Wintersport
Sollen unsere Kinder noch Skifahren lernen?

In den Bergen ist Hochsaison. Skifahrer aus dem Flach- und Bergland steigen wieder auf ihre Bretter, die ihnen mehr bedeuten als reiner Zeitvertreib. Doch sollen wir unsere Kinder - wie es die Tradition will - unbedingt ins Skilager schicken?

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Für Sportredaktor Etienne Wuillemin ist es reines Glück, an dem die jüngere Generation ebenfalls teilhaben soll. Für Zurzach-Redaktorin Nadja Rohner hingegen ist Skifahren eine moderne Form der Selbstkasteiung. Wir sollten unseren Kindern auch Alternativen aufzeigen, findet sie.

Lauter Glücksgefühle – und sogar die Strubbelfrisur ist egal Ich bin in Davos, gerade haben mich die letzten Sonnenstrahlen nochmals gekitzelt. Diese Zeilen schreibe ich noch in Skischuhen und Helm. Mein 18. Skitag der Saison endet. Zum Glück geht es am Montag in Pontresina weiter. «Bekommst du nie genug?», fragen Freunde. Nein, nie! Der Sonne auf der Piste entgegenfliegen, über den Schnee schweben, den Moment geniessen, davon kann ich nie genug bekommen. Auch der zweite Reflex – «Skifahren ist doch viel zu teuer. Und zu gefährlich sowieso» – ist falsch. Wer sein Geld in Schneesport investiert, erhält mehr als nur Spass und Glücksgefühle. Skifahren ist perfekt für die Work-Life-Balance. Mehr aktive Erholung ist kaum möglich. Ich fülle die Zeit in den Bergen aus, sie verstreicht nicht einfach, wie wenn ich im Januar an irgendeinem weit entfernten Strand liegen würde (und der gesparte Flug tut dem ökologischen Gewissen grad auch noch gut). Skifahren fördert auch die eigene Fitness. Und wer fit ist und über einen wachen Geist verfügt, braucht sich auf keiner Piste vor Unfällen zu fürchten. Bewegung an frischer Bergluft wiederum ist Gold wert für die Gesundheit und damit langfristig auch fürs Portemonnaie des Steuerzahlers. Dass ich mein Geld lieber in Schweizer Tourismusorten liegen lasse als im Ausland, soll nur nebenbei erwähnt sein. Wichtiger sind die sozialen Aspekte. Nach dem Pistensport sind zwei, drei Güx im Après-Ski ohne schlechtes Gewissen erlaubt. Die Zeit in den Bergen ist auch die Zeit, um Freundschaften zu pflegen oder zu schliessen. Wer Glück hat wie ich, lernt sogar die Frau fürs Leben kennen. Sogar die Strubbelfrisur ist egal, geht ja allen gleich. Solange ich keine eigenen Kinder habe, helfe ich Jugendlichen in Skilagern, die Leidenschaft für den Schneesport zu entdecken. Es ist interessant, bei wie vielen Kindern die Lehrer feststellen, dass sie in den Bergen viel mehr lachen als sonst. Derweil erinnere ich mich, wie ich damals – zugegebenermassen eher ein Weichei – stolz war, meine Angst vor Skiliften und dem schlechten Wetter zu überwinden. Ich werde meine Kinder nie zum Schneesport zwingen. Aber es ist das Mindeste, ihnen die Voraussetzungen zu schaffen für all die tollen Erlebnisse. Wer das nicht tut, hat einen Tritt in den Allerwertesten verdient. Mit Skischuhen.

