#Textmewhenyougethome
Die Angst der Frauen nachts auf der Strasse ist statistisch unbegründet – aber sie hat bekannte Wurzeln

Nachdem in England eine Frau auf dem Nachhauseweg umgebracht wurde, reden Frauen weltweit über ihre Unsicherheit auf dem Heimweg. Statistisch gesehen, ist die Furcht unbegründet. Doch die Zahlen zeigen das Problem nicht.

Karin A. Wenger
Merken
Drucken
Teilen
Die Angst der Frauen ist diffus. Sie wächst aus den alltäglichen Belästigungen.

Die Angst der Frauen ist diffus. Sie wächst aus den alltäglichen Belästigungen.

Bild: Christian Beutler/Keystone

«Ich kann mir das Gefühl gar nicht vorstellen, wie es ist, ganz ohne Angst in der Nacht nach Hause zu gehen.» – Pascale, 26

«Ich überlege mir immer: Hört mich jemand, falls ich schreie? Ich bin nicht ängstlich, doch im Dunkeln kippt es. Dann nehme ich die Schlüssel in die Hand, um mich notfalls wehren zu können. Manchmal tu ich so, als ob ich telefoniere.» – Mira, 24

«Wenn ich abends nach Hause laufe, bin ich immer voll präsent, ich achte auf jedes Geräusch. Ich überlege mir, welcher Weg der sicherste ist, und ich teile meinen Handy-Standort mit meinem Mann.» – Vera, 30

Die Frauen, mit denen wir für diesen Text gesprochen haben, sind keine Einzelfälle: Seit einer Woche erzählen weltweit Frauen auf Social Media unter #textmewhenyougethome («Schreib mir, wenn du zu Hause bist»), wie sie sich fühlen, wenn sie abends alleine unterwegs sind. Für viele ist es dabei normal, Massnahmen für ihre Sicherheit zu treffen.

Der Auslöser der Diskussion ist der Mord der 33-jährigen Britin Sarah Everard, die Anfang März eine Freundin besuchte und sich gegen 21 Uhr auf den Heimweg machte. Sie kam nie zu Hause an. Schliesslich wurde ihre Leiche in einem Wald gefunden. Der mutmassliche Täter ist ein Polizist.

Zu Hause erleben Frauen mehr körperliche Gewalt

Die Gefahr, dass in der Schweiz eine Frau in der Öffentlichkeit umgebracht wird, ist statistisch gesehen gering: Von den 535 Personen, die hierzulande zwischen 2009 und 2019 getötet wurden, waren etwas mehr als die Hälfte Frauen oder Mädchen. Drei Viertel dieser Tötungen fanden im häuslichen Bereich statt. Auch sexualisierte Gewalt geschieht mehrheitlich bei jemandem zu Hause.

«Bei Vergewaltigungen ist das stereotype Bild extrem verbreitet, dass ein fremder Mann im Dunkeln angreift. Halt die Bilder, die wir aus Filmen kennen.»

Das sagt Agota Lavoyer, die stellvertretende Leiterin von Lantana, der Fachstelle Opferhilfe bei sexualisierter Gewalt in Bern. An den Mythos, dass die meisten Vergewaltiger Fremde sind, glaubten viele, Frauen wie Männer, doch er ist falsch. Rund vier Fünftel ihrer Klientinnen kannten den Täter. Meist war es etwa ein Freund, ein Date oder ein Arbeitskollege.

Alleine im Dunkeln zu gehen kann nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer unangenehm sein. «Wenn mir zu später Uhrzeit in einer dunklen Ecke eine Gruppe Betrunkener begegnet, wird es mir mulmig», sagt Fabio, 32. Laut der polizeilichen Kriminalstatistik sind Jungs und Männer öfter von minderschwerer Gewalt betroffen, wozu einfache Körperverletzung, Raub oder Nötigung zählen. In diesen Kategorien waren von 2009 bis 2019 knapp 58 Prozent der Opfer männlich. Trotzdem scheinen sich Männern weniger zu fürchten. Was macht den Frauen nachts so Angst, dass sie ihre Schlüssel umklammern?

Wie weit würde einer gehen, der derbe Sprüche klopft?

Die diffuse Angst nachts alleine draussen basiert auf den scheinbar kleinen, alltäglichen Grenzüberschreitungen. «Ich habe nicht dauernd Angst, dass mir etwas so Schlimmes passiert wie der Britin», sagt Mira, «es hat damit zu tun, dass ich ständig belästigt werde, und das ist unfassbar unangenehm.»

Es sind Situationen wie vergangene Woche, als Mira spät abends auf fünf Jungs trifft, die ihr nachrufen: «Hey! Hey! Bleib stehen! Sprich mit uns!» Es sind Vorfälle wie der Mann, der Sandra auf dem Fussgängerstreifen beim Vorbeigehen zwischen die Beine greift. Oder die Männer, die an Fabia im Auto vorbeifahren und rufen: «Hey, dürfen wir Fotze lecken?»

