Digitalisierung

«Sei kreativ» ist das Credo der künftigen Arbeitswelt – doch was bedeutet das überhaupt?

Ob Manager oder PR-Agent: Wenn Menschen nicht durch Maschinen ersetzt werden wollen, müssen sie kreativ und flexibel sein.

Ob Manager oder PR-Agent: Wenn Menschen nicht durch Maschinen ersetzt werden wollen, müssen sie kreativ und flexibel sein.

Digitalisierung, künstliche Intelligenz und Automatisierung werden unsere Arbeitswelt in Zukunft gehörig umkrempeln. Da klingt das neue Credo der Kreativität vielversprechend – und doch birgt es Gefahren.

Für die einen bedrohlich, für die anderen verheissungsvoll: 48 Prozent der Stellen in der Schweiz könnten durch Maschinen ersetzt werden, analysierte die Beratungsfirma Deloitte Ende 2015.

«Der entscheidende Faktor ist, wie stark eine Beschäftigung auf Kreativität, soziale Interaktion oder besonderen Kundenservice setzt.» Wo es Einfälle und Empathie braucht, bleibt weiterhin der Mensch gefragt.

Doch was bedeutet es eigentlich genau, kreativ zu sein? «Kreativität generiert sich aus dem, was sein könnte, aus dem potenziell und ungeahnt Möglichen», heisst es dazu bei der Zürcher Hochschule der Künste.

Auf der Basis vermeintlich unlösbarer Probleme neue Ideen zu kreieren, erfordert Fachwissen und vor allem Offenheit für das Unerwartete, Freude am Experiment und Toleranz gegenüber dem Scheitern – wie ein Künstler eben. Sollten wir also in Zukunft alle ein wenig die Haltung eines Künstlers einnehmen?

Tatsächlich hat die Arbeitswelt in den vergangenen Jahrzehnten Organisationsformen angenommen, die wir mit dem künstlerischen Dasein verbinden. Seit den 60er-Jahren verkörpert es das Ideal eines sinnerfüllten und unabhängigen Lebens – ganz im Gegensatz zum 8-to-5-Job mit seinen klaren Regeln und starren Hierarchien.

Heute können sich 44,6 Prozent der Arbeitnehmenden in der Schweiz ihre Arbeitszeit frei einteilen, 36,7 Prozent arbeiten Teilzeit, rund ein Fünftel zumindest gelegentlich von zu Hause aus. Die strukturierende Einheit ist das Projekt und am Anfang einer Teamarbeit steht das Brainstorming.

Der Künstler als Unternehmer

Mit der globalen Arbeitsteilung hat sich der Westen auf Dienstleistungen und Wissensarbeit spezialisiert, entwickelt Hard- und Software und vermarktet sie.

Designer, Film-Produzenten, Grafiker oder PR-Agenten: Sie alle tragen dazu bei, einer relativ wohlhabenden und mit reichlich Freizeit gesegneten Gesellschaft den Konsum von Produkten und kulturellen Angeboten schmackhaft zu machen.

Kreative Zugänge und ökonomische Grundsätze durchdringen sich – damit ist der Künstler auch zum Unternehmer geworden.

Beste Voraussetzungen also dafür, dass sich ein jeder selbst verwirklichen kann? Nicht unbedingt, meint Susanna Perin, Kunst- und Kulturschaffende sowie Geschäftsführerin von Visarte Aargau, dem Berufsverband der visuellen Künste.

Der Kulturbereich ist mit Herausforderungen konfrontiert, die symptomatisch für Entwicklungen in der Gesamtwirtschaft sind. «Ein grosser Teil des Kultur-Budgets geht an die Infrastruktur und Digitalisierungsprojekte», beschreibt Perin die Situation. «Institutionen generieren keinen Inhalt.» Sie bieten den Raum – Musiker, Kunstschaffende, Performer das Programm.

Dasselbe Bild zeichnet sich in anderen Branchen ab: Unternehmen investieren in Algorithmen und Plattformen, die wenige Angestellte zentral unterhalten und viele externe Zulieferer speisen.