Lauter Glücksgefühle – und sogar die Strubbelfrisur ist egal Ich bin in Davos, gerade haben mich die letzten Sonnenstrahlen nochmals gekitzelt. Diese Zeilen schreibe ich noch in Skischuhen und Helm. Mein 18. Skitag der Saison endet. Zum Glück geht es am Montag in Pontresina weiter. «Bekommst du nie genug?», fragen Freunde. Nein, nie! Der Sonne auf der Piste entgegenfliegen, über den Schnee schweben, den Moment geniessen, davon kann ich nie genug bekommen. Auch der zweite Reflex – «Skifahren ist doch viel zu teuer. Und zu gefährlich sowieso» – ist falsch. Wer sein Geld in Schneesport investiert, erhält mehr als nur Spass und Glücksgefühle. Skifahren ist perfekt für die Work-Life-Balance. Mehr aktive Erholung ist kaum möglich. Ich fülle die Zeit in den Bergen aus, sie verstreicht nicht einfach, wie wenn ich im Januar an irgendeinem weit entfernten Strand liegen würde (und der gesparte Flug tut dem ökologischen Gewissen grad auch noch gut). Skifahren fördert auch die eigene Fitness. Und wer fit ist und über einen wachen Geist verfügt, braucht sich auf keiner Piste vor Unfällen zu fürchten. Bewegung an frischer Bergluft wiederum ist Gold wert für die Gesundheit und damit langfristig auch fürs Portemonnaie des Steuerzahlers. Dass ich mein Geld lieber in Schweizer Tourismusorten liegen lasse als im Ausland, soll nur nebenbei erwähnt sein. Wichtiger sind die sozialen Aspekte. Nach dem Pistensport sind zwei, drei Güx im Après-Ski ohne schlechtes Gewissen erlaubt. Die Zeit in den Bergen ist auch die Zeit, um Freundschaften zu pflegen oder zu schliessen. Wer Glück hat wie ich, lernt sogar die Frau fürs Leben kennen. Sogar die Strubbelfrisur ist egal, geht ja allen gleich. Solange ich keine eigenen Kinder habe, helfe ich Jugendlichen in Skilagern, die Leidenschaft für den Schneesport zu entdecken. Es ist interessant, bei wie vielen Kindern die Lehrer feststellen, dass sie in den Bergen viel mehr lachen als sonst. Derweil erinnere ich mich, wie ich damals – zugegebenermassen eher ein Weichei – stolz war, meine Angst vor Skiliften und dem schlechten Wetter zu überwinden. Ich werde meine Kinder nie zum Schneesport zwingen. Aber es ist das Mindeste, ihnen die Voraussetzungen zu schaffen für all die tollen Erlebnisse. Wer das nicht tut, hat einen Tritt in den Allerwertesten verdient. Mit Skischuhen.

Mathias Marx
Pfeifen Sie auf Traditionen – es gibt genügend Alternativen Ich fahre Ski wie ein Traktor. Breitbeinig, unelegant. Das sage nicht ich, sondern die Skilehrer. Jahrelang versuchten diese braun gebrannten Damen und Herren, mir so etwas wie Stil auf den Latten beizubringen. Vergeblich. Irgendwann brachte einer Snowblades zum Ausprobieren mit, diese kurzen Pseudo-Ski. Ich mochte sie, damit fuhr ich sicherer. Sogar rückwärts und über Schanzen. Als Zwölfjährige ging ich das erste und einzige Mal ins Skilager. Mit meinen neuen Snowblades natürlich. Bloss waren die Lehrer der Meinung, damit könne man nicht richtig Ski fahren. Sie zwangen mich also, für das Lager auf adäquateres Material umzusteigen: lange Latten. Ich hasste sie (primär die Ski, weniger die Lehrer). Der Schnee auf der Bettmeralp war sulzig und schwer. Auf irgendeiner Abfahrt verlor ich die Kontrolle, die langen Ski kreuzten sich, ich stürzte und verdrehte mir die Beine. Schlimm wars nicht, der Frust aber grenzenlos. Seither habe ich mich geweigert, je wieder richtige Ski zu montieren. Ein paar Jahre fuhr ich mit meinen Snowblades weiter. Aber Leidenschaft für Skiferien kam nie richtig auf – hochfahren, runterfahren, anstehen, hochfahren, runterfahren. So langweilig! Und weil ich nebenbei in einer Arztpraxis arbeite und dort jeden Winter Skiunfall-Horrorstorys und zertrümmerten Knochen begegne, hab ich jetzt auch noch Schiss. Nicht vor meinem eigenen Unvermögen – vor all vor den anderen Irren auf der Piste. In den (Schnee-)Bergen bin ich aber dennoch gerne – bei strahlendem Sonnenschein und klirrender Kälte Sport zu treiben, ist herrlich, da stimme ich meinem Kollegen links zu. Die perfekte Lösung: Langlauf! Athletischer und schneller als Schneeschuhlaufen, ungefährlicher als Snowboarden und Skifahren. Und deutlich billiger: Für den Preis eines Saison-Loipenpasses gibts höchstens zwei Tageskarten in einem anständigen Skigebiet. Was mich begeistert, muss nicht allen gefallen. Wenn ein Kind Ski fahren will – nur zu. Eltern und Lehrer tun aber gut daran, auf Traditionen zu pfeifen und den Kids auch andere Wintersportarten zu zeigen (da gäbe es so einige Disziplinen, wo Nachwuchshoffnungen fehlen!). Schon mal Eisstock-schiessen ausprobiert? Und wenn sich ein Kind partout nicht für Wintersport begeistern kann, lassen Sie es im gemütlichen Chalet ein Buch lesen. Wie wärs mit «Drei Männer im Schnee»?

