte, die bis zu 6000 Franken kosten kann. Mittlerweile führt man auch Chemotherapien durch oder operiert den grauen Star. Das wäre früher undenkbar gewesen. Dies zeigt gut, wie der Status der Tiere gestiegen ist, wie auch die Möglichkeiten der Besitzer. Auch nach dem Tod fühlen sich viele Tierbesitzer dem Tier verbunden. Wir Tierpathologen dürfen aber die Tiere für eine Bestattung dem Besitzer aus hygienischen Gründen nicht mehr herausgeben. Es kommt jedoch immer öfter vor, dass wir die Tiere einem Krematorium übergeben und die Tierbesitzer dann die Asche in einer hübschen und würdigen Urne bekommen.

Sie haben im Jahr etwa 1000 Tiere auf dem Seziertisch. Machen Sie diese Fälle betroffen?

Manche sind unvermeidbar und Routine, andere machen mich sehr nachdenklich. Mit entsprechender Aufklärung könnten manche Tragödien vermieden werden. Deshalb habe ich auch das Buch geschrieben. Die meisten gehen ja gut mit ihren Tieren um. Aber als Pathologe sehe ich, dass nicht nur Nutztiere und Versuchstiere Opfer für uns Menschen erbringen müssen, sondern auch unsere Haustiere. Und viele davon könnten durch etwas Aufklärung vermieden werden, wären nicht nötig. Deshalb will ich mich einmischen und den Tierhaltern ein paar Tipps und Tricks mit auf den Weg geben, damit es nicht zum Kuscheltierdrama kommt.

*Achim Gruber (53) ist Leiter der Tierpathologie an der Freien Universität Berlin und seit sechs Jahren Forschungsdekan der Tiermedizinischen Fakultät. In den Fokus der Öffentlichkeit geriet er 2011, als er zum Team gehörte, welches den berühmten Eisbären Knut des Berliner Zoos nach seinem Tod untersuchte.

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