Siegestaumel
Gestrandete Wale, kleine Feldherren oder grosse Dirigenten – wie Fussballer jubeln

Die einen wollen davonfliegen, andere verneigen sich oder ziehen fiese Grimassen: Eine Typologie der besten Torjubel.

Katja Fischer De Santi
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Xherdan Shaqiri zieht nach seinem Goal gegen die Türkei eine Grimasse.

Xherdan Shaqiri zieht nach seinem Goal gegen die Türkei eine Grimasse.

Ozan Kose / AP

Endlich ist es gelungen, der Ball ist im Netz, das Stadion bebt, dem Moderator überschlägt die Stimme, alle Kameras sind jetzt auf den Torschützen gerichtet, Nahaufnahme weltweit – und jetzt? Der moderne Profi-Fussballer muss auch im Siegestaumel noch abliefern. Der Variationen gibt es viele. Wir haben versucht, sie aufzulisten, von Tierimitationen bis Hand aufs Herz und ans Ohr.

Alle auf Einen

Italien gegen Tschechien in der Vorrunde der Euro 2020.

Italien gegen Tschechien in der Vorrunde der Euro 2020.

Keystone

Dass sich erwachsene Männer gegenseitig anspringen, kommt im Alltag eher selten vor. Im Fussball gehört es zum Standardrepertoire. Schafft es der Torschütze nicht, zu fliehen, wird er von seinen Mannschaftskollegen bestürmt. Ein natürlicher Reflex der Verbundenheit und Dankbarkeit, sagt die Sportpsychologie dazu. Die ultimative Steigerung des Anspringens ist der fleischgewordene Haufen, wenn Körper sich zu einem Berg türmen – meist begraben sie dabei den Torschützen unter sich, machen ihn fürs Stadion und die Welt unsichtbar. Allein die Mannschaft zählt. Nach dem Motto: einer für alle, alle auf einen.

Fliehende Torschützen

Der Engländer Harry Kane nach seinem 2:0 Treffer gegen Deutschland.

Der Engländer Harry Kane nach seinem 2:0 Treffer gegen Deutschland.

Andy Rain / Pool / EPA

Der Torschütze segelt mit weit gespreizten Armen über den Platz, die Teamkollegen jagen ihm hinterher. Erinnert ein bisschen an Ikarus, der, als er zu hoch fliegt, jäh ins Meer abstürzt. Ist wohl aber vielmehr ein Reflex des Spielers, der so der Haufenbildung (siehe oben) zu entkommen versucht – meist erfolglos. Ist darum eine gelungene Kombination von Mannschafts- und Individualjubel.

Das nackte (tätowierte) Ich

Hier kassiert Zlatan Ibrahimovic gerade eine gelbe Karte für sein Benehmen in der französischen Liga in 2015.

Hier kassiert Zlatan Ibrahimovic gerade eine gelbe Karte für sein Benehmen in der französischen Liga in 2015.

Keystone

Hätte der Weltfussballverband nicht eingegriffen und die Entblössungen mit der gelben Karte zu ahnden begonnen, das Spielfeld wäre vor lauter Sixpacks zur Chippendales-Parade verkommen. Sich als Spieler das Mannschaftsleibchen vom Leib zu reissen, ist das komplette Gegenstück zur Haufenbildung. Der Spieler feiert sich und seinen Körper, streift die Mannschaftszugehörigkeit ab, enthüllt das nackte Ich und vor allem seine Tätowierungen. Perfektes Beispiels für diesen Hyperindividualismus war die Reizfigur Zlatan Ibrahimovic. Nachteil der strengen Fifa-Regeln: Nun entblössen sich bei Goals nur noch die Fussballfans in den vorderen Rängen, ohne auch nur den Ansatz eines Sixpacks.

Archaisches Gebrüll

Dass die Schweizer Nationalspieler Goals schiessen können, haben sie nun gezeigt. Dass sie an ihren Jubelgesten noch etwas feilen sollten allerdings auch. Statt Freudentänze gab es archaisches Gebrüll, von dem man froh war, es nicht zu verstehen (Haris Seferovic), verschränkte Arme und eine fiese Grimasse (Xherdan Shaqiri), dazu seltsames Fingergefuchtle. Erst als die Aggressionen und Frustrationen endlich raus waren, kamen die Herzchen für die Liebsten. Ein schlechtes Beispiel ist auch der Österreicher Marko Arnautovic, der sich in seinem Torjubel derart emotional versteigerte, dass seine Kameraden versuchten, ihm den Mund zuzuhalten. Vergeblich, der nordmazedonische Spieler Ezgjan Alioski hatte etwas beleidigendes rausgehört. Ein Disziplinarverfahren ist eingeleitet.

