Familiengründung
Späte Vaterschaft: Wenn der Opa selbst gerade Papi wird

Frauen, die erst nach 40 Mutter werden, sind längst in die öffentliche Diskussion gerückt. Doch auch das Alter der Väter steigt. Bewusst entscheiden sich manche im letzten Drittel ihres Lebens zur Vaterschaft. Das bringt Kindern nicht nur Vorteile.

Claudia Marinka
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Späte Elternschaft ist zur gesellschaftlichen Norm geworden. Die demografische Entwicklung der späten Väter zeigt: Im Jahr 1979 waren in der Schweiz gerade mal 29 Väter bei der Geburt ihres Kindes über 60 Jahre alt, vergangenes Jahr waren es bereits fünfmal mehr, nämlich 143. Das zeigen die neusten Zahlen des Bundesamtes für Statistik. Damals war die Mehrheit der Männer bei der Geburt ihrer Kinder rund 29 Jahre alt, im Jahr 2012 bereits 34 Jahre.

Innerhalb von 33 Jahren hat sich das Alter der frischgebackenen Väter damit um fünf Jahre nach hinten verschoben. Die Zahl der Männer im Alter von über 50, die eine Familie gründen, hat sich in den letzten Jahrzehnten gar verdreifacht. Prominentes jüngstes Beispiel ist der Ex-Kurdirektor von St. Moritz: Hans Peter Danuser, bereits Vater von zwei erwachsenen Söhnen, wird mit 67 zum dritten Mal Vater. Seine Gattin ist 36 Jahre alt.

Männer, die im Grossvateralter noch Kinder zeugen – für die einen eine absehbare gesellschaftliche Entwicklung, für die anderen Anlass zur Kritik. Fest steht: Die Lebenserwartung hat sich verlängert, Altersgrenzen und familiäre Rollenbilder haben sich relativiert und werden neu interpretiert. Partnerschaft und Familie haben sich verändert – bleibt die Tatsache, dass Männer bis ins hohe Alter fruchtbar sind. «Es ist ebenfalls eine Tatsache, dass Männer nach partnerschaftlichen Trennungen oder Scheidungen schnell wieder eine neue Beziehung eingehen, falls diese nicht schon vorher bestand, vornehmlich mit jüngeren Frauen», sagt Psychologin Pasqualina Perrig-Chiello.

Vaterschaft diesmal auskosten

Neu sei, dass diese neue späte Vaterschaft in der Regel ein bewusster und freiwilliger Entscheid sei. Dieses flexiblere Verständnis und die Gestaltung des eigenen Lebenslaufes erlaube neue Rollen. «So etwa, dass ein Mann gleichzeitig Grossvater und wieder Vater wird», sagt Perrig-Chiello. Das werde wohl künftig noch zunehmen und zu einer statistisch gesehen neuen «Normalität» führen.

Die jungen Paare sind zumeist mit dem Aufbau ihrer Karriere sowie mit der Befriedigung ihrer Freizeitwünsche so ausgefüllt, dass Kinder nicht erste Priorität sind. Der zunehmende Trend der späteren Vaterschaft wird laut Perrig-Chiello einen zunehmenden Einfluss auf die Gestaltung von familiären und gesellschaftlichen Normen gewinnen. Das heisst, das Wort «Vater» bekommt eine breitere, diversifizierte Bedeutung. Die Vorstellungen zu Elternschaft, Erziehung und Eltern-Kind-Beziehung würden sich dadurch langfristig ändern, sagt die Psychologin von der Universität Bern.

Männer, die im letzten Drittel ihres Lebens mit einer neuen Frau nochmals Kinder zeugen, werden im Fachjargon «Start-over-Dads» genannt. «Es ist eine zweite Chance, ein neuer Anlauf, die Vaterschaft und das Familiensein bewusster zu erleben und zu geniessen, welche in jungen Jahren der Karriere geopfert wurden», sagt Perrig-Chiello. Manchmal stehe auch ein «Verjüngungsmotiv» dahinter. Eine solche Situation sei für die (zumeist) erwachsenen Kinder aus der ersten Ehe nicht einfach zu ertragen. Sie hätten ja einen ganz anderen Vater erlebt. Es drohe die Gefahr, dass die Beziehung abgebrochen wird. Perrig-Chiello: «Wer meint, immer noch eine zweite Chance zu haben, nutzt womöglich die erste nicht.»

Mehr Mutationen im Erbgut

Die gesellschaftliche Akzeptanz ist das eine. Das andere ist das gesundheitliche Risiko für das ungeborene Kind. So ist laut Medizinern das Risiko, ein autistisches Kind zu zeugen, bei einem 50-jährigen Vater doppelt so hoch wie bei einem 25-jährigen. Je älter der Mann, umso grösser das Risiko, dass er seinem Nachwuchs defektes Genmaterial mitgibt. Während bei der Frau von Geburt an alle Eizellen da sind, werden beim Mann die Spermien zeitlebens neu gebildet durch Teilen und Kopieren der DNA-Stränge. Mit jeder Teilung steigt das Risiko, dass sich kleine Fehler einschleichen und «fehlerhafte Gene» produziert werden. Isländische Forscher lieferten jüngst Zahlen. Demnach gibt ein 20-jähriger Vater 25 neue Erbgut-Mutationen weiter, ein 36-jähriger bereits 50 – und ein 53-jähriger 100. Eine Mutter dagegen gibt unabhängig von ihrem Alter rund 14 Mutationen weiter.

Unter soziologischen Gesichtspunkten bedeutet späte Familiengründung, dass die Eltern ihre Kinder ohne grossen Karrieredruck erziehen können. «Bei einer allgemeinen Lebenserwartung von 80 bis 85 Jahren gilt 40 oder 50 nicht mehr als ‹alt›. Somit ist man heute mit 45 keineswegs alt, sondern ‹im besten Alter› und für eine Familiengründung gerade reif genug», sagt die bekannte deutsche Psychotherapeutin Anna Schoch. Hinzu komme, dass ältere Väter und Mütter finanziell abgesichert seien und sich ganz dem Familienglück widmen könnten.

Anders sieht Schoch es, wenn späte Väter bereits das 70. Lebensjahr überschritten haben. In diesem Fall könne es für die Kinder in der Schule peinlich werden, wenn die Klassenkameraden einen Vater vorweisen könnten, der sie mit dem Mountainbike abholt und mit ihnen Fussball spiele. Hinzu kommt, dass Kinder mit Vätern über 70 diesen möglicherweise früh verlieren.

Vaterverlust gefährdet Kinder

Denn: Ein Verlust des Vaters in jungen Jahren birgt ein Risiko für die Entwicklung des Kindes. Der renommierte deutsche Neurologe und Psychoanalytiker Horst Petri untermalt dies mit Zahlen aus den USA: Aus vaterlosen Familien stammen 63 Prozent der Jugendlichen, die Suizid begangen haben, 71 Prozent der schwangeren Teenager, 70 Prozent der Jugendlichen in staatlichen Einrichtungen, 80 Prozent aller Heimkinder, 85 Prozent aller jugendlichen Häftlinge, 71 Prozent aller Schulabbrecher und 75 Prozent aller Heranwachsenden in Drogenentzugszentren.

Psychotherapeutin Schoch sagt dazu: «Die Wahrscheinlichkeit, ohne Vater aufzuwachsen, ist für ein Kind mit einem sehr alten Vater relativ hoch. Diese Statistik sollte aber nicht nur ‹alten› Vätern zu denken geben, sondern auch jüngeren, die ihre Verantwortung für die Familie nicht wahrnehmen.»

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