Spekulationsware Wohnraum: Die grosse Vertreibung aus unseren Städten

Investoren handeln immer häufiger mit Wohnraum. Deshalb steigen die Mieten und machen den Hauptanteil der Lebenskosten aus. Arbeiter müssen sich oft nach einer günstigeren Bleibe umsehen. Ein Beispiel aus Basel.

Sabine Kuster/Sebastian Borger
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Die Mieten steigen, die ehemaligen Bewohner können sie sich nicht leisten: In den Städten werden Wohnraum und Mieter immer mehr zur Spekulationsware. Manche Investoren erstehen sogar lieber ein unbewohntes Gebäude. (Bild: Christian Beutler/Keystone)

Die Mieten steigen, die ehemaligen Bewohner können sie sich nicht leisten: In den Städten werden Wohnraum und Mieter immer mehr zur Spekulationsware. Manche Investoren erstehen sogar lieber ein unbewohntes Gebäude. (Bild: Christian Beutler/Keystone)

Im Basler Quartier Schoren beim Badischen Bahnhof wurde allen 196 Bewohnern von zwei Blöcken gekündigt. Der CS-Immobilienfonds lässt die Wohnungen sanieren, obwohl die meisten noch in gutem Zustand sind. Bisher wohnte hier der untere Mittelstand, viele vor Jahrzehnten aus dem Balkan zugezogen, in Wohnungen mit bezahlbaren Mieten. Zwei- bis Dreizimmerwohnungen kosten zwischen 1000 und 1700 Franken. Innenstadt und ÖV-Anschluss sind nah.

Es gibt genug Leute auf Wohnungssuche in Basel, die sich die Mieten nach der Sanierung leisten können. Egal wie hoch sie sein werden. 80 Prozent der Schweizer Bevölkerung wohnt in urbanem Gebiet. Weil da die Jobs sind, aber auch das kulturelle Vergnügen, die medizinische Versorgung, die letzten Fachhändler.

Gentrifizierung nennt man es, wenn die Mieten steigen und die alten Bewohner verdrängt werden. Auf der gegenüberliegenden Strassenseite ist sie schon Realität: Perfekt sanierte winzige Reiheneinfamilienhäuschen und moderne neue Wohnblöcke. Nur direkt beim Badischen Bahnhof gibt es noch Industrie. Das Quartier bietet eine gute Perspektive für Immobilienbesitzer. Und eine hoffnungslose für die Schoren-Blöcke-Bewohner.

Viele gehen davon aus, dass sie sich die neue Miete nicht werden leisen können und suchen anderswo, möglichst nah. Eine Frau, die mit Mann, Sohn, Schwiegertochter und Enkel im Block wohnt, sagt:

«Ich will hier bleiben, hier, hier, hier! Wohnung, Küche, die Nachbarn, alles gut.»

Sie sei nervös, schlafe schlecht. Ein pensionierter Schweizer, aufgewachsen in Serbien, vor Jahren erkrankt an Morbus Bechterew, hat in einer nahen Genossenschaft sogar eine noch billigere Wohnung gefunden. «Wir sollten alle genossenschaftlich leben», philosophiert er.

Vertrieben aus der Stadt

Weltweit werden Tieflohnarbeiter aus den Städten vertrieben. Wie extrem die Lage weltweit geworden ist, zeigt der Dokfilm «Push – Für das Grundrecht auf Wohnen». Die Protagonistin und UNO-Sonderberichterstatterin für das Recht auf angemessenes Wohnen, Leilani Farha, besucht Städte wie Barcelona, Berlin, Toronto, Santiago de Chile, New York, London. Und zeigt Zustände, die über das Phänomen der Gentrifizierung hinausgehen: Es gibt Immobilienbesitzer, die gar nicht mehr an Mietern interessiert sind. Denn die Mieter machen eine Liegenschaft als Anlageobjekt träge. Sie können sich beschweren, Sanierungen fordern, man muss mit ihnen kommunizieren.

In London stehen deswegen trotz extremer Wohnungsnot ganze Strassenzüge fast leer. Investoren aus aller Welt, von russischen und griechischen Oligarchen über arabische Ölscheichs bis hin zu US-Investmentfonds kaufen teure Häuser und verwenden sie als Spekulationsobjekte.

Kommunalbeamte in Nobelvierteln wie Chelsea, Kensington und Mayfair sprechen von London bereits als der «teuersten Ödnis der Welt».

Auch in der Schweiz gibt es das Problem, doch hier hat es noch eine andere Ursache. Donato Scognamiglio, Chef des Immobilienberaters Iazi, sagt:

«Normalerweise investierte man sein Geld stärker in Aktien und Obligationen. Und weniger in Waschküchen und Nachbarkonflikte.»