Gefährlicher Ehering

Ein Match zwischen Servette FC und dem FC Aarau im Jahr 2000. Links: Paolo Diogo

Ein Match zwischen Servette FC und dem FC Aarau im Jahr 2000. Links: Paolo Diogo

Keystone

Dass der Torjubel auch gefährlich werden kann, musste der Servette-Spielers Paolo Diogo erfahren. Am 5. Dezember 2004 kletterte er freudetrunken den Stadionzaun hoch zu den Genfer Fans. Dabei bleibt er mit dem Ehering (er hatte erst kürzlich geheiratet) am Gitter hängen und reisst sich Haut, Fleisch und Knochen weg. Der Versuch, den Finger im Spital wieder anzunähen, misslingt. Die gelbe Karte für übertriebenen Torjubel gab es noch dazu.

Salut und falscher Adler

Der Doppeladler von Shaqiri in der Vorrunde der WM 2018 gegen Serbien.

Der Doppeladler von Shaqiri in der Vorrunde der WM 2018 gegen Serbien.

Keystone

Fussball darf nicht politisch sein, heisst es. Im Torrausch werden es die Fussballer dann eben doch. Die berühmten Doppeladler von Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri nach ihren Toren 2014 sind dafür unrühmliches Beispiel. Sie formten den doppelköpfigen Adler, das albanische Wappentier, mit ihren Händen nach. Teile der serbischen Fans werteten dies als Provokation. Man war aber vor allem in der Schweiz wochenlang empört und warf dem Duo «eine unterentwickelte politische Sensibilität» vor. Der Salut-Torjubel türkischer Fussball-Nationalspieler sorgt 2019 ebenfalls für Aufregung. War dieser doch den in Syrien eingesetzten türkischen Soldaten gewidmet und verstiess deshalb gegen die Uefa-Richtlinien.

Star-Dirigent in Aktion

Es gibt Spieler, die schiessen so viele Goals, dass sie sich nicht nur ikonische Jubelgesten zurechtlegen, sondern dem Publikum eine eigene Choreografie angewöhnen können. Cristiano Ronaldos «Siii»-Jubel ist bestes Beispiel dafür. Der Maestro macht einen Sprung in die Höhe, dreht sich dabei um 360 Grad, und bei der breitbeinigen Landung macht das halbe Stadion eine Art Urlaut. Funktioniert aber an der EM nicht wirklich zuverlässig, 109 Tore allein bei Länderspielen sind halt immer noch nicht genug, als das die halbe Welt ronaldo-hörig wäre.

Rockige Freudentänzchen

Roger Milla soll anno 1990 an der WM als Erster mit einem Lambada-Siegestänzchen nicht nur die Frauenwelt entzückt haben. Doch das ist länger her. Der moderne Torschütze rockt im Adrenalinschub schon mal die Eckfahne nieder, reisst sie aus wie ein Kriegsherr bei der Eroberung neuer Lande oder spielt mit ihr ein Luftgitarrensolo. Gross im Kommen sind gerade Gruppenchoreografien, die dann mal besser oder schlechter gelingen und meist dann doch in der Haufenbildung enden.

Diese isländische Mannschaft hat sich für jedes Goal eine eigene Choreografie ausgedacht

Quelle: Youtube

Hand aufs Herz

Kleine Geste, grosse Wirkung: Mit der Hand auf dem Herzen wird für eine grössere Sache getschuttet, und sei es für Mamma oder das Vaterland. Mit dem richtigen Gestus ausgeführt, nähert sich der Torschütze mit der Hand auf dem rechten Fleck einem Feldherrn oder Staatsmann an. Die Geste taugt zur Not auch zur symbolischen Darstellung von Heimatverbundenheit beim Erklingen der Nationalhymne (deren Text man immer noch nicht gelernt hat). Unbedingt mit der rechten Hand auszuführen.

Verkappte Kunstturner

Klose an der WM 2002.

Klose an der WM 2002.

Keystone

Es muss irgendwann in den 1980er-Jahren gewesen sein, als Mexiko- und Real-Madrid-Star Hugo Sanchez seine Tore mit einem Salto zu feiern begann. Es war die Geburtsstunde eines Trends, der bis heute anhält: die gekonnte Kunstturneinlage bei Goalgewinn. Wobei es nicht bei einem einfachen Salto, wie ihn etwa auch Miroslav Klose jeweils in perfekt gestreckter Haltung vorführte, blieb. Spieler wie der Nigerianer Obafemi Akinwunmi Martins führen ganze Kunstturnnummern mit dreifachem Flickflack und gestrecktem Salto vor. Und als Zuschauerin ist man erstaunt über den bedenkenlosen Überschwang und das Spiel mit dem Verletzungsrisiko.

