Infektionen
Sexuell übertragbare Krankheiten nehmen rasant zu — weil HIV therapierbar geworden ist

Syphilis ist zurück: Innert zehn Jahren haben sich die Fallzahlen verdoppelt, 2017 dürfte zum Rekordjahr werden. Grund dafür sehen Experten in der schwindenden Angst vor HIV.

Niklaus Salzmann
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Aus Angst vor HIV wurden Kondome früher konsequenter genutzt, vermutet Philipp Bosshard, Laborleiter der Dermatologischen Klinik des Universitätsspitals Zürich. (Symbolbild)

Aus Angst vor HIV wurden Kondome früher konsequenter genutzt, vermutet Philipp Bosshard, Laborleiter der Dermatologischen Klinik des Universitätsspitals Zürich. (Symbolbild)

KEYSTONE/CHRISTIAN BEUTLER

Casanova soll daran erkrankt sein, aber auch Franz Schubert, Friedrich Nietzsche und Heinrich Heine: Einst war die Syphilis eine wahre Seuche. Doch mit dem Aufkommen von Antibiotika im 20. Jahrhundert schien sie besiegt. Nun ist sie wieder zurück. «Wir entdecken jede Woche neue Fälle», sagt Philipp Bosshard, Laborleiter der Dermatologischen Klinik des Universitätsspitals Zürich. Jeder Fall muss dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) gemeldet werden. Dort zeigt sich ein deutliches Bild: Innert zehn Jahren haben sich die Fallzahlen verdoppelt, 2017 dürfte zum Rekordjahr werden.

1011 Fälle wurden fürs laufende Jahr bereits gemeldet. 2007 waren es insgesamt 552 gewesen. Mitte der Neunziger waren gar nur rund 50 Infektionen entdeckt worden, wie Philipp Bosshard sagt. «Wir gehen davon aus, dass die Leute damals mehr Angst vor HIV hatten als heute», sagt er. Entsprechend konsequent wurden Kondome verwendet, was als Nebeneffekt die Verbreitung der Syphilis verhinderte.

Übertragen wird die Krankheit durch direkten Kontakt mit feinen Verletzungen der Haut oder Schleimhaut. Das kann im Genitalbereich oder in der Mundhöhle sein, besonders häufig sind jedoch anale Ansteckungen. Als Risikogruppe gelten vor allem Männer, die mit Männern Sex haben. 90 Prozent der Infizierten sind denn auch männlich.

Berlin ist ein Syphilis-Hotspot

In Deutschland hat ein Forscherteam um Klaus Jansen vom Robert-Koch-Institut Berlin im Jahr 2015 eine Studie zu Syphilis durchgeführt. «Kondomloser Analverkehr ist zunehmend verbreitet», schreiben die Autoren. Als Syphilis-Hotspot gilt Berlin, laut der Studie ein Zentrum für homosexuellen Sextourismus.

Auch in der Schweiz grassiert die Krankheit vorwiegend in den Städten. Mit Abstand am meisten Ansteckungen im Verhältnis zur Bevölkerung gibt es in den Kantonen Genf und Basel-Stadt, gefolgt von Waadt und Zürich. Das dürfte sich durch die starken Schwulenszenen in den Städten und Agglomerationen erklären.

«Um eine weitere Zunahme zu verhindern, sollten Menschen aus der Risikogruppe häufiger untersucht werden», sagt er. Denn nicht immer stellen die Betroffenen selber Symptome fest. Zwar bildet sich dort, wo der Erreger in den Körper eingetreten ist, meist ein Geschwür. Im Analbereich bleibt dies aber oft unbemerkt. Zudem verschwinden die Symptome auch ohne Behandlung wieder. Auch die Hautausschläge, die im zweiten Stadium der Syphilis auftreten, gehen von selber vorbei. Bleibt die Krankheit unbehandelt, tritt sie aber — manchmal Jahre später — ins dritte Stadium ein, wo sie irreversible Schäden an Nerven, Haut und Herz anrichten kann.

Mit häufigeren Tests könnten mehrere Fliegen auf einen Streich geschlagen werden, denn auch Infektionen mit Tripper und Chlamydiosen haben über die vergangenen Jahre deutlich zugenommen und bleiben oft unerkannt. Das hat eine soeben veröffentlichte Studie der Klinik für Infektionskrankheiten des Universitätsspitals ergeben. Die beteiligten Forscher empfehlen deshalb Personen mit hohem Risiko, sich alle drei Monate Tests zu unterziehen.

Wird eine Syphilis rechtzeitig erkannt, ist sie einfach zu behandeln. «Im ersten Jahr der Infektion reicht eine einmalige Penicillinspritze, um den Patienten zu heilen», sagt Bosshard. Liegt die Ansteckung schon länger zurück, braucht es drei Spritzen. Erkrankte im dritten Stadium müssen dagegen während zweier Wochen im Spital bleiben.

Söldner verbreiteten die Seuche

Damit hat die Krankheit viel ihres Schreckens verloren, den sie in früheren Jahrhunderten verbreitete. Die Ursprünge in Europa sind unklar, möglicherweise hatte Kolumbus die Seuche aus Übersee mitgebracht. Mit den Kriegen Anfang der Neuzeit breitete sie sich dann rasch über den ganzen Kontinent aus – sowohl durch Heiraten zwischen Söldnern und Frauen der von ihnen aufgesuchten Länder als auch durch Vergewaltigungen und Prostitution. Syphilis wurde zur gefürchteten Epidemie.

Paracelsus empfahl die Behandlung mittels Quecksilber, das abführend wirkte und den Speichelfluss anregte – es herrschte der Glaube, die Erreger würden über Exkremente, Speichel und Schweiss den Körper verlassen. Die unweigerliche Nebenwirkung war allerdings eine Quecksilbervergiftung.

Das erste wirklich wirksame Medikament wurde erst im 20. Jahrhundert entwickelt: Salvarsan, eine Arsenverbindung, für deren Entdeckung der deutsche Wissenschafter Paul Ehrlich 1908 den Nobelpreis für Medizin erhielt. Damit war die Zeit der Syphilis als Epidemie vorbei. Es kam zwar nach den Weltkriegen und Anfang der Sechzigerjahre nochmals zu Anstiegen, jedoch in keinem Vergleich zum Ausmass vorheriger Jahrhunderte.

Auch mit der neusten Zunahme bleiben die Fälle weit hinter jenen von früher zurück. Trotzdem empfiehlt sich zum Schutz besonders für Männer, die Sex mit Männern haben, und für Personen mit wechselnden Sexualpartnern der Gebrauch von Kondomen. Diese sind inzwischen nicht nur angenehm im Vergleich zu frühen Exemplaren aus Seide, Leinen oder Tierdärmen, sondern auch recht sicher. Das Schicksal, das Casanova ereilte, droht nicht mehr. Er hatte sich angeblich trotz Verwendung von Kondomen mit Syphilis angesteckt.