Frank Rühli hat Hunderte von Mumien untersucht. Er kennt die Löcher in ihren Zähnen, die Verkalkungen in ihren Arterien, die Bakterien in ihren Organen. Und doch befällt den Mumienforscher Ehrfurcht, als wir im Ägyptischen Museum in Kairo den kleinen klimatisierten Raum mit den Königsmumien betreten. «Es berührt mich jedes Mal», sagt er, «da liegen die grossen Herrscher des alten ägyptischen Weltreichs beieinander, es ist der Wahnsinn.»

Zwei Dutzend der wichtigsten Pharaonen liegen hier; mit Haut und Haar, Zehen- und Fingernägeln. Sie gehören jedoch nicht zu den vielen Mumien, die Frank Rühli bereits selbst untersucht hat. Noch nicht. Der Uni-Professor hofft, demnächst an einem Projekt teilhaben zu können. Er möchte herausfinden, wie die Mumien genau beschaffen sind – wie alt diese Menschen wurden, unter welchen Krankheiten sie litten, was sie gegessen haben, woran sie starben und ob sie sich tatsächlich so in den Stammbaum fügen, wie Historiker es annehmen.

Frank Rühli scheint mit den Akten dieser Wunschpatienten bereits bestens vertraut. Merenptah: «Seine Haut ist heller; bei seiner Mumifizierung dürfte mehr Salz verwendet worden sein.» Seqenenre: «Läsionen, Stiche und Hiebverletzungen im Gesicht», sie hätten zu seinem Tod geführt. Königin Hatschepsut, die mit viel List als Mann Ägypten regierte: «Der klare Nachweis, dass diese Mumie wirklich mit ihr identisch ist, steht noch aus.» Amenhotep I.: «Die einzige Königsmumie, die in der Neuzeit nicht ausgewickelt wurde.» Wohl wegen der besonders zarten Gesichtsmaske.

Früher wurden Mumien oft grob aufgeschlitzt. Die Neugier war gross, die ethischen Standards tief. «Heute machen wir sie nicht mehr auf», betont Rühli. Danke neuster bildgebender Verfahren ist das auch gar nicht mehr nötig. Mit Computer- und Magnetresonanztomografie (CT und MRT) lässt sich tief und doch schonend in die fragilen Körper eindringen. Im Grunde werden Mumien heute fast wie lebende Patienten behandelt: Man untersucht sie so wenig invasiv wie möglich. Die neuste Technik verhilft zu mehr Ethik.

Spärliches, gelbliches Haar klebt am hageren Kopf einer Mumie, die besonders alt aussieht. «Ramses II.», sagt Rühli. Der Pharao herrschte von 1279 bis 1213 vor Christus über das alte Ägypten, während 66 Jahren also, so lange wie kaum ein anderes Staatsoberhaupt. Man schätzt, dass er im Alter von 92 starb. Rühli könnte es überprüfen. Auf den ersten Blick sieht der Mumienexperte bereits, dass der prominenten Herrschernase postum mit Füllungen nachgeholfen worden ist. Quasi eine Botoxbehandlung.

Eine Mumie ist in unserer Wahrnehmung etwas zwischen Objekt und Mensch. Man muss es sich bei ihrem Anblick immer wieder selbst sagen: Das hier war ein Mensch, der vor ein paar tausend Jahren gelebt hat. Ein Mensch, der sich vieles vorstellen konnte, zum Beispiel ein ewiges Weiterleben im Jenseits – aber kaum, dass er einmal als Ausstellungsstück in einem Museum landet.

Grundlage für moderne Medizin

Ist es ethisch vertretbar, was wir heute mit Mumien anstellen? «Ja, solange wir sie mit Respekt behandeln und die Untersuchungen an ihnen wissenschaftlich sinnvoll sind», findet Rühli. «Ich gehe davon aus, dass der Mensch dem Menschen grundsätzlich helfen will.» Und das können Mumien seiner Ansicht nach. Denn ihre vor Verwesung bewahrten Körper erzählen nicht nur über die damaligen Lebensumstände, ihre Bakterien könnten uns auch wertvolle Hinweise zur Krankheitsbekämpfung liefern. So gab es schon damals Malaria, Tuberkulose oder Lepra.

Wie und wann sind diese Erreger mutiert, wie wurden sie wogegen resistent? Die Erforschung der Evolution von Krankheitserregern bietet im besten Fall die Grundlage für neue Medizin.

