Soziale Medien
Drei Schweizer Intellektuelle zur Frage, ob sie nach den neuesten Enthüllungen noch auf Facebook sind

Eine Whistleblowerin stürzte Facebook letzte Woche in eine tiefe Krise, als sie Beweise für zweifelhafte Geschäftspraktiken vorlegte. Kann man das Netzwerk noch mit gutem Gewissen nutzen? Wir haben drei Schweizer Intellektuelle gefragt.

Simone Meier, Jonas Lüscher und Jürg Halter
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Simone Meier: Es geht um Gefühle

Die Frau eines guten Freundes hat neulich auf meinem Instagram-Account Bilder des Luzerner Malers Hans Emmenegger gesehen. Die Bilder sind in Lausanne ausgestellt, und da mein Freund in Genf lebt, ist seine Frau, die selbst Künstlerin ist, nach Lausanne gefahren und hat jetzt einen neuen Lieblingsmaler. Der Freund wiederum ist Schriftsteller, und ohne Facebook wäre er nicht mein Freund geworden, denn über den Facebook habe ich ihm vor Jahren mitgeteilt, wie gut ich seine Bücher finde.

Simone Meier, * 1970, Schriftstellerin und Journalistin. Zuletzt erschienen: «Reiz» (Kein & Aber, 2021).

Simone Meier, * 1970, Schriftstellerin und Journalistin. Zuletzt erschienen: «Reiz» (Kein & Aber, 2021).

Bild: zvg

Es gibt sie schon, die schöne, menschliche Seite der sozialen Medien. Aber grundsätzlich sind sie für mich ein Werkzeug. Sie übernehmen einen Teil der Distribution und Multiplikation meiner Inhalte. Meiner Artikel, Bücher und Veranstaltungen. Das mache ich nicht nur freiwillig, das fordern auch meine Redaktion, mein Verlag und meine Veranstalterinnen und Veranstalter. Ich füttere die Maschinen von Facebook, Twitter und Instagram unentwegt mit Daten und mit Zeit. Mit Fotos, Beobachtungen und Emotionen. Mit Mosaiksteinen von mir. Denn damit hole ich Follower.

Die sozialen Medien sind emotionale Medien, das hat keiner so gut gewusst wie Trump, das ist ihr Fluch, das macht sie zur Sucht und für viele zur Realitätsflucht. Früher hiess es, das Fernsehen sei das Lagerfeuer einer Nation. Es hat längst ausgedient. Heute lodern die Feuer unzähliger Gefühlsnationen auf den sozialen Medien. Alle finden da ein Gegenüber. Die Sensiblen und die Tobsüchtigen. Manche Feuer mögen wärmen. Andere stiften Brände.

Jonas Lüscher: Ungesund für den Einzelnen, schädlich für uns alle

Warum ich nicht bei Facebook bin? Darauf drängt sich mir sofort die Gegenfrage auf: Weshalb sollte ich? Die Gründe, weshalb ich mich von den sozialen Medien fernhalte, sind so zahlreich, und vor allem, deswegen auch die Gegenfrage, sehe ich darin keinen Nutzen, weder für mich persönlich noch für die Gesellschaft.

Dahinter steckt kein simpler kulturkritischer Reflex, keine milieubedingte, instinktive Ablehnung dessen, was, natürlich viel zu allgemein, als Digitalisierung bezeichnet wird, auch eine diffuse Technikskepsis ist mir fremd. Ich halte das Internet für eine grosse Kulturleistung und ein unerschöpfliches Archiv, ohne das ich meine Bücher nicht schreiben könnte – zumindest nicht so.

Meine spezifische Ablehnung der sozialen Medien speist sich aus zwei unterschiedlichen Richtungen, man könnte sie als die Frage des Tones und die Frage der Macht bezeichnen.

Ich mag zum einen schlicht den in den Netzwerken vorherrschenden Ton nicht. Am augenfälligsten ist es auf Twitter, wo ich mich manchmal zu Studienzwecken rumtreibe, weil ich wissen will, welche Themen dort gerade verhandelt werden, was die Leute dort beschäftigt – so wie ich gelegentlich eine «Weltwoche» oder eine «Bild»-Zeitung lese.

Jonas Lüscher, * 1976, Schriftsteller und Essayist. Sein letzter Roman: «Kraft» (CH Beck, 2017).

Jonas Lüscher, * 1976, Schriftsteller und Essayist. Sein letzter Roman: «Kraft» (CH Beck, 2017).

