Der Fall Britney Spears: Wie ein perverses Medien- und Justizsystem einen Weltstar zerstörte

Tief gefallen
Der Fall Britney Spears: Wie ein perverses Medien- und Justizsystem einen Weltstar zerstörte

Imago

Zuerst gefeiert, dann tief gefallen: Seit zwölf Jahren steht Britney Spears unter der Vormundschaft ihres Vaters. Nun wird Kritik laut.

Anna Miller
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In meiner Küche steht eine Henkeltasse, im Schrankfach über der Spüle, sie ist nicht besonders hübsch, aber sie bedeutet mir viel, sie ist weiss, und auf ihr steht: «Britney Spears survived 2007, you can handle today». Auf Deutsch: Britney Spears hat das Jahr 2007 überlebt, du kannst also den heutigen Tag überleben. Unter dem Slogan steht nonchalant made in China, ich habe sie in London ergattert und präsentiere sie jedes Mal, wenn eine Freundin zu mir kommt und Aufmunterung braucht.

Die Tasse fasst sehr gut zusammen, was mit dem Weltstar Britney Spears passiert ist. Wie eine junge Frau aus einem kleinen Dorf, in einer Liga mit Lady Gaga und Beyoncé, von uns allen kaputt konsumiert wurde.

Doch von vorn.

Die Spears-Chroniken

Die Single schlägt ein wie eine Bombe, das Video dazu markiert den Anfang einer steilen Karriere: Britney Spears trifft mit ihrer Rolle einer jungen Frau, die noch nicht erwachsen ist, aber nicht mehr unschul­dig, den Nerv einer Generation.

Warum wir gerade jetzt über den gefallenen Star Britney Spears sprechen, hat damit zu tun, dass «The New York Times» letzte Woche eine neue Dokumentation über den Popstar veröffentlichte. Sie heisst «Framing Britney Spears» und geht der Frage nach, warum Spears heute steht, wo sie steht: Nämlich unter Vormundschaft ihres eigenen Vaters, seit zwölf Jahren.

Wie es überhaupt so weit kommen konnte, dass es ihr verboten ist, Auto zu fahren, ohne Erlaubnis des Vormunds ihre beiden Kinder zu sehen. Dass ihr Vater über ihr gesamtes Vermögen entscheidet, über ihre Plattendeals, Bescheid weiss, wann sie ein Happy Meal bestellt und wohin, wenn überhaupt, sie in die Ferien fährt.

Seit letztem Jahr kämpft Britney Spears vor Gericht darum, ihren Vater als Vormund abzusetzen. Bisher erfolglos. Jetzt regt sich Widerstand. Menschen auf der ganzen Welt protestieren im Rahmen der Kampagne #freebritney in den sozialen Medien und auf der Strasse gegen die geltenden Vormundschaftsbestimmungen. Und verlangen, dass Britneys Wunsch, einen anderen Vormund zu erhalten als ihren Vater Jamie Spears, stattgegeben wird.

Auch Spears langjähriger Freund Sam Asghar unterstützt sie im Vormundschaftsstreit mit ihrem Vater.

Auch Spears langjähriger Freund Sam Asghar unterstützt sie im Vormundschaftsstreit mit ihrem Vater.

Keystone

Ein fehlerhaftes System, an dem Spears psychisch zerbricht

Im Film kommt auch die Frage auf, wer eigentlich ein Interesse daran hat, sie in Gefangenschaft zu halten, obwohl sie seit Jahren stabil performt, Tausende Konzerte gegeben hat, eine stabile Liebesbeziehung führt und immerhin 80 Millionen Dollar pro Jahr erwirtschaftete. Die Dokumentation zeigt nicht nur ein fehlerhaftes juristisches System auf, sondern rekonstruiert auch den Aufstieg und Fall des Popstars. Und wie gierig wir alle ein Stück Britney haben wollten – so sehr, bis sie am System und der ewigen Aufmerksamkeit um ihre Person psychisch zerbrach.

Schaut man sich das System Britney Spears an, sieht man zugleich, wie Erfolg funktioniert – nämlich dadurch, dass ein Mensch an Status und Einkommen gewinnt. Soziologisch ist der Aufstieg eines Menschen damit verbunden, dass andere ihn bewundern – und ihm freiwillig Status übertragen. «Das ist aber ein Nullsummenspiel», sagt Katja Rost, Professorin für Soziologie an der Universität Zürich.

Was heisst: Hebe ich jemanden auf einen Thron, gebe ich damit ein Stück meines eigenen Status an sie ab. Britney Spears wurde in den Neunzigerjahren zur Ikone einer Generation. Die Kombination aus Mädchen von nebenan und Sexsymbol, naiver Fragilität und Nahbarkeit; so verkaufte Platten und dominierte das Zeitgeschehen, Presse, Fernsehen, Bühne.