Es sind Männer, welche die Grenzen einer Frau überschreiten, oft nur verbal. «Doch wie weit gehen sie mit ihrer Belästigung?», fragt Mira. Fabia sagt, sie zeige einen Fremden nicht an, wenn er ihren Hintern anfasse, solche kleinen Vorfälle fehlen deshalb in Statistiken.

«Um mich als Opfer zu fühlen, muss ich nicht von einem Penis penetriert werden.»

Sexuelle Belästigungen sind in der Schweiz weit verbreitet, wie eine Studie des Instituts GFS Bern zeigt. 59 Prozent der Frauen ab 16 Jahren gaben an, Belästigungen in Form unerwünschter Berührungen, Umarmungen oder Küsse erlebt zu haben. Auch sexuell suggestive Kommentare und Witze, einschüchterndes Anstarren sowie unangenehme Avancen wurden oft genannt. Diese Formen von Belästigungen finden zu einem grossen Teil im öffentlichen Raum statt: 56 Prozent der Frauen wurde auf der Strasse bedrängt, etwas weniger als die Hälfte im öffentlichen Verkehr oder in Bars und Clubs.

Mira sagt, ihr selbst sei noch nie etwas Schlimmeres passiert. Doch wie viele hat sie Freundinnen, die Übergriffe erlebten. Laut der GFS Studie kennen zwei Drittel persönlich andere Frauen, die sexuell belästigt wurden, die Hälfte kennt jemanden, die ungewollt sexuelle Handlungen erleben musste.

«Stellen wir uns eine Pyramide vor: Zuoberst ist der Femizid, ganz unten ist Sexismus», sagt Agota Lavoyer. Es fange damit an, dass einer jungen Frau «geiler Arsch!» nachgerufen werde, und wenn sie jemandem davon erzähle, weil es ihr unangenehm war, sei die Reaktion sehr oft: «Nimm es doch als Kompliment, er hat das nicht so gemeint.»

Diese Typen machen Sprüche, weil sie mächtiger sind

Das hinterlasse Spuren: «Jungen Frauen wird beigebracht, dass sie ihrer Wahrnehmung nicht trauen sollen, und es zementiert das Bild von infantilen, triebhaften Männern, die nicht wissen, wo die Grenzen der Frauen sind.» Dies sei ein weiterer Irrglaube. Männern, die sexuell übergriffig sind, gehe es nicht um einen Flirt oder Lust, sondern um Macht, erklärt Lavoyer.

«Sie tun es, weil sie es können, und es ist ihnen völlig egal, wie es dem Gegenüber dabei geht.»

Dieses Gefühl kennt Fabia: «Mein Nein zählt nicht. Wenn ich im Club sage, dass ich nicht flirten will, wird das nicht respektiert – ausser ich sage, ich hätte einen Freund oder wenn ein anderer Mann findet: ‹Lass sie in Ruhe.›»

Die Grenzen der Frauen werden nicht respektiert

Zum Klima der Angst trägt auch die Sozialisierung bei, so prägen Eltern ihren Mädchen ein, vorsichtig zu sein, bei den Söhnen sagen sie nichts. «Aber die Angst muss man nicht wirklich anerziehen, sie entsteht schlicht dadurch, dass junge Frauen immer wieder erleben, dass ihre Grenzen nicht respektiert werden», sagt Lavoyer. Sie plädiert für einen gesellschaftlichen Wandel.

Mit dem gleichen Eifer, mit dem man Mädchen in Selbstverteidigungskurse schicke, sollten Jungs über Sexismus aufgeklärt werden, sagt die Fachfrau Lavoyer. Nur so könne eine Gesellschaft entstehen, in der Frauen keine Angst mehr hätten. Auch Diskussionen wie #textmewhen­yougethome stuft sie als wertvoll ein. Die eingangs zitierte Vera appelliert an die Männer: «Hört zu! Fragt eure Schwestern, die Freundin, die Kolleginnen, wie sie es erleben, und nehmt sie ernst.»

Bei Benjamin, 28, hat #textmewhenyougethome bereits etwas ausgelöst. Abends unterwegs falle es ihm schon lange auf, wenn es einer Frau vor ihm unangenehm sei. «Das stresst mich dann irgendwie auch und ich versuche, Abstand zu halten», sagt er. Nun, im Zusammenhang mit dem Mord in London, habe er gelesen, dass er in solchen Situationen die Strassenseite wechseln sollte. «Das ist eine gute Idee, weil es für sie angenehmer ist und für mich keine grosse Sache.»

Die Opferhilfe Schweiz berät Betroffene von sexualisierter Gewalt kostenlos und vertraulich. opferhilfe-schweiz.ch.