Pfeifen Sie auf Traditionen – es gibt genügend Alternativen Ich fahre Ski wie ein Traktor. Breitbeinig, unelegant. Das sage nicht ich, sondern die Skilehrer. Jahrelang versuchten diese braun gebrannten Damen und Herren, mir so etwas wie Stil auf den Latten beizubringen. Vergeblich. Irgendwann brachte einer Snowblades zum Ausprobieren mit, diese kurzen Pseudo-Ski. Ich mochte sie, damit fuhr ich sicherer. Sogar rückwärts und über Schanzen. Als Zwölfjährige ging ich das erste und einzige Mal ins Skilager. Mit meinen neuen Snowblades natürlich. Bloss waren die Lehrer der Meinung, damit könne man nicht richtig Ski fahren. Sie zwangen mich also, für das Lager auf adäquateres Material umzusteigen: lange Latten. Ich hasste sie (primär die Ski, weniger die Lehrer). Der Schnee auf der Bettmeralp war sulzig und schwer. Auf irgendeiner Abfahrt verlor ich die Kontrolle, die langen Ski kreuzten sich, ich stürzte und verdrehte mir die Beine. Schlimm wars nicht, der Frust aber grenzenlos. Seither habe ich mich geweigert, je wieder richtige Ski zu montieren. Ein paar Jahre fuhr ich mit meinen Snowblades weiter. Aber Leidenschaft für Skiferien kam nie richtig auf – hochfahren, runterfahren, anstehen, hochfahren, runterfahren. So langweilig! Und weil ich nebenbei in einer Arztpraxis arbeite und dort jeden Winter Skiunfall-Horrorstorys und zertrümmerten Knochen begegne, hab ich jetzt auch noch Schiss. Nicht vor meinem eigenen Unvermögen – vor all vor den anderen Irren auf der Piste. In den (Schnee-)Bergen bin ich aber dennoch gerne – bei strahlendem Sonnenschein und klirrender Kälte Sport zu treiben, ist herrlich, da stimme ich meinem Kollegen links zu. Die perfekte Lösung: Langlauf! Athletischer und schneller als Schneeschuhlaufen, ungefährlicher als Snowboarden und Skifahren. Und deutlich billiger: Für den Preis eines Saison-Loipenpasses gibts höchstens zwei Tageskarten in einem anständigen Skigebiet. Was mich begeistert, muss nicht allen gefallen. Wenn ein Kind Ski fahren will – nur zu. Eltern und Lehrer tun aber gut daran, auf Traditionen zu pfeifen und den Kids auch andere Wintersportarten zu zeigen (da gäbe es so einige Disziplinen, wo Nachwuchshoffnungen fehlen!). Schon mal Eisstock-schiessen ausprobiert? Und wenn sich ein Kind partout nicht für Wintersport begeistern kann, lassen Sie es im gemütlichen Chalet ein Buch lesen. Wie wärs mit «Drei Männer im Schnee»?

Aargauer Zeitung