Wenn Britney Spears auf dem Zenit ihrer Karriere in die Kamera lächelte, sahen wir ein normales, nahbares Mädchen, eine junge Frau, zu der wir hochschauen konnten und gleichzeitig das Gefühl hatten, sie sei eine von uns. Sie war unverbraucht, stark, fröhlich. Doch oft wird genau das, wofür wir Menschen in den Himmel loben, irgendwann zu ihrem Fluch. Denn die Gruppe toleriert den eigenen Statusverlust nicht allzu lange. Rost erklärt:

«Grosser Erfolg und ökonomische Macht rufen Neid und Missgunst auf den Plan.»
Katja RostProfessorin für Soziologie an der Universität Zürich

Katja Rost
Professorin für Soziologie an der Universität Zürich

Die Bewunderung kippt in Verachtung, und wir beginnen, die Person zu «shamen», also zu demütigen. Um sie an ihren Platz zu verweisen. Um selbst nicht mehr so erfolglos dazustehen.

So lässt sich erklären, dass das öffentliche Bild von Britney Spears durch die Geburt ihres ersten Sohnes und ihre Ehe mit Kevin Federline einer der Hauptpunkte war, die ihr Ansehen in der Öffentlichkeit veränderten. Plötzlich war sie eine Mutter, die ihre Erziehung vermeintlich nicht im Griff, die Eheprobleme hatte, deren Leben auseinanderfällt.

Nur zu sehr erinnerte sie damit viele Menschen an ihre eigene Realität, an ihre eigenen Mängel. Nur, dass man sich, indem man sich über sie ausliess, mal ein paar Minuten von der eigenen Unzulänglichkeit befreien konnte. Sie fing an, sich von der Rolle des perfekten Mädchens zu befreien. Rasierte sich 2007 den Schädel. Und schlug mit einem Regenschirm auf das Auto eines Paparazzo ein, nachdem sie vergeblich versucht hatte, ihre Kinder zu sehen, ihr Ex-Mann ihr aber keinen Zutritt gewährte.

Wer würde in so einer Situation nicht die Nerven verlieren?

Während eines Interviews fragt sie eine Moderatorin, was sie sich am sehnlichsten wünsche. Sie antwortet unter Tränen, sie wolle einfach in Ruhe gelassen werden. Doch zu viele Akteure profitieren finanziell von ihrem Niedergang. Kaum ein anderes Foto der Sängerin brachte den Paparazzi so viel Geld wie dasjenige, das sie mit kahlem Kopf und Regenschirm zeigt, mit wutverzerrtem Gesicht.

Aufmerksamkeit ist ein zweischneidiges Schwert

Wer berühmt ist, dessen Marktwert steigt, sagt Katja Rost. Man müsse psychisch sehr stabil sein, um die Last des Erfolgs tragen zu können. Und abstrahieren, dass die Gesellschaft oft nicht in der Lage ist, für so ein Schicksal überhaupt Empathie aufzubringen. «Für viele ist Britney Spears kein Mensch, sondern eine abstrakte Kunstfigur», sagt Rost. Ein Produkt, das man konsumieren könne, kein verletzlicher Mensch mit Gefühlen.

Britney Spears ist im Grunde genommen nur ein weiterer Name in einer langen Reihe von Prominenten, die ihr Leben in der Öffentlichkeit irgendwann nicht mehr aushielten. Prinzessin Diana. Daniel Küblböck. Prinz Harry und Herzogin Megan. Whitney Houston.

Die Macht der Öffentlichkeit ist ein zweischneidiges Schwert: Wer bekannt werden will, braucht Visibilität, und Britney Spears hat das Rampenlicht über viele Jahre gesucht, davon ­gelebt, damit viel Geld verdient. Gleichsam verdienten alle anderen Betei­ligten an ihrem Erfolg: die Medien, die Familie, die Paparazzi, die Fans, die Unternehmen. Und so muss sich jeder, der bekannt ist, automatisch irgendwann die Frage stellen: Kann
ich dieser Person tatsächlich vertrauen? Geht es hier wirklich um mein eigenes Wohl?

Spears’ Vater erhält laut Gerichtsbeschluss 1,5 Prozent ihrer Einkünfte. Die Tochter zahlt nicht nur für sein Leben, sondern auch für seine und ihre Anwälte im Vormundschaftsprozess. Dass sie nie wieder über sich selbst bestimmen kann, ist finanziell profitabel.

Fans und Wegbegleiter entschuldigen sich nun öffentlich dafür, was Britney Spears, durch den Fleischwolf einer Medien- und Musikindustrie gedreht, angetan wurde. Dies, nachdem treue Fans über Monate minutiös jeden ihrer Posts analysierten. Feststellten, warum sie nicht mehr an die Öffentlichkeit tritt. Spekulierten, dass jemand ihre Accounts kontrolliert, sie gegen ihren Willen in eine Klinik eingeliefert wurde. Dabei war es für uns alle offensichtlich. Schon 2007.

But the show must go on.

Hier gehts zum Trailer von «Framing Britney Spears»:

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