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So etwas habe ich nie gesagt

Unser Autorin Tijana Nikolic über Selbstbeweihräucherung, Mitmenschen und Popcornmaschinen im Büro

Tijana Nikolic
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Tijana Nikolic

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Maria Schmid(neue Zz) / Neue Zuger Zeitung

Menschen waren mir seit je ein Rätsel – und ich vielleicht auch für sie. Oft machen sie komische Sachen und sagen Dinge, die mich zum Kopfschütteln bringen. Und das Lustigste ist, wenn man sie dann darauf anspricht, leiden sie plötzlich unter totalem Gedächtnisverlust oder sind Meister im Schönreden.

Manche ignorieren die Konfrontation gänzlich. In diesem besonderen Jahr scheint es, noch viel schlimmer zu sein. Menschen aus meinem Umfeld machen so viele Aussagen, die sie dann nie gemacht haben wollen, sodass man Lust bekommt, jede ihrer Aussagen aufzunehmen.

Ich meine, jeder von uns kann lügen. Aber wie, verflixt nochmals, kann man sich denn derart selbst belügen?!

Gut, schon Pipi Langstrumpf mache sich die Welt, wie sie ihr gefällt. Aber unterstützen kann ich diese «Frühdemenz» eher nicht. Warum muss man immer möglichst im besten Licht dastehen? Vor allem, warum muss man mich und andere für dumm verkaufen?

Ich will lieber kein Teil dieser Selbstscharade sein, mag die Wahrheit auch noch so hässlich sein. Wenn man dann ehrlich darauf reagiert, wird man mit bösen Blicken oder mit Augenverdrehen gestraft.

Und kurz darauf erfährt man immer weniger von dieser, einst teilweise nahestehenden, Person. Im Sinne von: Was fällt dir ein, mich beim Wort zu nehmen. Das war nur ein freier Gedankenentwurf und du hättest das merken müssen.

Sie sehen, es ist kein leichtes Unterfangen. Und in diesem vom Coronavirus geprägten Jahr ist es noch um einiges schwieriger. Auch die Selbstbeweihräucherungen haben stark zugenommen, ebenso das unaufhörliche Erzählen von sich selbst. Hier im Sinne von: Toll, dass du ein Lachsbrötchen zum Mittagessen hattest und auch toll, dass ihr jetzt an deinem Arbeitsplatz eine Popcornmaschine habt, aber darf ich jetzt nach zwei Stunden auch mal was von meiner bevorstehenden Operation erzählen.

Dieses Zuhören hat für mich etwas mit Respekt zu tun. Doch für manche Personen scheinen die Mitmenschen tatsächlich eine Art Mülltonne ihrer Gedanken zu sein. Man nenne mich ruhig altmodisch, aber für mich waren und sind ein respektvoller Umgang mit anderen, Höflichkeit und Zuvorkommenheit verdammt sexy.