Medizin
Erfolg für Schweizer Forscher: Der Gesundheitszustand von Raucherlungen-Patienten konnte mit Telemedizin deutlich verbessert werden

Medizinische Fernbetreuung könnte in Zukunft bei chronischen Krankheiten eine wichtige Rolle spielen. Eine Schweizer Studie zeigt deren positive Effekte bei Raucherlungen-Patienten.

Bruno Knellwolf
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Telemedizin ist auch bei Diabetes im Einsatz.

Telemedizin ist auch bei Diabetes im Einsatz.

Javier Zayas/Getty

Viele Menschen leiden an einer Raucherlunge. Die Krankheit COPD betrifft 7 bis 10 Prozent der Erwachsenen, zunehmend mit höherem Alter und die Prognose ist düster. «Seit 2017 ist COPD die dritthäufigste Todesursache. Sieben Prozent der Todesfälle gehen auf die Raucherlunge zurück», sagt der Lungenarzt Martin Brutsche von der Klinik für Pneumologie am Kantonsspital St.Gallen.

Wie der Begriff sagt, ist der häufigste Grund für diese Krankheit das Rauchen. Das gilt für die Schweiz, aber nicht international. Weltweit sind viele Frauen in Entwicklungsländern betroffen, nicht wegen des Rauchens, sondern wegen des Kochens an offener Feuerstelle in geschlossenen Innenräumen. Eine weitere Ursache für Raucherlungen ist der Feinstaub, der bei thermischen und chemischen Prozessen entsteht. Nur schon eine ganz geringe Feinstaub-Erhöhung durch Industrie und Verkehr schwächt die Lungenfunktion der Bevölkerung.

Eine Heilung gibt es nicht

Die Schäden durch eine Raucherlunge sind irreversibel, die Bronchien und Lungenbläschen sind beschädigt. Der Sauerstoff-Transfer ins Blut leidet. Atemnot, fehlende Leistungsfähigkeit, Husten und Auswurf sind die Folgen. Für Raucherlungen-Patienten gibt es keine Heilung, deshalb ist die Symptomkontrolle entscheidend für die Erhaltung einer bestmöglichen Lebensqualität. Damit die Luft reicht zum Beispiel fürs Treppensteigen.

Neben der wichtigsten Massnahme, dem konsequenten Rauchstopp, kommen vor allem Inhalationstherapien zum Einsatz. Diese haben das Ziel die tägliche Atemnot und Krankheitsschübe zu reduzieren. Denn für COPD-Patienten ist es typisch, dass die Krankheit in Schüben verläuft. «Mehr als die Hälfte der Patienten ist davon betroffen», sagt der Lungenspezialist Brutsche.

Diese plötzliche schubweise Verschlechterung führt dann oft zur Spitaleinweisung. Die Schübe verschlechtern das Leben der COPD-Patienten stark und führen auch zu hohen Gesundheitskosten. Deshalb geht es darum, die Betroffenen frühzeitig zu behandeln, um die Heftigkeit der Schübe zu reduzieren. Bisher konnte aber keine Studie mit Inhalationsmedikamenten zeigen, dass man die Krankheit im Langzeitverlauf verbessern kann.

Hier setzt die kürzlich veröffentlichte Telemedizin-Studie an, welche das Kantonsspital St.Gallen in Zusammenarbeit mit den Universitätsspitälern von Basel und Zürich, die Kantonsspitälern Münsterlingen und Glarus, sowie den Fachkliniken Wangen im Allgäu erarbeitet hat. In der im «Journal of Internal Medicine» veröffentlichten Studie wurde die telemedizinische Betreuung von 168 Raucherlungen-Patienten untersucht. Die Raucherlungen-Patienten wurden zum Vergleich sechs Monate normal behandelt und sechs Monate telemedizinisch betreut.

Um 50 Prozent bessere Resultate

Die Studie unter Führung von Martin Brutsche und Frank Rassouli zeigt nun, dass sich der Zustand der Raucherlungen-Patienten in der telemedizinisch betreuten Phase viel weniger stark verschlimmerte als in der Zeit der Standard-Methode. Und zwar um 50 Prozent. Brutsche sagt:

«Die Patienten fühlten sich besser behütet.»