Bei der ABB in Baden steuern Spezialisten softwarebasiert den Betrieb von Kupferminen in der ganzen Welt. Die Swisscom delegiert ihren Kundenservice an «Swisscom Friends»: Wer Hilfe braucht, findet Nutzer in seiner Nähe für den technischen Support.

Medienunternehmen setzen auf Leserreporter und Marktplätze, um die eingebrochenen Aboerlöse zu kompensieren.

Damit verändern sich auch die Erwerbsmodelle. Unternehmen sparen Geld, indem sie projektbezogene Arbeiten an externe Dienstleister vergeben und auf feste Arbeitsplätze für ihre heimarbeitenden, temporär oder Teilzeit Angestellten verzichten.

Sich wie ein Musiker von Auftritt zu Auftritt zu hangeln, verleiht ein Gefühl von Freiheit. Das ist verlockender als ein Leben geprägt von nervtötender Routinearbeit, einem autoritären Chef oder dem demütigen Gang zum Arbeitsamt.

Doch jeder Künstler kennt auch die Schattenseiten seines Berufes: tiefe Gagen, Versagensängste, und das stete Weibeln ums nächste Engagement. Mit unsicheren Einkommen, befristeten Anstellungen und lückenhaften sozialen Sicherheiten sind aber längst nicht nur Künstler konfrontiert.

Eine Studie von Ecoplan aus dem Jahr 2013 zeigt, dass der Zuwachs an Praktikumsstellen für atypisch-prekäre Arbeitsverhältnisse sorgt: Zwischen 2004 und 2008 waren zwei Drittel (13 000) der neu geschaffenen, als «unerwünscht unsicher» bezeichneten Stellen Praktikumsplätze.

Vor allem für Personen zwischen 25 und 40 Jahren mit Hochschulabschluss ist die Wahrscheinlichkeit gestiegen, befristet zu einem tiefen Lohn angestellt zu werden, wie die Auswertung zeigt.

Alte Strukturen werden abgelöst

Eine Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW aus dem Jahr 2007 kommt ausserdem zum Schluss, dass unter Kulturschaffenden der Anteil von Selbstständigen viermal höher ist als in der Gesamtwirtschaft.

Mehrfachbeschäftigungen kommen doppelt so häufig vor, befristete Anstellungen sogar siebenmal so oft. Damit verbunden sind häufig ein schwankendes Einkommen und mangelnde berufliche Vorsorge.

Der Kreativwirtschaftsbericht 2016 zeigt, dass 96 Prozent der erfassten Unternehmen Micro-Betriebe sind, rund drei Viertel davon bestehend aus ein bis zwei Personen. Die Zahl der Beschäftigten und Betriebe in diesem Bereich wächst stärker als in der Gesamtwirtschaft. Künstlerisch-kreatives Denken spielt sich eben meist losgelöst von althergebrachten Strukturen ab.

Susanne Perin vom Berufsverband Visarte fordert deshalb eine konsequente Auseinandersetzung mit den Rahmenbedingungen von Kreativität. Themen wie soziale Sicherheit, Leitlinien für eine faire Vergütung von projektbezogenen Leistungen oder der Zugang zu günstigem Wohn- und Arbeitsraum werden über den Kreis von Kulturschaffenden hinaus relevant.

Die Grenzen zwischen Kunst, Kultur, Marktwirtschaft und Wissenschaft lösen sich auf. Der jüngste Kreativwirtschaftsbericht spricht von «creative occupations»: Ein Game-Designer etwa kreiert ein Spiel für einen Entertainmentkonzern, wirkt daraufhin bei einem Kunstprojekt mit und geht als Nächstes eine Forschungspartnerschaft mit der Universität ein.

Ökonomische Wertschöpfung und künstlerischer Anspruch variieren bei diesen Beschäftigungen stark. Qualität wird zu einer Grösse, die sich nicht mehr einfach messen lässt. Arbeit gestaltet sich künftig im Spannungsfeld zwischen persönlichen Anliegen, Nachfrage und dem Druck, die Existenz zu sichern. Der Schritt in die Selbstausbeutung ist ein kleiner.

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