Doch seit die Nationalbank mit Negativzinsen den Exportmarkt vor einem zu teuren Franken schützt, ist es weniger interessant, Geld bei Banken zu sparen. «Also sagen sich viele: Mit Immobilien habe ich wenigstens eine positive Rendite und konstante Erträge», sagt Scognamiglio.

Den Jungen fehlt das Geld

Es trifft nicht mehr nur die Unterschicht. Im Film «Push» sagt die Sonderberichterstatterin: «Die nächste Generation könnte die erste sein, die sich kein Eigenheim mehr leisten kann, wenn sie nicht von den Eltern geerbt hat.»

Jacqueline Badran, SP-Nationalrätin. (Bild: Keystone)

Jacqueline Badran, SP-Nationalrätin. (Bild: Keystone)

Das macht die Menschen wütend. «Man kann doch Immobilien nicht mit Gold gleichstellen», sagt Jacqueline Badran. Die Ökonomin und SP-Nationalrätin ist schon lange wütend.

«Boden ist wie Luft und Wasser – jeder braucht es zum Leben. Der Boden aber ist beschränkt vorhanden. Es ist Lebensraum, den wir zwangskonsumieren müssen.»

Wir würden gerade eine Re-Feudalisierung der Welt erleben: Als Arbeitende liefern wir unseren Zehnten an die modernen Landvögte ab. «Die Miete ist unser grösster Ausgabeposten!» Ungerechtigkeiten gibt es noch mehr: Immobilienbesitzer machen mehrfach Rendite ohne Leistung. Der Wert ihres Grundstücks steigt wie durch Zauberei, wenn es plötzlich Bauland wird und noch einmal, wenn eine Stadt rund herum Schulen, Strassen und Spitäler baut – was mit Steuern finanziert wird.

Die Wohnungsnot hat die Politik erreicht. 80 Vorstösse zu gemeinnützigem Wohnungsbau gebe es aktuell in der Schweiz, sagt Scognamiglio. Letzte Woche wurde in New York ein Gesetz verabschiedet, das die Rendite der Immobilienbesitzer einschränkt. Diesen Dienstag beschloss der Senat in Berlin einen Mietendeckel: Die Mieten dürfen fünf Jahre lang nicht erhöht werden. Und überhöhte Mieten sollen gesenkt werden.

Immer weniger private Immobilienbesitzer

Anders in Bern: Dort beschloss das Parlament diesen Donnerstag die erlaubte Rendite über dem Referenzzinssatz von 0,5 auf 2 Prozent zu erhöhen. Denn Kritiker befürchten, dass Restriktionen den Neubau von Wohnungen bremsen. Allzu sehr wagt es die Politik nicht, den Immobilienmarkt zu beschneiden, weil da und dort ein Privater auch Immobilienbesitzer ist.

Nur zeigt ein Blick in die Statistik, dass der Anteil an Immobilien in Privateigentum gesunken, jener von Firmen gestiegen ist. Noch besitzen die Privaten 40 Prozent aller Immobilien in der Schweiz, Aktiengesellschaften und GmbHs 36 Prozent – und Immobilienfirmen nur 9 Prozent. Aber das ändert sich. 2018 wurden in Basel Immobilien wie folgt gebaut: 30 Prozent durch Immobilienfirmen, 30 Prozent durch AGs und GmbHs und nur 7 Prozent durch Private. Badran sagt, wenn die Mieten nur an ein paar wenige bezahlten würden, dann sei das eine Massenvernichtung an Kaufkraft.

«Hier geht es nicht um Joghurts und Lippenstifte. Der Schweizer Bevölkerung fehlen so jedes Jahr 15 Milliarden. Das verträgt eine Volkswirtschaft auf die Länge nicht.»

Sie glaubt, dass die Preisfrage im Immobilienmarkt zur grossen wirtschaftspolitischen Frage des Jahrhunderts wird.

Die Lösungen? Die ETH-Forscherin Sibylle Wälti sagt, mit mehr Wohnungen in den Städten würden sich die Mieten senken. Skeptiker sagen, dass das Bedürfnis an Wohnraum in der Stadt nie gestillt werden könne und so viel Geld im Umlauf sei, dass Privatpersonen noch lange überboten würden. Also braucht es wohl gleichzeitig, was die politischen Vorstösse fordern: Mehr staatliche oder genossenschaftliche Wohnungen, aber auch ein strenges Mietrecht oder sogar Verbote wie in Neuseeland, wo seit einem Jahr Ausländer keine Häuser mehr kaufen dürfen.

Eine Frage bleibt: Warum wollen die Schorenbewohner nicht aufs schöne Land ziehen? In der Schweiz, wo die Pendlerwege relativ kurz sind, hat es mit der Aufwertung der Städte zu tun. Sogar Familien wollen heute lieber bleiben.

Der Film «Push – für ein Grundrecht auf Wohnen» läuft nächste Woche noch im Kino Kosmos in Zürich und in Schwyz.