Tiere
Spanisches Blut für Schweizer Bergvögel: Zwei Bartgeier in Obwalden ausgesiedelt

Einst wurden sie ausgerottet, nun sind sie wieder heimisch. Die einzige Gefahr, die den Bartgeier in den Alpen noch droht, liegt in ihren Genen.

Niklaus Salzmann
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Bartgeier-Auswilderung 2020
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Was aussieht wie Wilderer, sind in Tat und Wahrheit Naturschützer.
Über unwegsames Gelände werden die Bartgeier zu ihrer Felsnische gebracht.
Noch sind die jungen Bartgeier nicht flügge. Sie werden in den kommenden Wochen vom Team der Stiftung "Pro Bartgeier" mit Futter versorgt.
Bei "Luzerna" ist die verlängerte Luftröhre im Schnabel gut zu sehen.
Im Unterschied zu anderen Geiern ist der ausgewachsene Bartgeier auch an Kopf und Hals kräftig befiedert.

Bartgeier-Auswilderung 2020

Pro Bartgeier

Es war am Sonntag nicht das Wetter für Sonntagsausflüge. Kein Sonnenstrahl drang zum Melchsee durch, der Nebel blockierte jegliche Aussicht, es regnete. Was hatten bloss die beiden Menschen in ihren grünen Regenschützen mit den sperrigen Holzkisten auf dem Rücken dort vor? Der gebückten Haltung nach zu schliessen, waren die Kisten schwer. Die Luftlöcher deuten auf lebendige Ware hin. Wilderei? Nein – die beiden sind in die falsche Richtung unterwegs, sie marschieren von der Bergstation aus noch weiter in die Höhe. Und sie werden von einer Horde Menschen mit Fotoapparaten und Feldstechern begleitet.

Hier in Obwalden wurde am Sonntag das Gegenteil von Wilderei gemacht: Die Tiere in den Kisten, zwei junge Bartgeier, wurden ausgesiedelt. Publikum war erwünscht, schliesslich ist die Wiederansiedlung der Bartgeier ein Vorzeigeprojekt des Naturschutzes. Einerseits ist es bereits von Erfolg gekrönt; von den einst ausgerotteten Tieren leben inzwischen wieder rund hundert in der Schweiz. Andererseits eignet sich der Bartgeier als Sympathieträger: Er ist im Flug leicht zu erkennen und imposant.

Saubere Nahrung, ausgeklügelte Fresstechnik

Mit bis zu 2,90 Meter Spannweite ist er der grösste Vogel der Schweiz, doch er ist kein gefährlicher Jäger, sondern ernährt sich von Aas. Die erwachsenen Bartgeier haben dabei eine spezielle Vorliebe für ein Nahrungsmittel, das ihnen kaum jemand streitig macht: Sie fressen vorwiegend Knochen. Diese tragen sie hoch in die Luft und lassen sie aufs Geröll fallen, bis sie in mundgerechte Stücke zerfallen. Das ist eine saubere Sache – deshalb können sich die Bartgeier ein hübsches Federkleid an Kopf und Hals leisten, im Unterschied zu andere Geierarten, die in blutigen Kadavern herumwühlen und aus hygienischen Gründen am Kopf kahl sind.

Damit ihnen kein Knochensplitter im Hals stecken bleibt, reicht bei den Bartgeiern die Luftröhre fast bis zur Schnabelspitze. Das war auch bei den beiden Jungtieren «Fortunat» und «Luzerna» zu sehen, die am Sonntag auf der Melchsee-Frutt ausgewildert wurden. Die beiden können aber noch keine Knochen verdauen, sie werden in den kommenden Wochen noch vom Team der Stiftung Pro Bartgeier mit Fleisch gefüttert. Etwas mehr als neunzig Tage alt sind sie, die Körper schon ausgewachsen, nur die Flügel müssen noch etwas länger werden, bevor sie ihre ersten Rundflüge über die Obwaldner Alpen wagen können.

In Graubünden und im Wallis gab es bereits Nachwuchs

In der Schweiz werden seit 1991 Bartgeier ausgewildert, im Graubünden und im Wallis gab es bereits mehrmals Nachwuchs in freier Wildbahn. Die Auswilderungen in Obwalden begannen vor fünf Jahren, die ersten Vögel könnten nun geschlechtsreif sein. Natürliche Feinde haben sie keine. Auch der Mensch, der sie vor über hundert Jahren in den gesamten Alpen ausgerottet hat, bedroht sie nicht mehr – er weiss inzwischen, dass der einst als Lämmergeier verschriene Vogel keine Nutztiere tötet. Doch eine Gefahr droht der kleinen Bartgeierpopulation noch: Inzucht. Zwar können sie Hunderte Kilometer weit fliegen, aber der Genpool im gesamten Alpenraum ist noch so gering, dass vermehrt Erbkrankheiten auftauchen könnten.

Die beiden Neulinge wurden deshalb aus Spanien eingeflogen. Ihre Vorfahren stammen aus den Pyrenäen. Es bleibt zu hoffen, dass sich die eingesessen Zentralschweizer Bergvögel offen für die ausländischen Neuankömmlinge zeigen.