Sogar wenn diese in Mallorca in den Ferien waren und dort vermehrt Symptome hatten. Dann leuchtete im Cockpit die Stufe rot und der Patient erhielt aus der Heimat die nötigen Ratschläge. Das ergab für den Patienten eine gewisse Sicherheit auch im Ausland.

Die Studienresultate zeigten auch, dass die telemedizinisch betreuten Patienten mehr milde Verläufe der COPD-Schübe hatten. Solche milderen Verläufe würden gemäss dem Lungenarzt sonst oft unter dem Radar der medizinischen Beobachtung verlaufen. Dank der Telemedizin konnte auch in diesen Fällen interveniert werden, womit schlimmere Folgen verhindert werden konnten. Zum Beispiel längere Spitalaufenthalte.

Telemedizin mit einer App

Die telemedizinische Betreuung der Patienten erfolgte über eine App auf dem Smartphone über die Plattform e-vita von der Swisscom. Die Probanden mussten dabei täglich fünf Fragen zu ihrem Gesundheitszustand beantworten, und so die Entwicklung der Krankheit protokollieren. Wenn die Daten auf e-vita eine Verschlechterung des Gesundheitszustands zeigten, wurde bei Stufe rot automatisch der Kontakt zum Patienten hergestellt, um die richtigen Massnahmen einzuleiten. Zum Beispiel, um ihn zum Inhalieren anzuregen oder zum Hausarzt zu schicken oder ins Spital. Auslöser der Massnahmen war eine Study-Nurse, die am PC über ein Cockpit über den Gesundheitszustand der Patienten informiert wurde. Die telemedizinische Betreuung ist somit ein Frühwarnsystem, in welcher der Patient eine entscheidende Rolle spielt.

Auch bei anderen Krankheiten sinnvoll

Der in der Studie nachgewiesene Erfolg der Telemedizin bei Raucherlungen-Patienten könnte sich auch bei anderen Krankheiten bewähren. «Im Prinzip bei allen Nichtübertragbaren Krankheiten», sagt Brutsche. Also bei allen chronischen Erkrankungen wie die Stoffwechselkrankheiten Adipositas und Diabetes wie auch bei kardiovaskulären und onkologischen Krankheiten.

Denn bei chronischen Erkrankungen sind die Patienten gesund und krank zugleich. Trotz der Erkrankung will die Betroffene so normal leben wie möglich, braucht dafür aber eine ständige medizinische Begleitung. Und für diese eignet sich die Telemedizin in besonderem Masse. Im Gegensatz dazu brauchen akut Kranke, eine sofortige Behandlung beim Arzt oder im Spital.

Implantierte Sensoren bei Diabetes-Patienten

Telemedizinische Behandlungen werden zum Beispiel bereits bei Diabetes angewandt mit einer Zuckerkontrolle über einen implantieren Sensor. «Da gibt es auch schon Closed-Loop-Systeme, bei der das System nicht nur kontrolliert, sondern auch das Insulin abgibt», sagt Brutsche.

Viele haben heute Lifestyle-Gadgets am Arm oder als App auf dem Smartphone, welche die Schritte und vieles mehr zählen. Diese Messungen allein sind noch keine Telemedizin. Zu Telemedizin wird es erst, wenn aus den gesammelten Daten, eine Reaktion erfolgen kann, welche die Gesundheit eines Menschen verbessert. Auf der anderen Seite muss also der medizinische Spezialist stehen, der aus den Daten etwas macht.

Telemedizin könnte zudem ein Weg sein, um spezialisierte Medizin auch in Randgebieten zu ermöglichen. Damit könnten auch jene Gebiete medizinisch versorgt werden, in denen die Bewohner nach einer im März veröffentlichten Studie im Nachteil sind, weil sie weit weg von einem Zentrumsspital mit Spezialisten wohnen. Telemedizin wäre eine Möglichkeit, um den geografischen Nachteil digital zu verkleinern.

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