Rühlis Lieblingsmumie, Tutanchamun, liegt nicht in dem Museumsraum, sondern, als einzige der Königsmumien, am Ort ihrer Bestattung, im Tal der Könige bei Luxor. Aber Rühli hat Tuts Innerstes gesehen: auf Hunderten von CT-Bildern. Dem armen Tut seien schon viele Todesursachen angedichtet worden. Rühli konnte die Theorie eines Schlags auf den Hinterkopf ausschliessen. «Der Schädel wurde erst postum beschädigt.» Wahrscheinlich starb Tutanchamun im jungen Alter von 19 Jahren nicht aufgrund eines Mordanschlags, sondern eher unspektakulär «an den Folgen eines Oberschenkelbruchs».

Mit an Wahrscheinlichkeit grenzender Sicherheit getötet wurde dagegen der Eismann Ötzi, durchbohrt von einer Pfeilspitze. Vor rund 5300 Jahren. Ötzi litt zudem an einer Laktoseintoleranz – das gab es damals erstaunlicherweise bereits ebenso wie Arterienverkalkung. Neben Tut ist die Gletschermumie Ötzi die prominenteste, die Rühli je untersuchen durfte. Als Experte wird er weltweit immer wieder beigezogen: für die Hockermumien in Peru bis zu den Salzmumien im Iran.

Die ägyptischen Mumien faszinieren ihn trotz dieser Konkurrenz bis heute am meisten. In Ägypten wurde das Mumifizieren über Jahrtausende hinweg perfektioniert. Hinzu kommt ein raffinierter Totenkult, begleitet von einer Fülle an Gebäuden, Schriften, Bildern und Gegenständen. Beides ist aus dieser Tausende von Jahren zurückliegenden Welt erhalten: die Menschen und ihr Umfeld.

Forscher wie Rühli kennen Mumien bis ins Mark. Ihr Genom wird rekonstruiert, ihre Körper Schicht um Schicht durchleuchtet. In Zukunft sollen auch Museumsbesucher mithilfe von interaktiven 3-D-Darstellungen auf Bildschirmen tiefe anatomische Einblicke erhalten. Wir kennen diese Menschen heute besser, als sie sich zu Lebzeiten selbst kennen konnten. Jedenfalls ihre Körper. Aber wir kennen keinen einzigen Gedanken, der ihnen durch den Kopf gegangen ist. «Man kann nur sehr generell durch Papyri und andre kulturelle Kontexte schliessen, was diese Menschen umgetrieben hat», sagt Frank Rühli.

Neue Heimat für Pharaonen

Zwei Tage später hält der Zürcher Professor in Kairo eine Vorlesung vor ägyptischen Studenten und Kuratoren. Er stellt die neuste Untersuchung im Rahmen seines Swiss Mummy Project vor: Zum ersten Mal werden die Organe der Mumien durchleuchtet. Leber, Lunge sowie Magen und Darm. Die alten Ägypter nahmen die gefährlich feuchten Organe aus den zu trocknenden Körpern heraus und bewahrten sie in Krügen auf, sogenannten Kanopen. Nur das Herz legten sie meist zurück.

Rund 140 Kanopen aus 12 Museen untersuchen Rühli und sein Team zurzeit. Erste Erkenntnis: Viele sind leer. Da ist übereifrig gereinigt worden. Zweitens: Bei den meisten Organen wurde nie überprüft, zu welcher Mumie sie gehören. Aber gemäss Rühli die vielleicht erstaunlichste Erkenntnis bisher: In manchen dieser einbalsamierten Organe wurden mehrere tausend chemische Komponenten nachgewiesen. Darunter zum Beispiel Bienenwachs und Zedernöl.

Die Vorlesung findet in einem Raum des Museums für ägyptische Zivilisation statt. Ein Teil des Gebäudes ist noch im Bau. Hierhin sollen diesen Juni die Königsmumien aus dem Ägyptischen Museum umziehen. In neuen prunkvollen Räumen soll bald jeder Pharao mehr Raum haben, würdiger und schöner ausgestellt werden.

Angesichts der vielen Baugerüste sollten Rühli und die Mumien sich den Umzugstermin erst mit Bleistift eintragen. Für Letztere zumindest kommt es auf ein paar Monate Verzögerung kaum an.