Bild: zvg

Twitter ist, ich kann es kaum anders beschreiben, eine Kloake, in der der Hass, die Häme, das Ressentiment und die Dummheit kübelweise übereinander ausgekippt werden. Sicher es gibt auch Gegenbeispiele, aber sie wiegen die Scheusslichkeiten nicht auf. Instagram? Eine einzige Feier der Eitelkeit und Oberflächlichkeit. Seit wann ist es okay, die ganze Zeit anzugeben, mit seinem Besitz, seiner Arbeit, seinem Aussehen, dauernd sein Privatleben zu veräussern, permanent allen unter die Nase zu reiben, was man gerade tut? Facebook? Eine Dauerwerbesendung für jeden Einzelnen. Ich hab grad diesen Artikel geschrieben, ich steh da auf der Bühne, ich back gerade Eierkuchen, und hört euch auch gleich noch meine Meinung zum Leinenzwang für Labradoodles an!

Dass das alles für den Einzelnen ungesund und für die Gesellschaft schädlich ist, ist jetzt also auch wissenschaftlich bestätigt. Aber haben wir das nicht bereits vermutet? Und Facebook wusste es, das wissen wir nun auch, schon längst. Auch das sollte uns nicht erstaunen.

Sicher, ich klinge gerade wie ein alter Sack, der seiner Zeit hinterherhinkt und kopfschüttelnd Anstand einfordert. Das Risiko gehe ich gerne ein; es gibt ja noch die Frage der Macht, und Facebook hat definitiv zu viel davon.

Allein durch die schiere Grösse und die ökonomische Potenz kommt es zu einer Machtkonzentration, die demokratiepolitisch besorgniserregend ist. In manchen Ländern, in denen der Onlinezugang sehr teuer ist, steht Facebook synonym für das Internet. Facebook bestimmt, was die Menschen zu sehen bekommen und was nicht. Die Idee Zuckerbergs, ein eigenes Währungssystem zu etablieren, hat glücklicherweise die Regierungen auf der ganzen Welt aufgeschreckt – aber vom Tisch ist die Idee noch nicht. Und da wäre noch die unselige Section 230 der US-amerikanischen Gesetzgebung, die die Internetplattformen von praktisch jeglicher publizistischen Verantwortung freispricht.

All dies sind genug gute Gründe, auf die Dienste dieser Unternehmen zu verzichten.

Aber wie ein Verzicht fühlt es sich eigentlich gar nicht an. Es gibt genug andere Möglichkeiten, miteinander im Gespräch zu bleiben – analoge und digitale.

Jürg Halter: Bullshit und Klugheit

Was ich in dieser Woche in den sogenannt sozialen Medien unter anderem gelernt habe: Wandern ist rassistisch, Antisemitismus ist kein Antisemitismus, wenn er nicht von rechts kommt, sondern Kritik, der Muezzin-Ruf von Diktator Erdogans Zentralmoschee in Köln fördert die Demokratie, und die Cannabislegalisierung ist das drängendste politische Problem unserer Zeit. Absurd, nicht? Aber das sind in den sozialen Medien Meinungen, die zwar nicht mehrheits­fähig sind, aber gemessen an ihrem Bullshit-Grad überraschend viel Zustimmung erfahren. Der Ausbreitung alternativer Fakten und einer fundamentalen Ideologisierung sei Dank.

Jürg Halter, * 1980, Schriftsteller und Speaker. Zuletzt erschienen: «Gemeinsame Sprache» (Dörlemann, 2021).

Jürg Halter, * 1980, Schriftsteller und Speaker. Zuletzt erschienen: «Gemeinsame Sprache» (Dörlemann, 2021).

Bild: zvg

In den sozialen Medien gibt es für viele Menschen nur Opfer oder Täter. In der Offline-Wirklichkeit gibt es selbstverständlich auch Opfer, die auch Täter sind, und Täter, die auch Opfer sind. Aber wenn es ums eigene Lager geht, sind besonders im Internet viele für Doppelmoral blind und pushen so Schwarz-Weiss-Denke, die sie jedoch ebendort gleichzeitig empört beklagen; ohne sich dieses offensichtlichen Widerspruchs bewusst zu sein. Und so kommt es, dass in den sozialen Medien hässliche Hetze nicht selten als Kritik verkauft und sachliche Kritik als Hetze diskreditiert wird.

Weshalb tue ich mir also diese täglichen antiaufklärerischen Enthemmungen an? Weil es in den sozialen Medien zum Glück auch die bedachten, selbstkritischen, nicht hetzenden, andere nicht unablässig vor- und verurteilende, andere Meinungen respektierende, sachlich, unideologisch und klug diskutierende Menschen gibt, von denen ich viel lernen kann – schade nur, dass solche Stimmen selten im Mittelpunkt der Netzdebatten stehen.

So bleibt der Wunsch, dass im Internet die differenzierende und differenzierte Meinungsweisheit der lauten, indifferenten Meinungsfreiheit irgendwann den Rang ablaufen wird. Jammerschade nur, dass ich kaum daran glaube, dass sich dieser Wunsch nur annähernd erfüllen könnte. Wie sieht’s also mit mir und den sozialen Medien aus? Beziehungsstatus (bleibt): kompliziert.

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