Balsam für Fussballerseelen

Nochmals Shaqiri in der Vorrunde der WM 2018.

Nochmals Shaqiri in der Vorrunde der WM 2018.

Keystone

Rennt ein Spieler mit der Hand am Ohr übers Feld, will er mehr: mehr Jubel, mehr Respekt, mehr Energie. Eine provozierende Geste, ausgeführt meist von Spielern, die zuvor einiges einstecken mussten, sich missachtet fühlen. Das akustische Bad im Jubel als Balsam auf die geschundene Fussballerseele. Unkonzentriert-fahriges Herumschrauben am Ohr gefährdet diesen Effekt.

Siegestänze aus Gamewelt

Sergio Ramos veralbert Antoine Griezmann und dessen «fortnite» Siegestanz

Sergio Ramos veralbert Antoine Griezmann und dessen «fortnite» Siegestanz

Bild: Getty Images

Wenn Spieler im Freudenrausch wie Hühner herumgackern und dabei mit den Fingern ein «L» auf der Stirn formen, dann verschmilzt die Fussballwelt endgültig mit der Gamerwelt. Konkret mit «Fortnite», dem weltweit erfolgreichsten Videogame. Der französische Spieler Antoine Griezmann hat daraus seinen legendären Siegestanz «Take the L», was «Take the Loss» bedeutet, entnommen. Unter zockenden Fussballer-Profis sind Siegestänzchen mit Namen wie «Reite das Pony», «Roboter», «Wurm» oder «Zahnseide» äusserst beliebt. Lionel Messi hat schon nach Fortnite-Vorbildern gejubelt, Paul Pogba und Kai Havertz. Wundern sie sich also nicht ob des seltsamen Rumgehampels der Spieler, fragen Sie ihre zockenden Kinder, sie werden es ihnen erklären

Die spassigen Rutscher

Fabian Schär nach seinem Tor während der Qualifikation für die EM 2016.

Fabian Schär nach seinem Tor während der Qualifikation für die EM 2016.

Keystone

Das Rutschen auf allen möglichen Körperteilen zählt zu den neueren und spassbetonten Varianten des Jubels. Beliebte Variationen sind der «gestrandete Wal» mit den Armen nach hinten oder der «Rocker» auf den Knien. Gelingt am besten bei glitschigem Rasen, da aus der Welt der Erlebnisschwimmbäder importiert.

Kängurus und Kakerlaken

Die Sekunden des Jubels für Tierimitationen zu benutzen, ist ein anhaltender Trend, der zum Animalischen des Fussballs zu passen scheint. Die kühnsten Kreationen haben die Brasilianer getestet, einmal lagen sie wie Käfer auf dem Rücken und zappelten mit allen vieren – «wie weiss gekleidete Kakerlaken», lästerten Spötter. Auch Cristiano Ronaldo war früher den Tieren verfallen, er führte das «jubelnde Känguru» und den «hüpfenden Frosch» ein, hat aber beides auch schnell wieder aufgegeben. Der Wink Gottes, die Metaphysikerin unter den Jubel-Gesten. Bei diesem Goal, das gibt der Schütze mit den Zeigefingern nach oben zu, war höhere Macht im Spiel, der Mensch war nur das ausführende Werkzeug. Die Geste ist meist mit dem Blick gen Himmel verbunden. Das Tor wird zur Opfergabe, das Stadion zum Altar. Wird gerne mit Bekreuzigungen kombiniert.

Gelassen in der Pfanne rühren

Erwähnenswert sind noch jene Jubelgesten, die eine grosse Selbstbeherrschung, gar eine gewisse Emotionslosigkeit erfordern. Da gibt es Spieler, die sich in bequemer Liegestuhlpose im Jubel sonnen oder konzentriert einen imaginären Pfeil abschiessen. Andere hantieren mit einem imaginären Golfschläger. Ungeschlagen in ihrer Coolness ist aber die Jubelgeste des deutschen Nationalspielers Serge Gnabry. Trifft er, macht er danach oft mit seinen Händen eine Bewegung, als würde er mit einem Kochlöffel in einem Topf rühren. «Cooking» nennt sich diese Geste und ist dem NBA-Spieler James Harden entlehnt, der damit seine entspannte Überlegenheit demonstriert.